Keimlinge

Platz für (FH) Kunst ist überall. Auch auf einer ausgebauten Spüle.Die Fachhochschule Kunst in Arnstadt ist eine noch junge Bildungseinrichtung – mit hoffnungsvollen Studentenzahlen, vielen Ideen und wachsenden Angeboten. Doch noch braucht das zarte Pflänzchen reichlich Pflege. So wie die Keimlinge, die jetzt einem Projekt den Namen gaben. Ein Besuch vor dem Tag der offenen Tür im Mai 2011.

Johanna Rau sitzt im Hof der alten Schule in der Lindenallee 10 in Arnstadt und füllt Kaffeebecher mit Erde. Sie studiert Freie Kunst an der Fachhochschule in Arnstadt. Die Becher sind Plastik-Abfall von der hauseigenen Kaffee-Maschine, und die Erde stammt aus einem Hochbeet in der Mitte des Hofes, auf dem früher eine Fichte stand. Gefallen hat es keinem so recht, aber getroffen hat man sich schon immer dort. Jetzt wird die Erde entfernt, aus dem früheren Hochbeet soll ein „Sozial-Carrée“ werden. So nennt sich ein Projekt innerhalb des Seminars „Soziale Plastik“ von Dozentin Christiane ten Hoevel.

Die Erde aus dem Beet wird für ein weiteres Projekt verwandt, das sich „FH Keimlinge“ nennt und eine eigene Seite bei „Facebook“ hat. Wer an diesem Sonnabend zum Tag der offenen Tür kommt, kann einen solchen Kaffeebecher mit einem Feuerbohnen-Keimling mitnehmen. Was sich daraus entwickelt, ist offen. Wie das „Sozial-Carrée“ am Ende aussieht, auch. „Wir wissen es auch noch nicht genau“, sagt der Student Martin Hoffmann, der sich um die Keimlinge kümmert, „das hängt davon ab, wie unsere Ideen angenommen werden.“

Der „Keimling“, um den sich Horst Schaffarczyk zu kümmern hat, ist die Fachhochschule selbst. Der Kanzler der Einrichtung sitzt hoch oben unterm Dach, aus seinem Büro hat er einen wunderbaren Blick über die Arnstädter Innenstadt. „Wir haben im Dezember alle Studiengänge auf europäischer Ebene akkreditiert bekommen“, sagt er stolz, „mit Sternchen“. Das könnten nicht viele private Hochschulen von sich sagen. Und Schaffarczyk nennt bereits die nächsten Studiengänge, die in Vorbereitung sind.

„Change Management“ zum Beispiel, ein berufsbegleitendes Studium vor allem an Wochenenden. Die Notwendigkeit dafür liegt auf der Hand, in allen Teilen der Gesellschaft ändert sich etwas, aber diese Veränderungen werden von den Betroffenen oft als negativ empfunden. „Es geht darum, Veränderungen verständlich zu machen – und die Leute in den Prozess einzubeziehen.“

Auch die kurze Geschichte der FH Kunst war schon voller Veränderungen. Rektoren kamen und gingen, manchmal war das für die Studenten und die Öffentlichkeit nur schwer zu verstehen. Doch nun, sagt der jetzige Rektor Michael Kohr, ist eine Phase der Stabilität erreicht. Die Hochschule hat knapp 80 Studenten, 35 weitere sind schon angemeldet, unabhängig vom Interesse an diesem Sonnabend zum „Tag der offenen Tür“. Und man hofft, vielleicht im nächsten Jahr die Zahl von 200 Studenten zu erreichen. Dann wäre die Startphase erfolgreich abgeschlossen.

Neue Bildungseinrichtungen haben es immer schwer. Und private wie die FH Kunst ganz besonders. Sie müssen Studiengebühren verlangen – und erhalten keine Förderung. „Zumindest in Thüringen nicht“, sagt Kanzler Horst Schaffarczyk. Vergleichbare Schulen in anderen Bundesländern bekämen Geld vom Land. Warum ausgerechnet hier nicht, ist den Studenten schwer zu erklären.

Wenn wenig Geld da ist, muss man umso mehr Ideen haben. Daran, so scheint es, mangelt es nicht in dem alten Schulgebäude, das die FH im vergangenen Jahr bezogen hat. Begriffe wie „Design Management“ oder „Interieur Design“ fallen. Die Stimmung fühlt sich nach Aufbruch an, trotz des renovierungsbedürftigen Hauses. Und auch die Ausstrahlung nach außen nimmt zu, bei vielen Projekten in der Region ist die FH Kunst dabei. Wenn auch bisher eher im Verborgenen. Da muss noch einiges wachsen.

So wie bei den Keimlingen von Martin Hoffmann, die im Keller der Schule auf den Tag der offenen Tür warten. Zwei Tage vorher ist von ihnen noch nicht sehr viel zu sehen. Und auch über das „Sozial-Carée“ wird im Seminar noch gestritten. Die Studenten haben zwar teilweise sehr exotische Sitzgelegenheiten gebaut, aber wie sie angeordnet werden sollten, darüber gab es unterschiedliche Meinungen. Bis zum Tag der offenen Tür werde es wohl nur eine vorläufige Variante geben, sagt Christiane ten Hoevel. Das Ganze sei eben ein „Prozess mit ungewissem Ausgang“.

Horst Schaffarczyk ist derweil Kies besorgen, diesmal im Wortsinn. Der soll bis Sonnabend im „Sozial-Carrée“ verteilt werden, ehe die Gäste kommen. Keiner stört sich daran, dass sich darum der Kanzler selber kümmert. An der FH Kunst ist eben einiges anders.

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