McRost im Anflug?

Die Bratwurstfreunde auf dem Erfurter DomplatzDie Amerikaner, so ist in diesen Tagen oft zu hören, wollen uns unsere Thüringer Bratwurst nehmen. Oder noch schlimmer: Die Amis wollen uns IHRE Thüringer Bratwurst bringen. Wie sowas ausgeht, wissen wir doch. Ich sage nur:  Budweiser. Und wo wollen die die Bratwurst überhaupt reinpacken? Da gibts  doch nicht mal Brötchen!

Thüringen ist ein kulinarisches Einwanderungsland. Die Eingeborenen konsumieren Elsässer Flammkuchen, Wiener Schnitzel, Kasseler oder andere völlig ungeschützte Speisen wie den Königsberger Klops. Letzterer, von politisch korrekten Mitbürgern auch „Kaliningrader Semmelfleisch“ genannt, führt in Deutschland angeblich sogar die Liste der bekannten regionalen Spezialitäten an. Einen besonderen Schutz genießt der Klops freilich nicht, jeder kann hineinmengen, was er will und wo er es will. Denn Königsberg gehört Putin und nicht zur EU.

Holzhausen hingegen gehört zur EU. Es ist sogar eine ihrer wichtigsten Hauptstädte, denn hier wird europaweit einzigartig einem Kulturgut gehuldigt, dessen Bedeutung in kulinarisch verblendeten  EU-Staaten wie Frankreich oder Italien lange Zeit sträflich unterschätzt wurde, die Thüringer Rostbratwurst. Dieser Ignoranz wurde 2004 aber zum Glück ein Ende gesetzt, als die Thüringer Rostbratwurst in den Olymp erlesener europäischer Speisen einzog und von der EU das Prädikat „geschützte geografische Angabe“ erhielt. Es ist zwar nicht der höchste der Titel, denn darüber rangiert zum Beispiel noch das Siegel „geschützte Ursprungsbezeichnung“, für das  Erzeugung, Verarbeitung und Herstellung in einer Region stattgefunden haben muss. Aber das Bratwurst-Siegel verspricht sinngemäß: Das Schwein muss zwar nicht hier gewohnt haben. Aber der Fleischer hat hier seine Wurstküche.

Damit können die Thüringer und ihre Fleischer gut leben. Die  Thüringer laufen nicht mehr Gefahr, an einem Bratwurststand in Coburg oder Köln eine Thüringer Bratwurst offeriert zu bekommen und einen ungenießbaren Fleischriemen zu erhalten – und die Fleischer aus Weimar, Dornheim oder Aschara können ihre edlen Würste weit in die Welt hinaus vertreiben.  Bis an die Ostsee und den Atlantik werden in Thüringen hergestellte Bratwürste verkauft, sogar am  Stand am Kap Vincente in Portugal gibt es Würste aus Thüringen. Der dortige Betreiber rühmt sich sogar, die „letzte Bratwurst vor Amerika“ zu verkaufen.

Bratwurststand in Portugal
Bratwurststand in Portugal

Gerade aus  Amerika aber könnte der Thüringer Wurst nun Unheil drohen. Denn den USA gefällt nicht, dass in Europa so viele Lebensmittel wie die Thüringer Bratwurst und der Schwarzwälder Schinken unter Regionalschutz stehen und damit der Markt für amerikanische Firmen quasi zugesperrt ist. Diese Frage ist offenbar auch Gegenstand der ziemlich geheimen Verhandlungen über das Freihandelsabkommen „TTIP“ zwischen der EU und  den USA, wie der Bundes-Landwirtschaftsminister zu Jahresbeginn in einem SPIEGEL-Interview ausplauderte: Man könne künftig wohl nicht mehr jede regionale Wurst so schützen wie bisher.

Die Wurst-Frage nur ein winziges Detail in den Debatten um „TTIP“, denn die Auseinandersetzung ist wesentlich grundsätzlicher. Es geht darum, ob sich rein wirtschaftliche Interessen oder die gute alte demokratische Rechtsordnung durchsetzen. Es gibt zwar schon viele solcher Freihandelsabkommen mit anderen Staaten, aber bisher gelang es immer, die Öffentlichkeit – und auch die demokratisch gewählten Politiker –  bei den Verhandlungen nahezu völlig herauszuhalten. Bei TTIP ist das anders, hier wurde – vor allem in Internet-Blogs und Foren – frühzeitig  Alarm geschlagen, offen gelegt und protestiert, so dass unklar ist, wie die ganze Sache ausgeht. Kürzlich hat nun die EU-Kommission sogar ihr Verhandlungsmandat (zum Teil) offen gelegt, was einer kleinen Sensation gleichkommt. Darin heißt es:  „Die Verhandlungen zielen darauf ab, durch das Abkommen für einen besseren Schutz und eine stärkere Anerkennung der geografischen Angaben der EU zu sorgen“.

Also Entwarnung für die Thüringer Rostbratwurst?

Was TTIP betrifft, würde ich vorsichtig sein. Ein Mandat ist noch kein Verhandlungsergebnis. Aber es wird nicht mehr möglich sein, den Gang der Verhandlungen völlig unter der Decke zu halten. Dazu passen mittlerweile viel zu viele Leute auf, was da hinter verschlossenen Türen passiert. Und wenn alle Stricke reißen, gibt es immer noch die Bratwurstfreunde in Holzhausen mit dem ihnen eigenen Humor. Die wollen, falls die kulinarische Zuwanderung zu heftig werden sollte, „Thügidab“ gründen:  „Thüringer gegen den Import amerikanischer Bratwurst“.

Aber selbst, wenn der Regionalschutz für die Thüringer Bratwurst fallen sollte, wäre die Wurst nicht verloren. Vielleicht würde im schlimmsten Fall McDonalds ein wurstähnliches Konglomerat unter diesem Namen auf den Markt bringen, wie es es die Kette schon mal mit Würstchen von Uli Hoeneß versucht hat.

Wie es Uli Hoeneß danach erging, ist bekannt. Und sonst?

In Arnstadt gibt es unweit der McDonalds-Filiale auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums einen Rost mit wirklich außergewöhnlich guten Thüringer Rostbratwürsten. Die Schlange dort ist in der Mittagszeit so lang, dass man sich um die Zukunft der Thüringer Rostbratwurst wohl keine Sorgen zu machen braucht.

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