Ade Concordia (4): Kurzer Höhenflug und langes Ende

Nach der Wende erlebte das Jugendklubhaus einen ungeahnten Höhenflug. Viele Bands der alternativen Szene traten hier auf, begünstigt durch die Möglichkeit des Einsatzes von ABM-Kräften und „Zivis“ konnte die Veranstaltungstätigkeit wesentlich intensiviert werden. Allerdings dauerte diese Phase nicht lange an. Dann verfiel das Haus in einen Dornröschenschlaf, aus dem es nie wieder erwachen sollte.

Nach 1990 wurde auch im Jugendklubhaus alles anders. Der schräge Musiker Vicky Vomit hatte hier seinen ersten Auftritt als Solo-Künstler, bekannte Wende-Bands wie die „Skeptiker“ oder „Keimzeit“ gaben sich die Ehre und Olaf Schubert natürlich auch. Nicht als der Comedian, als den man ihn heute kennt, sondern als Schlagzeuger von „Dekadance“.

Foto: Alexander Basner

Wer wissen wollte, welche Trends angesagt waren, ging damals ins AJZ, wie das Jugendklubhaus nach 1990 auch genannt wurde. „AJZ“ stand für „Arnstädter Jugendzentrum“, der gleichnamige Verein hatte die Bewirtschaftung der Gaststätte im Erdgeschoss übernommen. Das Haus selbst blieb in städtischer Trägerschaft. Diese Konstruktion erwies sich als äußerst tragfähig, weil der organisatorische und finanzielle Spielraum eines Vereins wesentlich größer war und ist, als der einer städtischen Einrichtung. Hinzu kam die Möglichkeit des Einsatzes von ABM-Kräften und „Zivis“. „Es war jedes Wochenende etwas los – und das Wochenende begann oft schon am Donnerstag“, erinnert sich Andrea Böttger, damals stellvertretende Klubhausleiterin. Nicht nur für Jugendliche und junge Erwachsene, sondern auch für Kinder.

Die beliebten Fernsehfiguren um Käpt‘n Blaubär und Hein Blöd waren mehrfach zu Gast, es gab ein Öko-Projekt zur Begrünung der Außenwände und Kinderfeste. Das Haus lebte wie selten zuvor, wurde zu einem überregionalen Anziehungspunkt.
Doch diese Zeit der Euphorie dauerte nur wenige Jahre. Als sich Arnstadt zu einem Kristallationspunkt der rechten Szene entwickelte, mehrten sich auch die Angriffe auf dass „AJZ“. Auch wegen der Angriffe der Rechten festigte sich der Ruf des Jugendklubhauses, ein Treffpunkt linker autonomer Jugendlicher zu sein. Eine Entwicklung, die manche in der Stadt und im Rathaus mit Argwohn betrachteten.

Es passierten merkwürdige Dinge. Nach einem Konzertabend im Oktober 1992 tauchten an einem Sonntag der Bürgermeister und sein Stellvertreter in Polizeibegleitung unangemeldet im Jugendklubhaus auf und inspizierten den unaufgeräumten Saal. Weil sie unter anderem umgekippte Stühle und herumliegenden Müll vorfanden, wurden die Schlösser ausgetauscht und die sofortige Schließung des Hauses verfügt. Ein Foto des Saales fand sich am nächsten Tag unter der Überschrift „Bild des Grauens“ in der Lokalzeitung. Nach zwei Tagen allerdings wurde die Schließung wieder aufgehoben. Der Betrieb im Jugendklubhaus ging weiter.

Thüringer Allgemeine, Lokalausgabe Arnstadt

Dafür kam nun öfter die Bauaufsicht. Zunächst wurden Auflagen für die Besucherzahlen wegen der Statik des Hauses gemacht, später wurde sogar von einem Riss gesprochen, der sich durch das gesamte Gebäude ziehen würde. Als dann noch die Gaststätte im Erdgeschoss geschlossen wurde, waren die Tage der Jugendarbeit im Jugendklubhaus gezählt. Die Stadt beschloss, das Haus nicht weiter zu betreiben und eine ehemalige Kindertagesstätte auf der Setze zum Kinder- und Jugendtreff auszubauen. Im November 1996 erfolgte der Umzug.

Seitdem ist es gespenstisch still im Haus an der Karolinenstraße. Das Schlossmuseum nutzte einige Räume als Magazin, in andere zog die „Europäische Akademie Arnstadt“ ein. Von deren zeitweiliger Anwesenheit kündet noch heute eine blaue Plakette und der Schriftzug „Europahaus Arnstadt“ an der bröckeligen Fassade. Mittlerweile ist sie in den Prinzenhof umgezogen.

20 Jahre dämmerte das Haus vor sich hin und verfiel immer mehr. Erst in der vorerst letzten städtischen Finanzkrise wurde es zum Verkauf freigegeben. Den Zuschlag bekam die Wachsenburg-Baugruppe, die nun dort Wohnungen bauen will. Die alten Gebäude werden vollständig abgerissen.

Der Museologe Hansjürgen Müllerott hält das für einen schweren Fehler, nach seiner Meinung ist die „Concordia“ ein historisch wertvolles und erhaltenswertes Gebäude, unter dessen Putz noch zahlreiche Zeugnisse der Baukunst von 1846 verborgen sind.

Ich kann das nicht beurteilen, außer einem Säulen-Kapitell auf der Gartenseite habe ich keinen Hinweis auf die alte Substanz gefunden. Abriss und Neubau sind außerdem beschlossen und genehmigt.

Ich hoffe nur, dass sich die neuen Gebäude besser in das historische Ensemble vor dem Riedtor einfügen, als die Darstellung auf der Homepage der Wachsenburg-Baugruppe vermuten lässt. Manchmal sieht ein Neubau nach der Fertigstellung besser aus als auf der Zeichnung.  Wir werden sehen.

Was aber feststeht: Die Zeiten der Concordia und des Jugendklubhauses als gesellschaftlicher Treffpunkt an der Karolinenstraße sind vorbei. Es war ein Haus, das für eine innovative, lebendige Musikszene stand und viele Arnstädter beim Erwachsenwerden begleitet hat.

Schade, dass es so etwas in Arnstadt nicht mehr gibt.  Nicht das Gebäude, sondern das Leben darin.

Hier noch einige Fotos, die Alexander Basner jüngst im leeren Jugendklubhaus gemacht hat (Danke, dass wir sie hier zeigen dürfen):

 

Fotos: Alexander Basner

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