Alles blieb anders

Vor zehn Jahren erschien das Album Februar von Silly

Es war Februar 1989 und es hätte wohl ein Aufschrei durchs Land gehen müssen damals. Das SOS war unüberhörbar. Doch es gab keinen Aufschrei. Weder bei denen, die da bloßgestellt wurden, noch im Volke. Die LP Februar von Silly erschien, wurde mehr oder weniger nett besprochen und gespielt. Als sei nichts weiter gewesen in der DDR. Das Gespenst ging nur in der Mitropa um.

Das, was heute die Revolution genannt wird, begann leise. Das wohl wichtigste und beste Album von Silly (der frühe Tod von Tamara Danz läßt leider diese absolute Beurteilung zu) ist auch zehn Jahre danach ein Phänomen geblieben.

Februar entstand in einer Zeit der Entscheidungen. Und der Scheidungen. Der Texter Werner Karma, dem Silly maßgeblich den Wandel von der Pop-Kapelle zur Botschafts-Band verdankt, steuerte nur noch zwei Lieder bei. Es ging nicht mehr, eine gereifte Tamara Danz wollte mitreden bei dem, was sie sang, Karma niemanden mitreden lassen. So sprang Baggerfahrer und Liedermacher Gundermann ein. Er ließ mit sich reden. Und Tamara als Co-Autor auch etwas mitverdienen. Amiga zahlte nur für Autoren gut, Interpreten wurden mit einem Butterbrot abgespeist.

Auch privat war es für Tamara die Zeit des schwierigen Wechsels zwischen zwei Männern innerhalb der Band. Die Zeit mit Ritchie Barton war abgelaufen, die Liebe zu Uwe Haßbecker stärker als die Vernunft, daß man so etwas nicht macht in einer Kapelle. Es soll, beteuern alle, einigermaßen gutgegangen sein. Aber es führte auch künstlerisch dazu, daß ein Riß durch die Familie ging. Danz, Barton und Hasbecker machten die Titel, Fritzsching und Junck spielten mit. Jäcki Reznicek stand wohl irgendwo dazwischen.

Die wichtigste Veränderung war aber wohl die formale Ankunft der Band in der Marktwirtschaft. Die Aufnahmen wurden in den Westberliner Preußen-Ton-Studios gemacht, Februar war eine Co-Produktion von Amiga und BMG Ariola. Und da Ariola zahlte, hatte Amiga nur wenig zu bestellen. Die Technik war vom Feinsten, die Lieder aber waren ungefilterte DDR-Realität. Dieses glückliche Zusammenfinden gab es nur, solange es die DDR gab. Danach wollte Ariola Silly zwar weiterproduzieren, aber mit Matthias-Reim-Texten, wie die Band erfahren mußte.

Wie die Platte wurde, darauf hatten die DDR-Macher damals nur wenig Einfluß. Zu entscheiden blieb eigentlich nur, ob sie auch in der DDR erscheinen durfte. Warum das mit diesen Texten ging, läßt sich nur spekulieren. Eine Variante ist das mit der Perestroika einsetzende Tauwetter, gepaart mit Zivilcourage einiger Funktionäre. Die andere Möglichkeit: Die Platte wurde einfach mißverstanden. Schon der erste Song, die Verlorenen Kinder, läßt sich gut und gern auch als Kritik am untergehenden Kapitalismus interpretieren, Obdachlose und Streuner waren im Osten offiziell unbekannt. Und „Alles wird besser, aber nichts wird gut“ ist mit seiner Absage an die Überflußgesellschaft kein drängendes Problem des DDR-Bürgers gewesen, der froh war, wenn er überhaupt etwas Nettes zu kaufen bekam.

Wer wollte, konnte Februar also auch als Westplatte hören. Als Sillys Beitrag zum ideologischen Klassenkampf. Schließlich hatte sich die Band auch beim Rock für den Frieden engagiert, schließlich gab es dieses Foto von der freundlichen Begegnung zwischen Tamara Danz und Erich Honecker. Doch die Fans im Osten hörten anders. Wer wollte, wußte um die eingestampfte Platte „Zwischen unbefahr’nen Gleisen“ und den Ausreiseantrag der Sängerin und fand die Botschaften wie gewohnt zwischen den Zeilen. Daß auch in den Zeilen offene Kritik zu finden war, machte das Album zum absoluten Renner bei allen, die unzufrieden waren. Nicht nur unzufrieden mit der DDR, sondern auch den möglichen Alternativen vor der Haustür.

Februar wurde nicht nur durch die Texte groß. Auch heute noch hält das Album Vergleichen mit aktuellen Produktionen stand. Trotz der verführerischen technischen Möglichkeiten wurden die Musiken von Barton und Haßbecker nicht zugekleistert, sondern am richtigen Leben gelassen. Wenn der Begriff stilistisch nicht so festgelegt wäre, könnte man es Blues nennen. Tamara Danz gab nicht nur ihre eigene Stimme, sondern arrangierte auch die Background-Chöre zu überraschenden Farben. Und die trockenen Trommeln von Herbert Junck gehen noch immer bis ins Mark.

Februar ist auch heute noch ein Phänomen. Offiziell geredet wird darüber kaum, auch vom nach dem Tod von Tamara Danz einsetzenden Verkaufsboom für Silly-Platten profitierten eher die Best-Of-CDs. Doch auf den Homepages nicht nur im Osten findet sich das Werk zunehmend bei den aufgezählten Lieblingsalben wieder. Und verschiedene alternative Jugendgruppen im Westen haben sich als Motto für ihre Kritik am (jetzt) bestehenden System die Titelzeile von Werner Karma ausgeborgt: Alles wird anders, aber nichts wird gut.

Es ist wieder Februar.

6.2.99

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