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Bekanntes verzaubern

Endlich gab es wieder einen Bachadvent.  Als hätte es nie ein Virus gegeben, strömten die Arnstädter und viele Gäste in die Innenstadt und ließen sich auf die Weihnachtszeit einstimmen. Dass die  Veranstaltung jedes Mal ein bisschen anders ist, gehört dazu. 

Für mich war diesmal das Ried die größte Überraschung. Den Hof der Woltersdorfschen Villa bespielte erstmals die Kunsthalle, auch das Haus rechts neben dem Christophorus hatte seinen Hof für Besucher geöffnet. Natürlich war „Narrhalla“ wieder zu gewohnter Stelle, die „Tafel“ präsentierte sich liebevoll und neben dem Jacobsturm lockten die  Angebote von „My Flair“. Wenn dann von oben noch das Glockenspiel ertönte, hätte man das Ried für den perfekten kleinen Weihnachtsmarkt halten können – wäre da nicht die Lawine von parkplatzsuchenden Blechkarossen gewesen. Schade, aber das kann man ja vielleicht beim nächsten Mal ändern.

Wer Ruhe suchte, musste nur ein paar Schritte weitergehen: An der Stadtmauer zwischen Ried- und Neutorturm konnte man ganz für sich sein. Dort hatte der Klangkünstler Erwin Stache Lautsprecher in die Bäume und an die Laternen gehängt, aus denen Geräusche, Musik oder Stimmen zu hören waren. Nur sehr spärlich von Kerzen erleuchtet, war die alte Stadtmauer, die man schon unzählige Male entlang gegangen ist, plötzlich ein magischer Ort. 

Vielleicht ist das die Grundidee der Marke Bachadvent: vermeintlich Bekanntes zu verzaubern. Nicht wie auf „normalen“ Weihnachtsmärkten eine Bude neben die andere zu stellen, sondern die kleine Stadt für ein Wochenende zum großen Adventskalender zu machen, bei dem sich hinter den Türen, an denen man sonst oft achtlos vorübergeht,  manchmal Erwartetes, aber oft auch Überraschendes findet.

Es gab auch in diesem Jahr einen festen Kern von Spielstätten wie die Bachkirche, das Rektorat mit der Bach-Schule nebenan und dem Markt mit Güldenem Greif und Rathaus.  Das ist schon so, seit Ilka Langenhan, die damals noch Siegmund hieß, mit einem extra dafür gegründeten Verein mit zahlreichen Mitgliedern den Bachadvent zur Arnstädter Marke machte. Mit der Zeit wurde der Kreis der Organisatoren immer kleiner, auch  die teilnehmenden Häuser und Höfe haben oft gewechselt. Manchen Hausbesitzern wurde es einfach zu viel, dass an mehreren Tagen  Menschenmassen durch ihre Wohnstuben drängelten und hinterher einiges fehlte. Andere fanden die  Art der Organisation gewöhnungsbedürftig und wandten sich ab. Aber es kamen immer auch neue Spielstätten hinzu, so dass zumindest die Quantität des Angebotes gewahrt blieb und die Marke Bachadvent keinen Schaden nahm.  

Je kleiner das Organisationsteam wurde, desto  größer die Konzerte. Statt des regionalen Projektes „unplugged“, das früher zwei ausverkaufte Konzerte innerhalb des Bachadvents bestritt und in diesem Jahr auf das zweite Adventswochenende ausweichen muss, bespielten diesmal mindestens national bekannte Künstler wie Konstantin Wecker oder Nigel Kennedy das Gotteshaus. 

Heute sind es eigentlich nur noch zwei, die den Bachadvent organisieren: Christoph Hodgson und Rainer Pense.  Pense, von Hodgson als „begnadeter Organisator“ bezeichnet, ist in der Musikszene so gut vernetzt, dass seine Konzertangebote längst den   Rahmen des Bachadvents sprengen und sich auf die Sommermonate ausdehnen (das heißt dann „Mai-Bach“). Pense gelingt es nicht nur, große Namen nach Arnstadt zu holen, sondern zugleich immer wieder Talente auszugraben, die den Kleinkunst-Teil des Bachadvents bereichern. Hodgson ist eher der lokale Netzwerker, Kompagnon Pense nennt ihn das „Herz“ des Bachadvents.

Rainer Pense (l.) und Christoph Hodgson bei der Eröffnung des Bachadvents in der Bachkirche.

Davor, dass diese zwei Leute praktisch allein seit Jahren eine mehrtägige Veranstaltung mit so vielen Beteiligten stemmen, muss man den Hut ziehen.  In diesem Jahr ist es ihnen erneut ein toller Bachadvent mit einigen interessanten neuen Ansätze gelungen, ich habe von keinem Besucher etwas anderes gehört. Auch wenn man an manchen Stellen wie dem wieder sehr spät veröffentlichten (und gedruckten) Programm oder der kalten Bachkirche zum Eröffnungskonzert merkt, dass ein etwas größeres Organisationsteam vielleicht doch nicht so schlecht wäre. Der Marke Bachadvent hat das nicht geschadet. 

Das vergangene Wochenende hat gezeigt: Der Bachadvent ist auch nach der Corona-Zwangspause eine feste Größe im Arnstädter Veranstaltungsbetrieb. Und ich hoffe sehr, dass das  so bleibt.