Preußisch und fichelant

Einer bekannten Arnstädterin zum 90. Geburtstag

Mit Lieselotte Schnell trifft man sich nicht, man wird empfangen. Sie wohnt noch immer im Lohmühlenweg, umgeben von stilvollen Möbeln und vielen Erinnerungsstücken. Das große Haus Nummer 25 allerdings hat sie eingetauscht gegen eine Wohnung in der Terrassenanlage für Senioren nahe der Lohmühle.

Auch mit 90 Jahren ist sie noch jene Dame, als die sie viele Arnstädter kennen gelernt haben. Ihr Leben war bestimmt von der Firma, die ihr Großvater Nicolaus 1878 gegründet hatte und später ihr Vater Paul weiter führte. Das Ladengeschäft am Ried, wo es noch bis zur Wende Werkzeuge zu kaufen gab, war nur ein kleiner Teil der Firma. Die richtigen Umsätze machten die Schnells mit Eisenstäben, Blechen, Röhren und anderen Waren, die sie an Firmen verkauften. Ein echter Metall-Großhandel eben.

In diesem Umfeld wuchs Lilo auf. Sie wurde „ziemlich preußisch“ erzogen, sagt sie, auf Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und gute Manieren wurde viel Wert gelegt im Hause Schnell. Dass bekannte Leute von Thyssen oder anderen großen Firmen bei Schnells aus- und eingingen, war für die kleine Lilo normal. Und sie hatte nie Berührungsängste. „Wenn mein Vater sagte, geht doch mal zu dem und frag ihn das und das, dann hab ich das eben gemacht“, erzählt sie. Sie sei eben schon immer “ dreist und gottesfürchtig“ gewesen.

Es gab keinen männlichen Erben in der Familie. Und ihre jüngere Schwester hatte mehr eine künstlerische Ader. „Also hat mein Vater gesagt: Du musst die Firma übernehmen“. Lieselotte wollte es eigentlich nicht. Aber sie machte es doch, nach einer gründlichen Ausbildung in Strasbourg im Elsass. Schon zum Ende des Krieges musste sie ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Die Firma hatte Metallteile für die Großbaustelle im Jonastal geliefert, Rohre, Baustahl, Träger in große Mengen. „Wofür, haben die uns nicht gesagt“. Wegen des Kriegsendes wurden die letzten Lieferungen aber nicht mehr bezahlt. Weil der Vater nicht da war, ging sie zu den Russen und erwirkte eine Bescheinigung, dass sie sich die Sachen wieder abholen durfte im Jonastal. „Und dann bin ich hingefahren“, sagt Lilo Schnell, als sei dass das Normalste von der Welt gewesen. Weil sie einmal da war, wollte sie auch wissen, was drin war in den vielen geheimnisvollen Stollen und ist hineingelaufen, „ganz allein und ziemlich weit“, wie sie heute sagt. Doch außer gekachelten Wänden konnte sie nichts erkennen, es war einfach zu dunkel. Aber sie lief und lief, bis sie über etwas stolperte. Was es war, hat sie nie erfahren. Denn irgendwie wurde es ihr doch etwas mulmig und sie rannte wieder hinaus. Die unbezahlten Metallsachen aus dem Lager draußen hat sie aber natürlich mitgenommen.

Endgültig übernahm sie den Betrieb mit etwa 35 Mitarbeitern, der auch in dieser Zeit noch privat geblieben war, in den 50er-Jahren von ihrem Vater. „Es gab nur zwei Firmen dieser Größe in Thüringen, die nicht verstaatlicht worden waren. Eine davon waren wir“. Sie hatte auch in der DDR einen großen Kundenkreis, auch weil sie die Firmenphilosophie von Großvater und Vater fortsetzte. Kulant sein zu den Kunden und höflich, aber gerade in der DDRauch immer „fichelant“. Ein Wort, das heute kaum noch Verwendung findet. Aber es klingt aus dem Mund von Lieselotte Schnell keinesfalls altmodisch. Denn es bedeutet, seinen Vorteil zu suchen, ohne anderen zu schaden. Oder wie sie sagt: „Man muss eben mit von der Partie sein“.

Die Schnells waren immer mit von der Partie. Die Familie spendete für die Stadt oder ließ auf eigene Kosten Bäume pflanzen im Lohmühlenweg. Und auch, wenn das Hauptgeschäft eher im Großhandel lag, für Werkzeuge galt in Arnstadt der firmeneigene Spruch: „Du sei hell, kauf nur bei Schnell“.

Lieselotte Schnell hat die Firma auch geführt, als sie halbstaatlich wurde. So lange, bis sie in Rente ging. Das Werkzeuggeschäft wurde dann von der HO betrieben, bis zur Wende. Seitdem ist nichts mehr zu sehen von der Firma Schnell, heute beherbergt das Ladengeschäft einen Friseursalon.

Auf die Frage, ob sie ein wenig Wehmut befällt, dass nun nichts mehr geblieben ist von ihrem Lebenswerk, antwortet Lieselotte Schnell: „100 Jahre hat die Firma existiert. Ich finde, das ist eine ganze Menge“.

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