Der Schlachten-Sammler

Foto: Christoph Vogel

Am 17. Juli wird anlässlich des 600. Jubiläums in Polen die Schlacht bei Tannenberg nachgestellt, der Anfang vom Ende des Deutschen Ordens, den viele kreuzzugmäßig ungebildete Menschen auch Kreuzritter-Orden nennen. Als einziger Ritter-Darsteller aus Thüringen wird der Arnstädter Michael Kirchschlager dabei sein.

„Die damalige Rolle der Wasserträger wird heute total unterschätzt“, sagt Michael Kirchschlager, als er die etwa 30 Kilogramm schwere Rüstung angelegt hat und wegen der Hitze zur modernen Wasserflasche greift. Die darf natürlich nicht mit nach Tannenberg. 1410 labten sich die Kreuzritter aus Fässern, die von Knappen gezogen oder getragen wurden. Genutzt hat es ihnen nicht viel, denn sie bekamen, salopp gesagt, mächtig was auf die Helme. Aus polnischer Sicht ein triftiger Grund, die Schlacht jedes Jahr im Juli nachzuspielen. In diesem Jahr besonders groß, man rechnet zum runden Schlachtenjubiläum mit bis zu 100 000 Besuchern. Einer, der aktiv ins Schlachtengetümmel eingreifen wird, ist der Historiker Michael Kirchschlager.

„Ich sammle Schlachten“, sagt der 44-Jährige und gibt zu, dass das schon etwas verrückt ist. Aber andere laufen stundenlang über Asphaltstraßen oder stürzen sich an Gummiseilen in die Tiefe, Kirchschlager zieht sich eine Rüstung an und fährt nach Hastings oder in den Teutoburger Wald, um längst entschiedene Schlachten noch einmal zu schlagen.

Die Rüstungsteile sind nicht billig, aber vor allem müssen sie stimmen. Für Tannenberg gab es sogar so etwas wie ein Casting. Man musste beim polnischen Organisationskomitee ein Foto mit Rüstung einschicken – und wenn dann der Helm nicht in die Zeit passte oder ein anderes Detail nicht stimmte, war man raus.

Kirchschlager ist drin. Auf seinem Helm prangen die Pfauenfedern, das Wahrzeichen der Kreuzritter. Und auch sonst ist fast alles wie 1410, zumindest das, was man sieht. Er ist der einzige Ritter aus Thüringen, sagt er. Nur aus der Eisenacher Gegend soll noch „etwas Fußvolk“ beteiligt sein.
Seit sein Einsatz sicher ist, trainiert er für die Schlacht, als ginge es tatsächlich um Leben oder Tod. Mit dem Kettenhemd auf die Alteburg bei Arnstadt hinauf laufen und Liegestütze machen, auch wenn manche Leute ihn ungläubig beobachten. Ohne Ausrüstung 60 Liegestütze, mit Kettenhemd (15 Kilo) immer noch 30. „Ich bin pünktlich in Form“, sagt er. Das muss auch sein, denn es wird richtig gekämpft. Und allein das Laufen ist mit der mittelalterlichen Montur eine Last – ein Pferd hat der Historiker leider in Polen nicht dabei.

Ritter spielen liebt Kirchschlager schon seit der Kindheit. Und er hat sich das bis heute bewahrt. Ein Mal im Jahr muss es zur Schlacht kommen – auch wenn diese wie bei Tannenberg längst entschieden ist. Zeitlich endet sein Interesse allerdings mit Napoleon: „Weltkriegs-Verherrlichungen lehne ich ab. Und auch eine NVA-Uniform würde ich nicht anziehen. Nicht nur, weil es dabei so viele „Spinner“ gibt. Das ist mir zu nah an der Gegenwart“.

In Tannenberg gibt er den Ritter Heinrich von Plauen, klar zu erkennen an den Wappen auf seinem Ritter-Gürtel. Aber die Gestalt hat einen Makel: Heinrich kam in der Schlacht ums Leben. „Man könnte mich aber auch als Komtur von Schwarzburg sehen“, schmunzelt Kirchschlager. „Der überlebte – und das ist mir eigentlich sympathischer“.

Ja, das wäre eine schöne Schluss-Pointe gewesen, oder?

Und dann kommt dieser Ritter Kirchschlager und belehrt mich nach der Lektüre, das alles ganz anders sei:
Heinrich von Plauen überlebte und organisierte den Widerstand auf der Marienburg (!), der „Trappler und Komtur von Christburg, Graf Albrecht von Schwarzburg“ fiel, aber der kleine Lapsus tut dem schönen Beitrag keinen Abbruch.

Von wegen. So sind die Historiker eben. Sie können einem mit ihrer Genauigkeit die beste Geschichte versauen.

Viel Glück, Micha, in Tannenberg. Als wer auch immer.

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