Der Kopf in der Ilm

Dieses Buch ist kein Kriminalroman. Was der Weimarer Klaus Dalski beschreibt, sind wahre Fälle aus Thüringen, wenn auch leicht verfremdet. Denn der 71-jährige Autor, der ursprünglich aus Frankfurt/Oder stammt, war seit 1964 selbst ein Kriminalist.

Die Partnerschaft, die zu diesem Buch führte, ist erst vor einem Jahr geschlossen worden. Im Arnstädter Gasthaus „Zur Goldenen Henne“ trafen bei einer Talkrunde der Verleger Michael Kirchschlager und der Kriminalist Klaus Dalski aufeinander, das Thema hieß damals: „Gibt es den geborenen Verbrecher?“ Man könnte das Buch, das nun vorliegt, auch als eine subjektive Antwort Klaus Dalskis auf diese Frage betrachten. Eigentlich nicht, sagt der Kriminalist. Aber in jedem Menschen schlummert ein „krimineller Wunsch“, der erfüllt wird, wenn es die persönliche Hemmschwelle zulässt.

Dabei sind nicht nur die Fälle und die Schauplätze interessant (aus allen Ecken Thüringens ist etwas dabei), sondern auch die Zeit der Ermittlungen. Wer nicht viel mit Begriffen wie ABV und BdVP anfangen kann, sollte sich bei der Lektüre der Partnerschaft eines gelernten DDR-Bürgers versichern. Auch in der Wortwahl Dalskis wird an die damalige Zeit erinnert. Nicht nostalgisch, dafür sorgen zum Beispiel einige Fälle, bei denen sowjetische Soldaten als Täter überführt wurden und von denen nie etwas an die Öffentlichkeit gelangte. Aber da schreibt einer über die DDR-Zeit nicht von oben herab, sondern von innen heraus. Und das macht die Kriminalgeschichten auch als Zeitdokumente wertvoll.

„Der Kopf in der Ilm“ ist dabei keine Ansammlung grausiger Fälle in der Art Hannibal Lecters. Da geht es auch um gestohlene Damenunterwäsche, vergrabene Fahrräder oder unkonventionelle Blutalkoholproben. Das sorgt dafür, dass zwischen den Geschichten, bei denen einem der kalte Schweiß über den Rücken läuft, durchaus auch geschmunzelt werden kann. Und selbst bei der Titelstory, dem abgeschnittenen Kopf in Weimar, kann man stellenweise schmunzeln, wenn als „Lockvogel“ ein Schauspieler des Nationaltheaters mehrere Tage hintereinander so ausstaffiert wird, dass er als attraktive Dame durch den Park spazieren kann.

Das Buch ist keine Lebensgeschichte des Kriminalisten, der seine Laufbahn in Weimar begann und später für den ganzen Bezirk Erfurt zuständig war, auch wenn einige Stationen und persönliche Erinnerungen einfließen. Es ist eine von ihm getroffene Auswahl interessanter Fälle. Sie aufzuschreiben, hat ihn übrigens auch der Schriftsteller Wolfgang Held ermutigt.

Dank der Partnerschaft zwischen dem Weimarer Kriminalisten und dem Arnstädter Verleger ist ein Buch entstanden, das sich trotz der Genauigkeit der Schilderungen kurzweilig lesen lässt. Und ein ungelöster Mordfall aus Sömmerda lässt Dalski bis heute nicht los. Er hofft, dass der  Täter heute doch noch werden könnte – mit Hilfe des DNA-Vergleichs, den es damals noch nicht gab.

Klaus Dalski: „Der Kopf in der Ilm“, Verlag Kirchschlager, 208 Seiten, 14,80 Euro, ISBN-Nr. 978-3-934277-29-8

Man kann das Buch auch direkt vom Verlag beziehen.

7 Gedanken zu „Der Kopf in der Ilm“

  1. 26 Jahre hatte Herr Dalski in Weimar, Erfurt und für ganz Thüringen kriminalistische Arbeit geleistet. In den letzten Tagen habe ich mir seine Erzählungen über autentische Kriminalfälle der DDR-Zeit durchlesen. Sie sind beeindruckend.
    Aber ich kann mich auch nicht des Eindrucks erwehren, dass seine krimi-Geschichten des DDR Lebens nicht nur sehr einseitig sind. Es erscheint mir der Titel „Die Schere im Kopf“ treffender.
    Mein Urteil steht noch nicht endgültig fest, deshalb bittet um etwas Geduld

  2. Alle Jahre wieder – Loriot`s Weihnachtsgedicht:

    „Es blaut die Nacht, die Sternlein blinken Schneeflöcklein leis‘ herniedersinken. … Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer die Försterin im Herrenzimmer. … In dieser wunderschönen Nacht hat sie den Förster umgebracht. … Am Niklasabend …. erlegte sie – direkt von vorn -den Gatten über Kimm‘ und Korn.

    Und in der guten Stube drinnen, da läuft des Försters Blut von hinnen. Nun muß die Försterin sich eilen, den Gatten sauber zu zerteilen. Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen nach Waidmannssitte aufgebrochen. Voll Sorgfalt legt sie Glied auf Glied, was der Gemahl bisher vermied, behält ein Teil Filet zurück als festtägliches Bratenstück und packt darauf – es geht auf vier -die Reste in Geschenkpapier. Knecht Ruprecht kommt mit goldnem Schlitten auf einem Hirsch herangeritten.
    „He, gute Frau, habt Ihr noch Sachen, die armen Menschen Freude machen?“
    Des Försters Haus ist tief verschneit, doch seine Frau ist schon bereit: „Die sechs Pakete, heilger Mann, ’s ist alles, was ich geben kann.“Die Silberschellen klingen leise, Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise.
    Im Försterhaus die Kerze brennt,
    ein Sternlein blinkt –
    es ist Advent!“

    Kurz zuvor hatte ich die Titelgeschichte mit dem Kopf in der Ilm gelesen. Ich konnte über Loriot nicht mehr lachen, denn in der Realität sieht das anders aus.
    Da ist auch der Kriminalist nicht zu beneiden.

  3. So beeindruckend die Auswahl kleiner, großer, schrecklicher und kurioser Kriminalfälle aus der Laufbahn des Kriminalisten Klaus Dalski auch ist, sie bleibt letztlich doch eine verdächtig einseitige.
    Man könnte den Eindruck gewinnen, die DDR in der Genosse Dalski 25 Jahre treu diente, sei ein von politischer Repression freier normaler demokratischer Staat gewesen. Kein Wort über die Verfolgung und Zersetzung politisch Andersdenkender, an der die DDR-Kriminalpolizei immer mehr oder weniger intensiv beteiligt war. Daran ändern auch die Geschichten über die kriminalistische Zusammenarbeit mit den Sowjets nichts. Nach der Geschichte mit dem Titel „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!“ folgt ein typisches Beispiel „brüderlicher“ Zusammenarbeit sowjetischer Einheiten mit DDR-Kriminalisten.
    Sieben Sowjetsoldaten desertieren. Ihr Kommandeur bittet um Hilfe. Vier Soldaten werden von den Deutschen in einer Bungalow-Siedlung ermittelt. Sowjetische Spezialisten, per Fallschirm abgesetzt und bis an die „Zehenspitzen“ bewaffnet, stürmen den Bungalow. Es fallen Schüsse. Abschließend dürfen die DDR-Kriminalisten Spuren suchen und sichern. Sie finden nirgends Einschüsse, aber Blutflecke an der Zimmerdecke des Bungalows, die auf den Umgang mit den vier Deserteuren schließen lassen.
    Die Frage, was mit ihnen geschah, lässt der Autor offen. Man vermutet wohl richtig, dass die vier von den Spezialisten kurzerhand hingerichtet wurden.
    Weiterhin bleibt offen, wer wohl die Blutflecken beseitigt hat. Es wird sicher nicht der brave Bungalow-Besitzer gewesen sein, sondern auch die deutschen Kriminalisten. Aber das vergisst der Autor zu berichten.
    Nur gut, dass Herr Dalski auch andere Erfolgserlebnisse hatte, wie beispielsweise die Rettung eines kleinen Mädchens aus der Gewalt eines verrückten Geiselnehmers.
    Dennoch bleibe ich dabei, dass „… mit der Schere im Kopf erzählt“ als Untertitel des Buches der Wahrheit näher käme.

  4. Habe mich selten so durch ein Buch gequält, …..es ist geschrieben wie ein Polizeibericht, ohne Höhen und Tiefen. Langweilig war auch die Selbstbeweihräucherung des Verfassers (die Bezeichnung Schriftsteller vermeide ich). Gelesen habe ich das Buch nur weil meine Freundin mich darum gebeten hatte, wegen der lokalen Verbrechen.
    Interessant finde ich dagegen den Werdegang des Herrn Dalski —- vom Lehrer zum Kriminalpolizisten (wo blieb die Ausbildung?), dann 1989 noch die Beförderung zum Kriminaloberrat—-dann 1990 die Pensionierung (schöne Pension sicherlich).
    Aber, Herr Dalski seltsamer Weise haben Sie scheinbar niemals sogenannte Politische oder Regimegegener verhaftet, eventuell sogar an andere Staatsorgane weitergereicht??? Dieses Kapitel fehlt in Ihrem Buch!!!!!

  5. Nicht ganz – als es um das Einfangen desertierter Sowjetsoldaten ging, haben die „Kriminalisten“ sogar ihr Soll übererfüllt.
    Gesucht wurden sieben – ermittelt wurden acht!
    Das fehlende Kapitel kann man in der Studie zur Tätigkeit des Arbeitsgebietes I der Kriminalpolizei des Bürgerkomitee des Landes Thüringenvon 1994 nachlesen. Emsigst wurde in Zusammenarbeit mit dem MfS eine Gruppe Jugentlicher kriminalisiert, zersetzt und eingesperrt. Einer ist zeitweilig verrückt geworden, hat sich aber nach der Wende fern von Weimar wieder erholt.
    Aber seine ehemalige Liebe, Edeltraut Brose, ist fatalerweise in diesem Städtchen geblieben mit tötlichen Folgen.
    Sie wurde 1997 leblos im Ilmpark aufgefunden. Selbstmord mittels eines kräftigen Schluck des chemischen Reinigers Rohrblitz!
    Michael Broses Abschiedsbuch von seiner Edeltraut „Tod in Weimar“ ergänzt das unvollständige Bild des „Kriminalisten“ Klaus Daski.
    Ohne Waffen kann man auch menschliche Ruinen schaffen!

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