Lesen: sehr gut, Statistik: ungenügend

Lernen kann wirklich Spaß machen - wie hier in der Emil-Petri-Schule ArnstadtDie Lesekompetenz der Grundschüler, so sagt der gerade erschienene „Lernatlas“ der Bertelsmann-Stiftung, ist im Ilmkreis besonders hoch. In der Gruppe der „Kreise mit ländlichem Umland“ liegt der Ilmkreis in dieser Kategorie sogar bundesweit auf Platz eins. Der Kreis Gotha ebenfalls. Und Erfurt auch! Wie geht das? Mit etwas verquaster Statistik und viel Gläubigkeit von uns Journalisten. An beiden ist kein Mangel.

Bildung geht immer. Jedenfalls besser als kommunaler Finanzausgleich oder Sitzverteilung nach D’Hondt. Bei Bildung kann jeder mitreden, er war ja schon mal in der Schule. Egal, wie lange. Bei Journalisten wacht bei Bildung sofort der innere Schweinehund von Herrn Pawlow auf: Föderalismus ist sowieso grade wieder mal Mist, mordserienmäßig. Das lässt sich prima kommentieren. Und da gibts auch jede Menge O-Töne in kurzer Zeit.  Und wenn dann auch noch der „Spiegel“ montags damit titelt, dann gibt es kein Halten mehr. Eine regionalisierte Bildungsstudie? Runter bis in die Landkreise? Da geht doch immer was. Und da sind wir so nah dran dran am Leser, dass der keine Luft mehr kriegt.

Also nichts wie her mit dem Bildungsatlas, ich natürlich auch. Man will ja schließlich nicht der Konkurrenz das Feld überlassen und die Signale aus der Zentralredaktion sind auch  deutlich. Natürlich könnt Ihr machen  was ihr wollt, aber…

Nun ist es aber schon nachmittags, als man drauf gekommen ist. Also flugs runtergeladen die PDF-Datei mit den Landkreisdaten und nach den Ausrutschern geguckt in der Datenflut. Wegen der Überschrift. Schön wäre, wenn man irgendwo der Schlechteste wäre. Oder wenigstens der Beste.  Lässt sich aber nicht so gut kommentieren.  Wegen Föderalismus und so.

Und tatsächlich: Schon ganz weit vorne werde ich fündig. Bei der „Lesekompetenz von Grundschülern (IGLU)“ belegt der Ilmkreis den ersten Platz! Unter 81 Landkreisen bundesweit, die alle „im ländlichen Umland“ liegen! Wenn das kein Knaller ist!

Natürlich muss man noch ein wenig fabulieren, das man Statistik nicht so ernst nehmen muss und das trotzdem noch viel zu tun bleibt. Aber im Prinzip steht der Aufmacher. Sogar auf der Titelseite vorn im Mantel! Wann ist der eigene Kreis schon mal absolute Bertelsmann-Weltspitze?

Stutzig werde ich am Tag danach, als mir eine andere Lokalausgabe in die Hände fällt. Gotha ist auch Spitze. und auch im Lesen. Gerade die aus Gotha, das kann doch nicht sein. Und ich wühle alle Lokalausgaben durch. Alle sind Spitze. Und alle im Lesen. Und sogar mit der gleichen Punktzahl wie wir.

Da war bestimmt wieder was am Internet kaputt, denke ich mir. Datenbank-Fehler oder so, ist ja sowieso alles Teufelszeug und macht nur die Zeitungen kaputt, dieses Netz.  Aber dann beginne ich doch widerwillig zu recherchieren und schaue mir noch einmal die IGLU-Studie von 2006 an. Hab ich zwar damals schon drüber geschrieben, ist aber lange her. Und siehe da, dort taucht Thüringen mit der gleichen Punktzahl auf, die jetzt für den Ilmkreis im Lernatlas der Bertelsmann-Stiftung steht. Die bedeutete damals: der erste Platz im Vergleich aller Bundesländer ging an Thüringen. War ne kleine Sensation, erinnere ich mich.

Meine Anfragen nach regionalisierten Daten wurden damals abgelehnt, es hätten aus Thüringen dazu zu wenig Klassen teilgenommen. Aber das hatte ich leider vergessen.

Die Leute, die jetzt den Lernatlas zusammenstellten, hatten wohl das gleiche Problem wie ich damals: leider keine regionalisierten Daten bei „IGLU“, nur für Bundesländer.  Aber da man nun mal regionalisierte Daten versprochen hatte für den Atlas, bekamen einfach alle Thüringer Kreise und kreisfreien Städte den damaligen Thüringen-Wert verpasst. Und sind dadurch natürlich überall Spitze –  weil Thüringen damals Spitze war.

Die korrekte Überschrift über meine Beitrag hätte also heißen müssen:  „Der Ilmkreis hat vor fünf Jahren in einem Bundesland gelegen, das damals einen Lesewettbewerb gewonnen hat“. Das Gesicht des abnehmenden Tischredakteurs dazu hätte ich gern gesehen.

Aber dass der Lernatlas sehr alte Daten verwendet und auch schon mal ein bisschen flunkert, wenn etwas nicht ins regionale Konzept passt, habe ich erst einen Tag später herausgefunden. Und es weiß zum Glück auch keiner, dass ich mal Mathematik studiert habe. Und wenn doch, kann ich darauf verweisen: Statistik hab ich damals nur grade so geschafft.

Man lernt eben nie aus. Und könnte sich manchmal hinterher die Haare raufen.

Ein Gedanke zu „Lesen: sehr gut, Statistik: ungenügend“

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