Sehnsucht nach Visionen

Regenbogen am RiedWas braucht Arnstadt im Neuen Jahr am dringendsten? Sicher, etwas mehr Geld in der Stadtkasse wäre nicht schlecht. Und auch gegen weitere neue Arbeitsplätze hätte niemand etwas einzuwenden. Doch in beiden Fragen steht die Stadt schon jetzt besser da als viele andere. Und es sieht so aus, als könnte die Entwicklung  durchaus weiter positiv verlaufen. Woran es derzeit aber wirklich mangelt, sind Visionen. Denn noch immer ist die Stimmung schlechter als die Lage.

Wenn man als Fremder etwas über die Stimmung in der Region erfahren will, empfiehlt sich eine Fahrt über die Ichtershäuser Straße in Arnstadt. Nicht, dass jemand aus der Gegend für den bedauernswerten Zustand dieser Piste verantwortlich wäre, sie gehört dem Land. Aber wer im Berufsverkehr zwischen Rudisleben und Bierweg unterwegs ist, kann nachvollziehen, wie sich die Leute hier fühlen: Die Zukunft könnte ganz hübsch sein, doch die Realität rechts und links erscheint noch ziemlich trist. Und vor allem hat den Eindruck, kaum vom Fleck zu kommen.

Dabei geht es der Gegend wirtschaftlich besser als je zuvor. Ebenfalls von der Ichtershäuser Straße aus kann man die neuen Bosch-Werke sehen, andere Baustellen in der Umgebung künden von neuen Firmen oder Erweiterungen. Durch die bisherigen Krisen sind die Betriebe vergleichsweise gut gekommen und bieten vielen Menschen Lohn und Brot. In den Haushaltsplänen der Stadt Arnstadt spiegelt sich das wegen der verrückten Regeln des Finanzausgleichs zwar noch nicht wie gewünscht wider, aber Arnstadt hat Zukunft, das ist zu spüren.

Wenige Kilometer nördlich kann man es sogar schon erleben. Ichtershausen ist einen Schritt weiter und hat sich finanziell vom Land unabhängig machen können. Es gibt wenige Regionen in Thüringen, die so optimistisch in die Zukunft blicken können wie diese. Nur  – sie tut es nicht.

Statt den ökonomischen Aufschwung für eine gemeinsame Aufbruchsstimmung zu nutzen, streitet sich die Kommunalpolitik. Es streiten sich die Bürgermeister, die Stadt- und Gemeinderäte miteinander und untereinander, sie reden übereinander und aneinander vorbei. Miteinander eher selten.

Das mag ungerecht klingen und stimmt sicher nicht immer. Auf der Arbeitsebene funktioniert manches besser, als es aussieht. Aber für die Stimmung ist entscheidend, wie es nach außen wirkt. Und diese Außenwirkung lässt zu wünschen übrig.

Das mag sicher zu einem Teil daran liegen, dass 2012 Bürgermeister und Landrat gewählt werden. Gerade in Arnstadt ist das eine spannende Frage, denn Bürgermeister Hans-Christian Köllmer wird es auf jeden Fall nicht wieder sein. Und wenn nach 17 Jahren ein neuer Hausherr ins Rathaus einzieht, ist die Verwaltung vorher nicht unbedingt sehr entscheidungsfreudig. Man könnte ja etwas falsch machen, wenn man etwas tut.

Der Druck von oben hat auch merklich nachgelassen. Köllmer, gesundheitlich stark angeschlagen, ist nur noch sehr sporadisch anwesend. Sein Vertreter Ulrich Böttcher hat mehr als genug damit zu tun, den Betrieb am Laufen zu halten. Für Visionen bleibt da wenig Zeit.

Aber Visionen wären dringend notwendig, es gibt einen regelrechten Durst danach, das ist deutlich zu spüren. Doch es reicht eben nicht, die Zukunft daran festzumachen, ob ein bestimmter Brunnen auf den Markt kommt oder ob man diese oder jene Straße öffnet oder schließt, um den Anwohnern wahlweise mehr Geschäftigkeit oder mehr Ruhe zu bescheren. Man müsste den Leuten vielmehr eine Ahnung davon vermitteln, dass es ihre Stadt ist. Und dass es an ihnen liegt, wie sie sich entwickelt. Dass nicht Klüngel, Gemauschel oder Verwaltungs- Willkür auf welcher Ebene auch immer darüber entscheiden, wie es den Bürgern geht, sondern sie selber.

Dieses Gefühl ist schwer zu vermitteln, wenn es nicht über viele Jahre gewachsen ist. Doch man sollte es versuchen. Ansatzpunkte dafür gibt es genug, zum Beispiel in vielen Vereinen der Stadt.

Es ist, um im Bild der Ichtershäuser Straße zu bleiben, vielleicht für die Zukunft gar nicht so wichtig, dass man unbedingt schneller vorankommt. Wichtiger könnte sein, dass man weiß, wo man eigentlich hin will. Und dass man sich da, wo man gerade ist, ein wenig wohler fühlt. Mit anderen zusammen.

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