Rudi

Rudi GibsonEin kleiner Mann aus dem Marienstift hat über Jahrzehnte die Herzen der Arnstädter erwärmt. An Rudi erinnern sich viele gern, auch jene, die ihn als Kinder gehänselt haben. Rudi war anders und Rudi war ein Guter. Dass beides zusammenpassen kann, haben wir auch durch ihn erfahren.

Als Kinder haben wir ihn immer geärgert.

Das ist oft die erste Reaktion, wenn man Leute in Arnstadt auf Rudi Gibson anspricht. Es klingt meist nachdenklich, wie eine Frage an sich selbst: Warum habe ich das bloß gemacht?

Rudi wurde geärgert, weil er anders war. Kleinwüchsig und nicht ganz richtig im Kopf. „Rudi Goldzahn“ haben die Kinder gerufen oder „Unterpörlitz ist abgebrannt“. Das war nicht einmal eine Mutprobe, denn Rudi hat höchstens geschimpft. Er hat wohl nie jemandem etwas zuleide getan, schon gar nicht Kindern. Aber ihm selbst taten solche Sprüche im Herzen weh. Er hasste diese Hänseleien, die ihn seit frühester Jugend begleiteten.

Es fiel ihm schwer, zu reden und sich richtig auszudrücken. Aber wer sich die Mühe machte, ihm zuzuhören, hat ihn verstanden. Wer Glück hatte, wurde sogar von ihm geknuddelt. Im Zeichentrickfilm „Die Eiskönigin“ kommt ein Schneemann vor, der zur Begrüßung sagt: „Hallo, ich bin Olaf und ich liebe Umarmungen“. Der Spruch hätte von Rudi stammen können. Ihm hätte der Film gefallen. Er liebte Umarmungen und er liebte Filme.

Rudi war ein Guter.

Das ist der andere Satz, mit dem sich die Menschen an ihn erinnern. An sein hintergründiges, spitzbübisches Lächeln, seine offene Art, sich zu freuen, auch über Kleinigkeiten. Er hatte eine Antenne für Leute, die ihn mochten. Und denen öffnete er sein Herz sehr weit.

Rudis Elternhaus
Rudis Geburtshaus in Unterpörlitz

Geboren wurde Rudi Gibson am 8. Juli 1909 in Unterpörlitz als eines von 6 Kindern. Zeitlebens hielt er Kontakt zur Familie, fuhr auch im Alter regelmäßig mit dem Zug nach Ilmenau und lief den weiten Weg nach Unterpörlitz hinauf. Das gehörte zu den Ritualen, die er brauchte, um sein Leben zu meistern.

Er fand diese gleichmäßigen Abläufe ab seinem 15. Lebensjahr im Marienstift in Arnstadt. Die „Heil- Pflege- und Erziehungsanstalt für bildungsfähige Krüppel“ war 1904 gegründet worden und kümmerte sich um Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen. Um Menschen wie Rudi. Als er am 10. November 1924 dort ankam, konnte er nicht einmal sprechen. Aber nicht nur das wurde ihm dort geduldig beigebracht. Er fand die Gemeinschaft, die ihm ein menschliches Leben ermöglichte. Sie sollte fast bis zum Lebensende sein Zuhause bleiben.

Die Historikerin Anke Silomon hat sich mit der Geschichte des Marienstifts beschäftigt und berichtet von zahlreichen Versuchen der Nazis, die Leitung des Hauses unter Druck zu setzen und die Behinderten der Einrichtung dem Euthanasieprogramm auszuliefern. Doch der damalige Direktor Friedrich Behr ließ sich selbst von Verhaftungsandrohungen, Sperrung finanzieller Mittel und anderen Schikanen nicht einschüchtern und gab die Listen der im Heim wohnenden Behinderten nicht preis. Die Kirchenleitung der regimetreuen Deutschen Christen in Eisenach belegte den Pfarrer Friedrich Behr auch mit einem Berufsverbot für die Kirchen von Arnstadt. Er predigte trotzdem weiter – im Kirchsaal des Marienstifts. Und Behrs Gottesdienste waren gut besucht.

Als das Ende der Nazi-Herrschaft schon in greifbare Nähe gerückt war, wurde das Hauptgebäude des Marienstifts am 6. Februar 1945 durch eine amerikanische Fliegerbombe zerstört. In dem Haus befand sich auch das Kinderheim, in dem Rudi gewohnt und gelebt hatte. Nach den damaligen Bestimmungen der Nationalsozialisten hätten die behinderten Kinder nicht im Luftschutzraum untergebracht werden dürfen, um „gesunden Deutschen“ den Platz nicht wegzunehmen. Doch die Leitung des Hauses widersetzte sich dieser Regelung und brachte Rudi mit den anderen sicher im Luftschutzkeller unter. Oben im Haus starben drei Schwestern bei dem Bombenangriff. Im Keller überlebten alle, auch Rudi.

Bei Kriegsende war Rudi 35 Jahre alt. Das Marienstift kümmerte sich eigentlich vor allem um Kinder und Jugendliche. Aber Rudi durfte bleiben, obwohl er längst erwachsen war. Friedrich Behr hielt seine schützende Hand über ihn, so wie später auch sein Sohn Heinrich, der 1958 die Leitung der Einrichtung übernahm.

Das "Jungenheim". Hier hatten Rudi und Klaus ein Zimmer
Das „Jungenheim“. Hier hatten Rudi und Klaus ein Zimmer

Mittlerweile hatte Rudi auch einen Freund gefunden, den neun Jahre jüngeren Klaus Planert, der aus einem Dorf bei Apolda stammte. Sie bewohnten ein gemeinsames Zimmer im „Jungenheim“. „Klaus und Rudi – das war ein eigenartiges Gespann. Der eine groß, der andere klein, aber irgendwie passten sie zusammen“, erzählt Ingrid Füchsel, die man in Arnstadt aus der „Lederbörse“ in der Erfurter Straße kennt. Sie war viele Jahre Sozialarbeiterin im Marienstift und arbeitete vertretungsweise auch im Sekretariat. „Einer hat auf den anderen Rücksicht genommen. Und wenn Klaus manchmal unbeherrscht und gereizt war, da wusste Rudi, dass er sich zurückhalten musste“.

Am 1. Dezember 1964 war für Rudi ein ganz besonderer Tag: Er wurde endlich berufstätig. Mit 55 Jahren. Er bekam vom Marienstift einen richtigen Anstellungsvertrag als Bote. Er saß nun – meist gemeinsam mit Klaus – jeden Morgen im Gang vor dem Vorstands-Sekretariat des Marienstifts und wartete auf Aufträge. Ob es der Gang zur Sparkasse, zur Post oder mit dem Handwagen zum Brötchenholen war, Rudi erledigte alle Aufträge gewissenhaft und zu vollster Zufriedenheit. Nur stören durfte man ihn bei der Arbeit nicht. Solange der Auftrag nicht ausgeführt war, war Rudi nicht ansprechbar. Und wer es dennoch tat, musste mit einem grantigen „Hab zu tun“ rechnen. Oder mit einer seiner typischen abwehrenden Handbewegungen, die „Lass mich in Ruhe“ oder „Du hast ja keine Ahnung“ bedeuten konnten. Meistens beides.

Die Arbeit als Bote machte ihn stolz und stärkte sein Selbstvertrauen. Aber er achtete auch weiter darauf, dass sein Leben in geordneten Bahnen verlief. Rituale mussten sein. Wenn um neun Uhr morgens Tee getrunken wurde, musste auch um neun Tee getrunken werden. Halb zehn ging da gar nicht. Und eine Störung der Zeremonie ebenfalls nicht. Da war der Tag im Eimer. Mindestens bis um zehn.

Die schönsten Rituale in Rudis Leben waren Geburtstage. Wenn es ging, ist er zu jedem Geburtstag eines Familienmitglieds nach Unterpörlitz gefahren, manchmal sogar mit Klaus, der keine Familie mehr hatte. Und wenn es nicht ging, hat er sich vom Marienstift eine Geburtstagskarte schreiben lassen und „Rudi“ druntergekritzelt. Das war alles, was er schreiben konnte. Aber vergessen hat er Geburtstage nie.

Rudi hat Geburtstag
Rudi hat Geburtstag

Rudis eigener Geburtstag war für ihn ein ganz besonderes Ereignis, dem er das ganze Jahr entgegenfieberte. Was ihm gar nicht in den Kopf ging, war die Tatsache, dass es auch andere Menschen gab, die am 8. Juli Geburtstag hatten. „Nein, mein Geburtstag“, sagte er, wenn man ihn damit konfrontierte. Und er wandte sich trotzig ab. Ebenfalls mit Unverständnis reagierte er, wenn man ihm an seinem Geburtstag nicht gleich am Morgen gratulierte. Ingrid Füchsel ist das einmal in ihrer Zeit im Marienstift passiert, weil sie einen dringenden Termin hatte und erst später ihr Geschenk überreichen konnte. „Das war ihm gar nicht recht“, erzählt sie. „Dann musste man sich fast entschuldigen. Aber das Geschenk wollte er natürlich trotzdem“.

Was er genau so mochte wie Geburtstage und Umarmungen: Rollenspiele in der geschützten Atmosphäre des Marienstifts, wo viel gelacht, aber niemand ausgelacht wurde. Die Fotos zeigen, welchen Spaß alle Beteiligten an solchen Rollenspielen hatten. Zugleich offenbart Rudi auf den Bildern ein großes schauspielerisches Talent. Man schaue sich nur einmal die unterschiedlichen Gesichtsausdrücke als „Schriftsteller“ und „Oberarzt“ an. Rudi konnte sich gut in Menschen hineinversetzen. Und bei diesen Rollenspielen war er ganz mit sich und der Welt im Reinen.

Seinen feinen Sinn für Humor stellte er auch im Umgang mit der Obrigkeit unter Beweis. Wenn Rudi vor dem Sekretariat auf Boten-Aufträge wartete und es kamen honorige Gäste von der Kirchenleitung aus Eisenach oder von anderen Institutionen zu Besuch, dann grüßte er sie freundlich per Handschlag. Wenn sich die Tür allerdings geschlossen hatte, sagte er nicht selten über den gerade begrüßten Gast: „Taucht nüscht“. Und er unterstrich diese Wertung mit einer Rudi-typischen Armbewegung.

Durch seine Botengänge war Rudi in der Woche viel in Arnstadt unterwegs, mit vorgebeugtem Oberkörper, den Arm leicht abgewinkelt, und mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit. An den Wochenenden und zu Feiertagen sah man ihn dagegen in Arnstadt seltener, denn dann ging er oft mit Klaus und mit anderen Bekannten auf Reisen. Regelmäßig nach Unterpörlitz zur Familie, aber es gab auch regelmäßige Ausflüge nach Eisenach. Zum dortigen Sommergewinn ist Rudi fast jedes Jahr gefahren, dieses Volksfest liebte er sehr. Er war auch in Erfurt oder in Sondershausen unterwegs, Sogar richtige Ferien haben Klaus und Rudi zusammen in Heimen der Diakonie gemacht.

Auch auf Reisen war auf Rudi Verlass. Nie gab es hinterher Beschwerden, jedenfalls keine offiziellen. Anekdoten aber werden über diese Fahrten schon einige erzählt.

So hatten Rudi und sein Begleiter einmal in Ilmenau den Zug nach Hause verpasst. Für Rudi kein Problem: „Da lauf mer ehm“ Als sich die Strecke nach Arnstadt dann doch ziemlich hinzog, hielt Rudi einfach einen Motorradfahrer an und schwang sich auf den Sozius. „Nimm n nächstn“, rief er seinem Begleiter zu. Beide kamen wohl gut in Arnstadt an. Nur Rudis Motorradfahrer soll sich gewundert haben, weil Rudi entsprechend seiner Gewohnheit die ganze Fahrt über den Motor mit der Stimme nachmachte.

Für längere Fahrten gab es immer ein Stullenpaket vom Marienstift. Nicht nur dafür sorgte Siegfried Pax, damals Heimleiter und eine Art Ersatzvater von Rudi. Einmal, als in Erfurt noch Zeit war bis zum Anschlusszug, beschloss Rudi, ins „Koschenhaschen“ (Erfurter Hof) gegenüber vom Bahnhof auf ein Bier zu gehen. Gesagt, getan, Rudi bestellte im Erfurter Hof  Bier und packte seine Stullen aus. Dass diese Aktion beim Kellner des Nobel-Restaurants auf völliges Unverständnis stieß, stieß bei Rudi auf völliges Unverständnis. Aber der Klügere gab schließlich nach. Die Stullen wurden gegenüber in der Bahnhofs-Mitropa verdrückt.

Diese Anekdote hat Ursula Rottke erzählt, der Reisebegleiter von Rudi war damals ihr Bruder. Und sie kennt noch eine weitere Geschichte von Rudi, die in der Familie Rottke sogar zum geflügelten Wort wurde. Die Mutter von Ursula Rottke zeigte Rudi bei einem Besuch einen bunten Werbekuli aus dem Westen. Rudi steckte ihn sofort ein, was natürlich zu der berechtigten Frage führte, ob Rudi überhaupt schreiben könne. „Kann nich schreiben“, erwiderte Rudi wahrheitsgemäß, „aber sieht scheen aus“.

Rudi hatte noch ein anderes Hobby, er ging gern ins Kino. Bei seinen Besuchen in Unterpörlitz und Ilmenau sah er sich in den Ilmenauer „Volkslichtspielen“ (heute Hauptsitz der Sparkasse) Filme an. Und er ging gern spazieren in der Gegend um Unterpörlitz. „Sein größtes Hobby aber war seine Familie. Da gab es kein böses Wort“, sagt Peter Gibson. Er ist ein Neffe von Rudi, sein Vater war Rudis Bruder. Peter Gibson wohnt noch heute in Unterpörlitz, unweit des Elternhauses, in dem auch Rudi geboren ist. „Hier in der Familie konnte er seine Sehnsucht nach Nähe richtig ausleben“, so der Neffe, und er kann Rudis Hang zum Knuddeln lieber Menschen bestätigen: „Umarmen war seins“.

Peter Gibson kann auch die oft gestellte Frage aufklären, ob Rudi mit Hermann Gibson verwandt war, der ebenfalls aus Unterpörlitz stammt und von 1969 bis 1985 Bürgermeister in Arnstadt war. „,Nein, mit Hermann Gibson war Rudi nicht verwandt. Es gibt drei Linien von Gíbsons in Unterpörlitz, die nichts miteinander zu tun haben“.

Rudi selbst soll noch eine ihm eigene Art gehabt haben, die leidige Verwandtschaftsfrage zu Bürgermeister Gibson zu beantworten. Weil jener wohl gern mal zu tief ins Glas schaute, hatte Rudi ein klares Abgrenzungskriterium parat: „Nee, ich trink nur Tee“. Was übrigens so nicht ganz stimmte. Hingegen hat Peter Gibson wohl recht, wenn er sagt: „Der Rudi war zwar kein Bürgermeister. Aber den kannten wahrscheinlich mehr Leute als den Hermann“. Denn nicht nur in Arnstadt, auch in Unterpörlitz war Rudi bekannt wie ein bunter Hund.

Rudi war 82 Jahre alt, als ihn Ende 1991 eine schwere Krankheit heimsuchte. Die Leitung des Marienstiftes musste sich nach einer geeigneten Einrichtung für eine stationäre Pflege umsehen, was kurz nach der Wende wohl nicht ganz einfach war. Man entschied sich 1992 für das Carolinenheim in Apolda, wie das Marienstift eine Einrichtung der Diakonie. Dort wurde er das letzte Lebensjahr betreut, mit Klaus an seiner Seite, der ebenfalls mit nach Apolda ging. In Arnstadt wird noch heute darüber gestritten, ob dies eine gute Entscheidung war und ob Rudi nicht in einem Pflegeheim in Arnstadt hätte bleiben können. Es ist schwer, das im Nachhinein zu beurteilen. Denn Rudi war schwer krank, seine gewohnte Umgebung im Marienstift hätte er auf jeden Fall verlassen müssen. Und das vor allem war es, was ihn traurig machte. Ihn, der Rituale und Regelmäßigkeiten so über alles liebte und den das Marienstift seit 1924 so mütterlich und väterlich behütet hatte.

Rudi Gibson starb am 17. März 1993, in seinem 84. Lebensjahr. Am 23. März 1993 wurde er auf dem Arnstädter Friedhof beigesetzt. Das Grab findet man dort heute leider nicht mehr, es wurde Ende 2014 nach Ablauf der 20-jährigen Laufzeit eingeebnet.

Das Grab ist verschwunden, das „Jungenheim“, in dem er mit Klaus im Marienstift wohnte, wurde schon vor Jahren abgerissen. Wo soll man heute hingehen, um sich an Rudi zu erinnern?

In die Stadt. Unter Leute. Dahin, wo gelacht wird. Auch dahin, wo jemand ausgelacht oder gehänselt wird. Wo sich Leute gegen andere abgrenzen, nur weil sie anders sind. Weil sie nicht einer bestimmten Norm entsprechen oder uns fremd erscheinen. Überall dort sollten wir uns an Rudi erinnern. An einen der besten und liebsten Menschen, die wir kennenlernen durften.

Ich danke Marion Meinshausen, Jürgen Friedrich, Ingrid Füchsel, Renate Behr-Dirscherl, Heike Töpper, Peter Gibson, Ursula Rottke, Gisela Blümel, Undine Swatek und Dr. Anke Silomon für die freundliche und umfassende Unterstützung beim Zustandekommen dieser Geschichte. Die Fotos haben das Marienstift, Marion Meinshausen und Peter Gibson zur Verfügung gestellt.

Hier gibt es noch eine Geschichte über ein anderes Arnstädter Original, den „Deichgrafen“ Roland Pferner, der am Wollmarktsteich gewohnt hat.

6 Gedanken zu „Rudi“

  1. Es ist schön und traurig zugleich das hier zu lesen.
    Gibt rs nicht irgendeine Möglichkeit, Rudi weiter in Erinnerung zu halten oder zu „ehren?“? Wobei Ehren vielleicht nicht das richtige Wort ist.
    LG Ragnar

  2. Vielen lieben Dank für diese schöne Erinnerung an diese guten Menschen. Ich hatte täglich mit Klaus und Rudi Kontakt und kann das geschriebene nur bestätigen.
    Ich wohnte ab Ende der 60’er bis 1979 bei meinen Großeltern im Marienstift die im Handwerkerhaus eine Dienstwohnung hatten. Bis 1989 war ich weiterhin Mitglied im Posaunenchor des Marienstift, den mein Großvater leitete.
    Somit kann ich sagen, dass Klaus und Rudi meine Kindheit und Jugend begleitet haben. Als Kind gab es auch die Momente in denen ich Rudi gelegentlich neckte, dafür gab’s dann aber auch mächtig Ärger denn Rudi wusste wo er sich beschweren konnte. „Der Martin war heute böse“ erzählte er dann meinen Großeltern.
    Aber nicht nur das. Wenn wir uns nett miteinander unterhalten haben oder ich ihm nur mal die Tür aufgehalten habe, dann erzählte er das auch sofort „Der Martin ist ein Guter – er ist mein Freund“.
    Ja – so war der Rudi eben – ein Mensch mit sehr starken Gefühlen. Wenn er sich sehr gefreut hat, dann nahm er immer meinen Kopf zwischen seine Hände und zog mich an sich heran um seine Wange an meiner zu reiben. Sich dagegen zu wehren war unmöglich, denn Rudi war trotz seiner geringen Körpergröße sehr kräftig.
    Für mich als Kind war diese Art Freude zu zeigen meist sehr unangenehm. Später aber habe ich begriffen, dass Rudi damit eine sehr große Freude und Wertschätzung damit zum Ausdruck bringen wollte.
    Rudi war schon ein lieber und auf seine Art besonderer Mensch, der durch seine Behinderung nie die kindliche Natürlichkeit abgelegt hatte.
    Ich werde ihn nie vergessen.

  3. … vielleicht findet ja die Stadt Arnstadt einen Platz wo villt. eine kleine Gedenktafel installiert werden kann um an ein arnstädter Original zu erinnern und Rudi zu ehren .

  4. Ein sehr schöner , bewegender Bericht. Auch ich kann mich sehr gut an Rudi und seinen Begleiter erinnern, ging ich doch 10jahre lang in die „Frontschule“. Fast täglich gingen die beiden dort vorrüber. Ich kann mich auch noch gut an die kleinen Gehässigkeiten erinnern die wir Kinder Rudi zuriefen, nur um ihn aus der Reserve zu locken. Unbedacht und sicher auch nicht mit bösem Hintegedanken. Ich höhre förmlich noch seine schnarrende Stimme, jedoch verstehen konnte ich meist nichts.
    Interessant finde ich auch die Tatsache das der Marienstift Direktor Friedrich Behr seine Hände schützend über die Kinder des marienstiftes hielt als in der Nazizeit viele (auch kirchliche Würdenträger) umkippten. Warum wurde für diesen standhaften Mann noch kein Denkmal gesetzt? In Arnstadt wurden in den letzten Jahren soviele neue Straßen geschaffen, wäre denn da nicht die Möglichkeit einer „“Friedrich Behr““-straße gegeben?
    Mit freundlichem Gruß
    O.Tappert

  5. Ja wer Rudi nicht kannte, der kennt Bockarnscht nicht .
    Wir, das heißt mein Vater und ich, haben mit dem Marienstift viele Bustouren unternommen (mein Vater war Busfahrer) und ich habe ihn als Kind auf vielen Touren begleitet. Dabei durfte ich auch Rudi und Klaus kennenlernen. Wenn Rudi dich ins Herz geschlossen hatte, war er immer an deiner Seite und umarmte dich auch ständig. Einmal hat er auf der Feldstr.-Kreuzung mitten auf der Kreuzung den Bus von meinem Vater angehalten, nur um meinem Vater persönlich zum Geburtstag zu gratulieren.
    Gez.A.Meiselbach

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