Ich weiß es nicht

Es ist kalt geworden. Die Zwischentöne sind verschwunden, die Tugend des Zweifelns macht sich rar. Wo man hinschaut, sprießen Vorurteile. Nur was sie nährt, wird gierig aufgesogen, alles andere bekämpft. Dagegen kann man vielleicht nichts machen, aber man sollte es nicht mitmachen. 

Hätte  Xavier Naidoo zum nächsten europäischen Songzirkus für Deutschland antreten sollen?

Ich weiß es nicht.

Ich mag seine Stimme und manche seiner Songs, andere sind mir zu weinerlich. Er scheint über eine gewisse Popularität zu  verfügen, aber es werden auch Äußerungen von ihm kolportiert, die mir inhaltlich völlig gegen den Strich gehen.  Hat er das  so gemeint? War es nur Provokation oder ist er wirklich ein durchgeknallter Reichsbürger?

Ich weiß es nicht. Aber alle, die sich dazu äußern,  scheinen es zu wissen. Glaubt man den Medien, vor allem den sozialen, gibt es  offenbar nur noch zwei Lager, die lustvoll aufeinander einprügeln. Frei nach der mir von früher noch bestens bekannten Losung „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“. Der Rest allerdings, die große Masse, schweigt betreten.

Es ist kalt geworden. Statt miteinander zu reden und nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen, haben wir uns in Gruppen zurückgezogen, die uns Bestätigung verschaffen. Aus dieser Deckung lässt sich trefflich pöbeln. Und wenn man einen „Gegner“ verbal so richtig einen übergebraten hat, kommt rüde Schimpfe von der anderen Seite der Barrikade und reichlich Beifall aus dem eigenen Kral. Das ist bei Naidoo so, natürlich in der Flüchtlingsdebatte – und auch beim Abwahlverfahren für den Arnstädter Bürgermeister.

Ich weiß nicht, ob man Alexander Dill abwählen sollte. Ich halte ihn für keinen besonders guten Bürgermeister, denn er stolpert zu oft über seine eigene Selbstgerechtigkeit und ist nur begrenzt teamfähig. Aber ist er ein so schlechter Bürgermeister, dass man ihn abwählen sollte?  Mir kommt da immer der alte Witz in den Sinn, wo der Pessimist sagt: „Schlimmer kann’s nicht kommen“. Der Optimist entgegnet trocken: „Doch.“

Kurzum: Die Sache ist kompliziert. Da müsste man sachlich reden, Argumente austauschen, sich schlau machen. Sechs  Befürworter des Arnstädter Abwahlverfahrens, darunter die von mir persönlich geschätzten Stadtratsmitglieder Rita Bader ( Linke) und Georg Bräutigam (Pro Arnstadt) haben deshalb einen Internet-Auftritt gestartet, auf dem man sich mit Argumenten gegen Alexander Dill vertraut machen kann. „Arnstadt -wohin“ heißt die Seite.  Und sie hat leider wie viele anderen aktuellen Debattenseiten einen Geburtsfehler: Sie ist auf Krawall gebürstet. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Und wer gegen uns ist, bekommt eins drüber.

Um es klarzustellen: Es ist nicht der der Inhalt, der mich abstößt. Es ist der aggressive Ton. Ob es das  wiederholte Abwatschen der angeblich total Dill-hörigen Arnstädter TA-Redaktion ist oder die oberlehrerhaften Antworten auf Kommentare oder Leserbriefe – ich fühle mich nicht wohl bei der Lektüre, weil sie mich an Agit-Prop-Schulungen in der DDR erinnert. Was umso mehr verwundert, als der Autor der „schärfsten“ Beiträge, Jan Kobel,  gar nicht in der DDR sozialisiert worden ist – und es auch besser kann. Ein Beispiel auf besagtem Internet-Auftritt: Judith Rübers herzerwärmende Rezension eines neuen Büchleins über die Schätze im Schlossmuseum.

Ich würde mir wünschen, dass es wieder sachlicher wird, nicht nur bei „Arnstadt – wohin“. Und weniger beleidigend. Vielleicht können wir das in der Flüchtlingsdebatte oder bei Xavier Naidoo aus unserem kleinen Arnstadt heraus nicht schaffen. Aber wir sollten es wenigstens bei unseren eigenen kleinen Problemchen versuchen. Den sonst geht das Vertrauen der Arnstädter in alle verloren, die sie mal gewählt haben. Wir sind leider schon auf dem besten Wege dorthin.

Wie man verlorenes Vertrauen wiedergewinnen kann? Ich weiß es nicht. Aber es hat wohl viel mit Nachdenken und auch ein wenig mit Runterschlucken zu tun. Vielleicht auch gemeinsamen Runterschlucken, denn jene, die da jetzt aufeinander schimpfen, haben doch früher auch Bier zusammen getrunken. Es kann ruhig auch Glühwein sein, schließlich ist bald Advent.

Ein Gedanke zu „Ich weiß es nicht“

  1. Richtige und wahre Worte…und die Hoffnung schwingt mit.
    Mögen sie die Richtigen lesen und wenn nötig in sich gehen nach dem Motto: Bei allem, was du tust bedenke…würde es dir gefallen, wenn es ein anderer mit dir tut.

    Hände reichen statt Fäuste zeigen !!!

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