Die Birds lernen fliegen

Sie spielten fast nur englische Titel, eckten trotzdem bei den offiziellen Stellen nicht an und hätten fast sogar einmal Walter Ulbricht als Zuhörer gehabt: Die Birds waren schon besonders. Und sie hörten sogar auf ihre Eltern.

1964 nahm die DDR Abschied von der „Deutschen Mark“ und führte die „Mark der DDR“ (MDN) ein. In Arnstadt gastierten in diesem Jahr der Komiker Eberhard Cohrs, die Thomaner und Zirkus Busch. Natürlich fand der Wollmarkt statt und zum Motocrossrennen „Six Days“ kam sogar mit dem Motorradfan und Schauspieler Steve McQueen ein Hauch von Hollywood in die Stadt. Zu dieser Zeit beschlossen vier Schulfreunde aus der 10. Klasse der Erweiterten Oberschule, zusammen Beat-Musik zu machen. Karl-Friedrich Flammersfeld, Friedrich Prox, Gerd Konrad und Christian Schmidt hatten zwar keine eigenen Instrumente und wenig Ahnung, aber viel Enthusiasmus. In Marlishausen, wo Friedrich Prox wohnte, probierten sie sich an „Peter Gunn“ und ähnlichen Instrumentals. Aber so, wie sie es sich vorstellten, klang es noch nicht.

Da wandte sich Gerd Konrad an seinen Nachbarn und Freund Falk Walther, nun Medizinstudent im 5. Studienjahr in Jena. Der hatte etwas Erfahrung, spielte Klavier und Rhythmusgitarre und konnte auch Sachen von Little Richard und Jerry Lee Lewis singen. „Gerd Konrad fragte mich, ob ich Lust hätte mitzumachen. Ich hörte mir die Band an und fand sofort, das kann was werden“, erzählt Falk Walther. Er wurde Band-Mitglied, übernahm die Arrangements, den Klavierpart und spielte zuweilen Rhythmusgitarre. Und er hatte einen Freund, der rockig singen konnte und Okarina spielte: Hartmut Günther, viel später letzter Direktor des Neideckgymnasiums. Schließlich kam noch Walthers Studienkollege Wolfgang Tilke dazu, der Saxofon spielte und ab und zu auch mal Geige, zum Beispiel bei „Yesterday“ von den Beatles.

Die Birds 1966: Saxophonist Wolfgang Tilke vorn, hinter ihm von links: Karl-Friedrich Flammersfeld, Christian Schmidt, Gerd Konrad, Friedrich Prox.

Geprobt wurde nun nicht mehr in Marlishausen, sondern im großen Saal des Chema-Kulturhauses. Das Haus hatte montags eigentlich geschlossen, aber sie durften am Schließtag üben. Die Garderobiere schloss ihnen auf. Als diese stille Abmachung irgendwann nicht mehr funktionierte, zogen sie um ins Jugendklubhaus. Dort fanden 1965 auch die ersten Auftritte statt. Als „Birds“, darauf hatten sie sich nach längerer Debatte geeinigt. Frei wie ein Vogel, das klang gut. Und es sollte schon was englisches sein, schließlich spielten sie nur englische Titel. „Ich wüsste nicht, dass wir einen deutschen Titel im Programm gehabt hätten“, sagt Falk Walther, „außer der deutschen Fassung von ‚Wildthing‘, die hieß dann ‚Lisbeth‘“. Eine Beat-Fassung von „3 Chinesen mit dem Kontrabass“ haben sie auch noch gespielt. Das mit den modernisierten Volksliedern hatten sie sich bei den Polars aus Gotha abgeguckt. Und ein von Hartmut Günther für die offizielle Kapellen-Einstufung geschriebener und gesungener Anti-Kriegs-Song hatte natürlich auch einen deutschen Text.

Die Birds 1967: Schlagzeuger Friedrich Prox vorn, dahinter von links Gerd Konrad (Bass), Karl-Friedrich Flammersfeld (Melodiegitarre), Falk Walther (Piano, Gesang, Rhythmusgitarre), Hartmut Günther (Gesang, Okarina), Christian Schmidt (Rhythmusgitarre)

Das Repertoire war breit gefächert. Die Birds spielten alte Rock‘nRoll-Nummern von Little Richard und Bill Haley, Instrumentaltitel von den Shadows, den Spotnicks oder Duane Eddy, aktuelle Hits wie „All My Loving“ oder „Twist and Shout“, von den Beatles, „Satisfaction“ von den Stones, „Love Potion No. 9“ von den Searchers oder die Stimmungskracher „Hippy, Hippy Shake“, „Poor Boy“ und „Wholly Bully“. Aber auch „Winchester Cathedral“ von der New Vaudeville Band oder „Wonderful World“ von Sam Cooke hatten sie im Programm. Und es gab Eigenkompositionen, meistens Instrumentaltitel.

Texte und Harmonien hörte man sich so gut es ging aus den umfangreichen Plattensammlungen von Hartmut Günther und Falk Walther oder samstags beim „Beatclub“ ab. Das Englisch war etwas holprig, aber die Fans störte das nicht.

Die Instrumente und die Anlage wurden mit der Zeit zusammen gekauft. am Anfang gab es nur einen Verstärker für alle Gitarren und und den Gesang, dann wurden ein „Regent 30“ und ein Bassverstärker mit selbstgebauter Box angeschafft. Irgendwann tauchte ein Manager namens Albrecht auf, der Auftritte organisieren konnte. Gerd Konrads Eltern hatten eine Mineralwasserfabrik, und so brachte sie der Firmen-Laster nach Leinefelde, Bad Langensalza, Weimar, Königsee, Gehren oder Erfurt vermittelt, hauptsächlich in Jugendklubs. Und natürlich spielten sie in Arnstadt, Im Chema-Kulturhaus, im RFT und im Jugendklubhaus. Immer in einheitlicher Auftrittskleidung: ganz in schwarz und mit Westen.

Schlagzeuger Friedrich Prox

Geprobt wurde wöchentlich, Auftritte gab es alle zwei, drei Wochen. Trotz ihres fast ausschließlich englischen Programms sind sie nie bei den Behörden angeeckt. „Wir haben uns überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, dass wir auf westliche Musik fixiert waren“, sagt Falk Walther. „Auf dem Papier haben wir die Regeln eingehalten, aber auf der Bühne gespielt, was wir und das Publikum wollten.“ Vielleicht lag es daran, dass sich die Auftritte der Birds doch erheblich von denen der Arnstädter Satelliten unterschieden. „Wir waren brav“, lächelt Falk Walther. „Ab und zu ein Bierchen, aber gesoffen haben wir nie.“

Christian Schmidt, Rhythmusgitarre

Einmal nur hat ein Klubhausleiter den Strom den Stecker gezogen, weil sich bei „Dizzy Miss Lizzy“ von den Beatles im übervollen Saal die Stimmung zu sehr aufgeheizt hatte. Das war in Königsee und „ein absoluter Einzelfall“, so Falk Walther. „Da haben wir halt ein paar ‚Softies‘ gespielt und nicht mehr so laut – da war er zufrieden“.
Bei einem anderen Auftritt in Weimar hatten sie fast Kontakt mit dem ersten Mann der DDR. Walter Ulbricht war zum „Faust“-Premiere im Nationaltheater angereist und es gab das Gerücht, dass er auch das nach ihm benannte Jugendklubhaus am Goetheplatz besuchen wolle, wo die Birds spielten. „Die gesamte FDJ-Führung von Weimar war furchtbar aufgeregt und hat uns mit Verhaltensregeln genervt“, erinnert sich Hartmut Günther. Aber die Aufregung war umsonst. Ulbricht beließ es beim Besuch des „Faust“.

Dass es 1967 ein abruptes Ende für die Band gab, lag an den Eltern der vier Abiturienten. Sie fürchteten um die Abschlüsse der Jungs und legten ihnen ziemlich deutlich nahe, rechtzeitig vor dem Abitur mit der Musik aufzuhören. Und so gab es Anfang Mai 1967 einen fulminanten Abschieds-Auftritt im vollen Saal des Chema-Kulturhauses und dann noch eine musikalischen Privat-Zugabe am Arnstädter Mispelgütchen, zum Polterabend von Falk Walther. Dann gingen die Birds auseinander.

Nur Gerd Konrad und Friedrich Prox haben anschließend in anderen Bands noch weiter Musik gemacht. Heute leben die ehemaligen Birds-Mitglieder verstreut in ganz Deutschland, Friedrich Prox hat es sogar bis nach Kuba verschlagen. Aber an die kurze, aber intensive Zeit in der Band erinnern sie sich alle noch gern.

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4 Gedanken zu „Die Birds lernen fliegen“

  1. Hochachtung vor der sicher zeitraubenden Arbeit und der flüssigen Textgestaltung. Super gemacht.

  2. Toller Artikel. Da steht ja mehr drin, als ich mich erinnern kann. Ja, das war schon eine schöne Zeit damals. Zufall oder nicht, wir haben erst vor kurzem 50 Jahre Abitur gefeiert, was allein schon ein tiefes Abtauchen in die Vergangenheit für mich war. Und nun fliegen auch noch die Birds auf.
    Danke für’s Bloggen.

  3. Das Recherchieren hat mindestens genau so viel Spaß gemacht wie damals die Muggen. Und ich fand, man sollte sich ab und zu auch mal dran erinnern..

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