Die Comets kommen

Sie begannen als Duo, schafften es fast in Heinz Quermanns Castingshow „Herzklopfen kostenlos“, tourten mit einem „Ensemble Junger Talente“ durch die Lande  und rockten das Pressefest der SED-Bezirkszeitung:  Die „Comets“ brachten den Beat nach Arnstadt.

Das Jahr 1963 begann für Arnstadt mit einem klirrend kalten Winter, Schulen und Kultureinrichtungen blieben wochenlang wegen Kohlemangels geschlossen. Zum Wollmarkt im Sommer wurde zum ersten Mal nach Kriegsende eine richtige Achterbahn aufgebaut. Und im Herbst wird die erste Arnstädter Beat-Gruppe gegründet – auf einem Kartoffelacker.
Bei einem Ernteeinsatz der „Erweiterten Oberschule Arnstadt“ im Oktober 1963 kamen Hans Beckert (12. Klasse) und Harald Zeuner (11. Klasse) ins Gespräch. „Ich habe gehört, dass du Gitarre spielst“, sagte Hans zu Harald, „wollen wir nicht mal was zusammen machen?“

Beginn als Duo im Herbst 1963

Harald wollte. Und so begannen sie mit zwei Gitarren und einem Röhrenverstärker jene eigenartige neue Beat-Musik einzuüben, die hauptsächlich aus England kam und schnell auch in der die DDR populär wurde. Zunächst waren das Instrumentaltitel der Shadows, damals die Begleitband von Cliff Richard und seit 1960 auch als Beatgruppe mit „Apache“ oder „Kon-Tiki“ in England sehr erfolgreich. Probenort war die Schule, in der Aula fanden  erste Auftritte statt.

Das machte nicht nur den beiden Spaß; die Reaktion der Zuhörer bestärkte sie in der Idee, eine „richtige“ Band aufzubauen. Mit dem Lehrling Peter Ihme fanden sie einen Schlagzeuger, zu dritt spielten sie Instrumentaltitel von den Shadows, Duane Eddy, The Spotnicks und The Ventures. Bei Songs von Chuck Berry, Buddy Holly, Chris Montez oder Cliff Richard wurde nun auch gesungen. Der Aufstieg der Comets hatte begonnen.

Auch in der DDR gab es schon Castingshows. „Herzklopfen kostenlos“ hieß die Fernsehsendung des bekannten Moderators Heinz Quermann, für die im Frühjahr 1964 Talente gesucht wurden. Die drei Comets bewarben sich mit der Instrumental-Nummer „Oh Lonesome Me“ und einer Beat-Version des Schlagers „Süßer kleiner Teufel“ von Hartmut Eichler, kamen aber leider nicht weiter. So wie auch alle anderen aus dem Arnstädter Vorentscheid.
Dem damaligen Leiter des Chema-Kulturhauses Willy Uting aber gefiel, was er gehört und gesehen hatte. Er rief ein „Ensemble Junger Talente“ ins Leben, um jungen Musikern, Sängern, Akrobaten und Humoristen die Chance zu geben, sich einem breiteren Publikum zu präsentieren. Der Zuspruch war erstaunlich groß. Mit dem Ensemble traten die Comets nun in vielen Orten des damaligen Bezirks Erfurt auf.

Das Quartett ist komplett (August 1964)

Zu dieser Zeit spielte der Ingenieur Dieter Dettke im „Studio Swingtett“, der Begleitband des Ensembles, Gitarre. Er war so begeistert von der Musik der Comets, dass er als viertes Mitglied zu ihnen stieß. Nun spielten sie als Quartett – so wie die großen Beat-Bands, ihre Vorbilder.

Sogar die örtliche Presse wurde auf das Quartett aufmerksam. „Es macht ihnen Freude, und uns jungen Leuten macht es ja Spaß, solchen Klängen zuzuhören“, schrieb ein Redakteur am 31. März 1965 im Arnstädter Lokalteil der Bezirkszeitung „Das Volk“. Und er berichtete auch über die technischen Probleme der Comets. Aus der jetzigen Verstärkeranlage mit nur acht Watt könne man keine technischen Raffinessen herausholen, deshalb werde gerade eine neue mit 40 Watt gebaut.
„Die meisten Titel hören sich die Comets im Rundfunk an und dann heißt es für die eigene Besetzung, die richtigen Harmonien zu finden“, so stand es wahrheitsgemäß in der Zeitung. Dass es sich dabei um Westsender wie Radio Luxemburg handelte, wurde geflissentlich verschwiegen.

Im Laufe der Zeit eigneten sich die Musiker ein umfangreiches Repertoire von über 80 Titeln an. Mehr als 20 stammten allein von den Beatles, sie spielten aber auch die Searchers, die Swinging Bluejeans oder Casey Jones And The Governors nach. Und natürlich blieben die Instrumentaltitel der Shadows, Ventures oder Spotnicks im Programm, mit denen alles angefangen hatte.

Auftritt  im Schlossgarten

Es gab Auftritte sowohl mit dem Ensemble Junger Talente als auch als eigenständige Band im Kreis Arnstadt, in Erfurt, Tabarz, Waltershausen oder Ilmenau und sogar in Bärenstein im Erzgebirge.

Ein unvergesslicher Höhepunkt war der Auftritt in Erfurt auf dem 10. Pressefest der Zeitung „Das Volk“ auf der Erfurter iga. Auf einer der großen Freilichtbühnen führte am Abend das Ensemble Junger Talente aus Arnstadt sein Estradenprogramm auf, anschließend sollten im Wechsel das Studio-Swingtett und die Comets den Abend ausklingen lassen.
Dank der guten Bühnentechnik entstand ein satter Sound, der immer mehr Zuschauer, vornehmlich Jugendliche, anzog. Und so dauerte es nicht lange, und das Publikum wollte nur noch die Comets hören. „Wir mussten unser gesamtes Repertoire auspacken und erhielten sehr viel Beifall“, erzählt Bassist Harald Zeuner. Selbst das Höhenfeuerwerk um 22 Uhr sorgte nur für eine kurze Unterbrechung, anschließend kamen die Zuschauer im Eiltempo zurück zur Bühne. „Selbst auf den Bäumen ringsum saßen plötzlich Zuschauer, wir mussten bis Mitternacht unter dem Beifall der Massen weiterspielen“, so Harald Zeuner.

1965 ging Bassist Harald Zeuner zum Studium nach Berlin, sein Nachfolger als Bassist wurde der Oberschüler Jörg Herzer. Auch Peter Ihme stieg aus der Band aus, für ihn trommelte nun der Automechaniker Arnd Hornickel. Beide hatten vorher bereits bei den „Guitar Boys“, der Vorgängerband der „Arnstädter Satelliten“, Musik gemacht. Allerdings spielte diese Besetzung nur bis Mitte 1966 zusammen, dann gingen Arnd Hornickel und Mitgründer Hans Beckert zum Studium nach Zwickau. Mit dem Tod des Bassisten Jörg Herzer im März 1971 war dann endgültig klar: Die Comets wird es nicht mehr geben. Die Band, die den Beat nach Arnstadt gebracht hatte, war Geschichte.

Tonaufnahmen der „Comets“:

Babys in Black (Beatles)

From Me To You (Beatles)

Frightened City (Shadows)

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6 Gedanken zu „Die Comets kommen“

  1. Die „Comets“ waren für mich 1964 als 15-Jähriger die absoluten Gitarren-Götter von Arnstadt. Habe sie bei jeder möglichen Gelegenheit im Chema-Kulturhaus erlebt. Sie schafften es aus meiner Teenager-Sicht , die damals im Rundfunk immer mehr präsenten Beatles hervorragend nachzuspielen. Besonders beeindruckt hat mich als Gitarren-Anfänger das präzise Solospiel von Hans Beckert bei den Instrumentaltiteln.
    Es war für mich ziemlich unverständlich, warum solche talentierten Musiker „plötzlich nicht mehr da“ waren. Offensichtlich dominierten bei manchen der damaligen Musiker andere Interessen und Erfordernisse die anfängliche Begeisterung für Musik.

  2. Warum manche Musiker „plötzlich nicht mehr da“ waren, lag daran, dass nach dem Schulabschluss die Lebensgestaltung (Studium, Schaffung der finanziellen Lebensgrundlagen, Familienplanung) das wichtigste war und kaum noch Zeit zum Musikmachen (Bandproben, Auftritte, Reisen zu den Gigs) blieb.
    Die Begeisterung für die Musik ist aber immer erhalten geblieben. So habe ich z.B. in Berlin 1966 eine Studentenband gegründet und bin 1971 an den Wochenenden mit einer Rockband durch die halbe Republik getourt. Nach dem Studium kam ich zur Fachzahnarztausbildung wieder nach Arnstadt und habe in meiner Freizeit von 1973 – 1977 in der „CAER-Combo“ gespielt. Auch Dieter Dettke hat nie aufgehört, aktiv Musik zu machen („Team 73“).

  3. Habe bei meinem Kommentar oben Hans Beckert und Arnd Hornickel im Hinterkopf gehabt. Beide habe ich inzwischen gesprochen und bin nun hinsichtlich der Gründe für ihren Ausstieg aus dem Musikerleben aufgeklärt.
    Auch Ihr Name, Herr Dr. Harald Zeuner, ist im Gespräch erwähnt worden als Beispiel für das Weitermachen in Sachen Musik trotz neuer Prämissen im Leben.
    Ich selbst lebte und arbeitete von 1972 bis 1986 in Berlin und habe deshalb die Musikszene in Arnstadt nicht verfolgen können.
    Umso lobenswerter ist aus meiner Sicht die vorliegende Artikelserie über die Geschichte der frühen Arnstädter Bands. Nicht nur von Arnstadt abwesende Leute erfahren so mehr über den Fortgang der Ereignisse, die durch die damalige Musikeuphorie ausgelöst wurden. Auch mancher Musiker selbst kann sein Bild so erweitern über das Erstaunliche, was um ihn herum in anderen Bands geschah.

  4. Oh ja, diese Artikelserie war eine tolle Idee … und da ja der Verfasser nicht nur seine journalistischen Fähigkeiten voll einbringen konnte, sondern auch wusste, wovon er „redet“ (er war selbst von 1967 bis 1970 als Keyboarder mit „Eins plus Fünf“ und „Alpha Centauri“ erfolgreich), ist sie auch sehr gut gelungen.
    Ich hoffe, sie wird fortgeführt, und wir erfahren auch etwas über Bands wie „Vulkans“, „Tropics“, „1 plus 5″, „Alpha Centauri“, „Torinos“ u.a.

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