Haltbare Verführer

Eigentlich war die Eröffnung der Sonderausstellung „Reklame – Kunst verkauft“ im Schlossmuseum schon für den 21. März geplant. Doch kurz vorher kam Corona. Aber seit Himmelfahrt ist sie endlich offen, vorerst von Freitag bis Sonntag.

Manches Exponat glaubt man zu kennen. Aus dem Kleiderschrank der Großmutter, wo in einer ähnlichen Dose Knöpfe und Stoffreste aufbewahrt wurden. Aus einem Garten, wo ein buntes Emailleschild als Stütze für den Komposthaufen diente. Manchmal stand „Mauxion“ oder „Nigrin“ drauf oder andere Namen, die mächtig exotisch klangen. Auch die Blechdosen und Schilder hatten etwas Exotisches, sie luden zum Träumen ein von einer bunteren Welt.

Christian Hühn hatte früh ein Auge für echte Reklame-Schönheiten, er sammelte sie schon als Kind. Zunächst Blechdosen, die er „dreidimensionale Verführungen“ nennt, später kamen Schilder, Plakate, Pappaufsteller und andere Werbemittel aus der Zeit zwischen 1900 und 1930 hinzu. Nun kann man über 900 Teile seiner Sammlung, ergänzt durch Bestände des Schlossmuseums, in diesem Haus bewundern.

Einige Ausstellungsstücke werben direkt für Arnstädter Firmen – wie ein Prospekt des Schuhhauses Kästner, eine Papiertüte der Bäckerei Nagel und die Blechschilder der Autofirma Ley und der Brauereien Mergell und Kürsten. Eine Arnstädter Geschichte haben aber viel mehr der Exponate: Christian Hühn hat sie über die Jahre bei seinen Streifzügen durch die Stadt in Haushalten, Gärtnereien, Drogerien oder Kleingartenanlagen entdeckt, wo sie sich artfremd nützlich gemacht hatten. Als Behältnis für Liebesbriefe, als Dekoration oder auch, um ein löchriges Schuppendach abzudichten. Sie führten hier ihr zweites Leben.

Deshalb sind ein bisschen abgeplatzte Emaille oder Gebrauchsspuren auf einer Dose für den Sammler nicht zwangsläufig ein Makel, sondern Teil der Geschichte, die sie zu erzählen haben. Nicht alles aus seiner Sammlung hat es in die Ausstellung geschafft, die Fülle ist auch so überwältigend. Und ständig kommt Neues hinzu, gerade hat er wieder einige interessante Stücke bei Haushaltsauflösungen in und um Arnstadt gefunden. Die kann man sich im Geschäft von Christian Hühn in der Arnstädter Zimmerstraße anschauen und kaufen. Und wenn man ihn fragt, erzählt er gern Geschichten dazu. Auch zu den Exponaten, die jetzt im Schlossmuseum zu sehen sind.

Dort hängen an den Wänden ein paar Fotos von alten Arnstädter Läden. In Schwarz-Weiß, aber zusammen mit den bunten Schildern und Dosen bekommt man eine Vorstellung, wie es in Arnstadt um 1920 ausgesehen haben könnte. Das sollte man sich nicht entgehen lassen.

Das Schlossmuseum (und damit auch die Sonderausstellung „Reklame – Kunst verkauft“) ist vorläufig Freitag bis Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Dazu gibt es auch einen kleinen, aber feinen Katalog.

 

Übrigens gab es 2017 eine bezaubernde Jugendstil-Ausstellung an gleicher Stelle, bei der die Familie Hühn  ebenfalls eine Rolle spielte:
Sammelwut und Wäschestärke

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