Güterbahnhof ohne Eierkuchen

Heute wurden im Rathaus die Verträge für die Auferstehung des Arnstädter Güterbahnhofs unterschrieben. Es ist ein Projekt, das Arnstadt und die Arnstädter über lange Zeit beschäftigen wird. In jeder Hinsicht. Denn es birgt Chancen und Ärger.

Soviel honorige Menschen waren lange nicht im Arnstädter Ratssaal versammelt. 1 Landesminister, 1 Staatssekretär, 2 Vorstände der Deutschen Bahn und 1 Arnstädter Bürgermeister, allesamt gefolgt von reichlich Fachpersonal, zückten die Stifte oder Füller und leiteten so die Auferstehung des Arnstädter Güterbahnhofs ein. Der ist zurzeit ein Gelände, an dem man möglichst schnell vorbeifahren möchte, wenn man in seinen Kleingarten in der Anlage „Freundschaft“ will, zu den schönen alten Lokomotiven oder zum Jonastalverein.  Oder noch weiter in die weite Welt, zum Beispiel zum Gewerbegebiet „Erfurter Kreuz“. 

Diese Route soll ab dem Jahreswechsel 2023/24 zusätzlich  eine ganze Flotte von Lkws befahren. Etwa 130 pro Werktag, elektrisch betrieben.  Allerdings nicht von dem Güterbahnhof, so wie er heute aussieht. Sondern von einem niegelnagelneuen Güterterminal, das mit seinen Portalkränen ein wenig an eine Hafenanlage erinnert.

So soll der neue Güterbahnhof aussehen. Vorn rechts der Hauptbahnhof.

Transportiert werden Zulieferteile für das neue Batteriewerk von CATL, zurückfahren sollen die Lkws mit fertigen Batteriegestellen nach jetzigen Vorstellungen über die Ichtershäuser Straße bis zur Einmündung Rehestädter Weg zurück zum neuen Güterterminal. Für den Rehestädter Weg wird dafür eine Einbahnstraßenregelung Richtung Lokschuppen erwogen.

Auch wenn schon jetzt Lärmschutzwände, Einhausungen und fast geräuschlose Lkws geplant sind – dieser neue Güterbahnhof wird eine Belastung für die Anwohner und den ohnehin schon dichten Verkehr. „In einem Industrieland kann man Belastungen nicht ganz ausschließen“, sagte Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee. Und Arnstadts Bürgermeister Frank Spilling sieht noch großen Gesprächs- und Aufklärungsbedarf für das Projekt: “ Es ist nicht Friede, Freude, Eierkuchen“. 

Dabei profitiert Arnstadt durchaus von dem Projekt, denn die Bahn hat sich zu Ausgleichsmaßnahmen verpflichtet, auf die man schon lange gewartet hat. In meiner Erinnerung ist es das erste Mal, dass Arnstadt von Ausgleichsmaßnahmen für das Erfurter Kreuz profitiert (außer einem renaturierten Tümpel bei Oberndorf).

Unter anderem soll die Fischtorbrücke endlich repariert werden, der Radweg am „Schwarzen Weg“ bis zum Hauptbahnhof wird gebaut und der Bahnhof selbst soll seinem Namen wieder Ehre machen. Entgegen den ursprünglichen Plänen wird er nun nicht verkauft, sondern von der Bahn selbst saniert und ausgebaut. Das ist unüblich für die sonstige Politik der Bahn, die solche Immobilien gern abgibt und deutet darauf hin, dass er vielleicht so etwas wie ein Aushängeschild werden könnte. 

Auch die Tatsache, dass Arnstadt nun wieder einen Güterbahnhof bekommt, ist durchaus positiv zu bewerten. Immer mehr Unternehmen legen Wert auf „grüne“ Zulieferketten, der Bahntransport ist dafür  so etwas wie ein Gütesiegel und könnte ein Standortvorteil sein. Nur wenige Gewerbegebiete können damit werben, einen modernen Güterbahnhof in der Nähe zu haben.

Aber warum wird das Terminal nicht näher am  „Erfurter Kreuz“ errichtet, es gibt doch einen Gleisanschluss dorthin?

Diese Frage sei eingehend untersucht worden, hieß es von der Bahn. Näher am Kunden sei immer besser, aber in diesem Falle würde es nicht gehen. Weder direkt bei CATL noch an anderer Stelle im Gewerbegebiet habe sich eine Fläche gefunden, die groß genug für das Terminal sei – manche Flächen seien auch nicht „genehmigungsfähig“. Das klang so ein wenig nach: Es war schon schwer genug, sich zwischen den Bahnsparten, der Landesentwicklungsgesellschaft und zwei Landesministerien auf die jetzt gefundene Variante zu einigen. Wer jemals mit der Bahn oder einem Ministerium verhandelt hat, kann das verstehen. Offiziell hofft man außerdem auf weitere Güter-Kunden durch das neue Terminal. Und die müssen ja nicht zwangsläufig aus dem Gewerbegebiet kommen.

So ist wohl am Standort Güterbahnhof nach der erfolgten Vertragsunterzeichnung nicht mehr zu rütteln. Worüber aber durchaus noch zu diskutieren sein dürfte, ist die Verkehrsführung für die Elektro-Lkws. Warum müssen sie den Rückweg von CATL zum Güterbahnhof über die schon jetzt zeitweise überforderte Ichtershäuser Straße nehmen, wo es doch eine kürzere Route über die Straße am Alten Gericht geben könnte? „Am Alten Gericht“ ist zwar gegenwärtig eine für den Durchgangsverkehr gesperrte Anliegerstraße, die erst wieder umgewidmet werden müsste, aber diese Strecke wäre für die Lkws zumindest auf den ersten Blick wesentlich geeigneter.  Die Belastungen für die Anwohner würden sich wegen der leisen Lkws in Grenzen halten, dass die Öffnung weiteren Durchgangsverkehr anzieht, ist kaum zu befürchten – wenn der Rehestädter Weg zur Einbahnstraße Richtung Lokschuppen wird (wie die Zufahrt vom Alten Gericht zum Güterbahnhof geregelt wird, ist eine andere Frage). 

Die entsprechenden Planverfahren haben noch nicht begonnen. Als Auftakt stellt die Bahn das Projekt an diesem Samstag ab 12 Uhr genau dort vor, wo sich alles verändern soll: am alten Güterbahnhof (hier die Einladung zum Infomarkt mit weiteren Informationen zum Projekt).

Dieser Infomarkt dürfe allerdings nur der Anfang sein, sagte Arnstadts Bürgermeister Frank Spilling. „Über dieses Projekt werden wir mit allen Beteiligten oft und intensiv reden müssen.“

Weitere Infos unter https://www.rlc-arnstadt.de/

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