Kunstgebilde

Zur gerade beginnenden Grünen Jubiläums-Woche in Berlin präsentiert sich auch der „Thüringer Bogen“, der immer mal durch die Medien wabert. Aber wo zum Teufel liegt dieser Bogen überhaupt? Und wer braucht sowas?

Die Gemeinde Wolfsberg gehört zu den Orten, die man nicht kennen muss. Nicht, weil sie besonders hässlich wäre oder weil es dort immerfort regnet. Sondern weil sie vor 1994 gar nicht da war und seit sieben Jahren schon wieder von der Landkarte verschwunden ist. 

Wolfsberg war ein Kunst-Ort, erfunden von Verwaltungen, die fanden, der Bürger werde nicht so verwaltet, wie das die Verwaltung verdiente.

Früher begannen Dörfer und Städte mit dem ersten Haus und endeten mit dem letzten.  Manche schlängelten sich ziemlich länglich durch ein Tal wie Gräfenroda, manche kuschelten sich um eine Kirche herum wie das kleine Gösselborn. Manchmal wuchsen so ein Straßen- und ein Haufendorf auch zusammen wie Gräfinau und Angstedt, die nur durch die Ilm getrennt waren. Aber das war die Ausnahme und wurde mit lustigen Doppelnamen wie Wanne-Eickel, Ottendorf-Okrilla  oder eben Gräfinau-Angstedt belohnt.

Doch dann kam die Zeit der Gebietsreformen. Die Verwaltungen sollten einfacher und besser werden, dafür mussten viele kleine Gemeinden ihre Eigenständigkeit aufgeben.  Es entstanden künstliche Gebilde wie Wolfsberg (aus Gräfinau-Angstedt, Bücheloh und Wümbach) oder mehrere Verwaltungsgemeinschaften und Kunstgemeinden, die das „Geratal“ im Namen führten oder noch führen – mit wechselnden Mitgliedern. Für die Einwohner bedeutete das längere Wege bei Behördengängen, aber an der Identität änderte sich wenig. Man wohnt noch immer in Wümbach oder Geraberg, egal, wie  die künstliche Verwaltung heißt.

Es gibt noch andere künstliche Gebilde, die nur fürs Verwalten erfunden wurden: die Landkreise. Sie sollen die Aufgaben erledigen, für die selbst zusammengelegte Gemeinden zu klein sind und auf die das Land keine Lust hat.  Gelegentlich bestimmt die Kreisfrage sogar die Stammtisch -Debatten, wie 1994, als die Kreise Ilmenau und Arnstadt zusammengelegt wurden. Aber im Grunde interessierte die Leute damals auch nur das strittige Autokennzeichen und die Frage, welche Stadt den Zuschlag für den Verwaltungssitz  bekommen würde. Denn Verwaltung bedeutet immer Arbeitsplätze. Und da muss man hinfahren, wenn man was von ihr will. 

Ansonsten ist die Kreisverwaltung den Menschen ziemlich egal, der Kreisverwaltung allerdings nicht.  Wie ernst sie sich nimmt, konnte man 2024 erleben, als der 30. Geburtstag des Kunstgebildes Ilm-Kreis gefeiert wurde. Dabei war es gar nicht mehr der Kreis von vor 30 Jahren:  Gehlberg (und mit ihm der traditionsreiche Schneekopf) machte sich Anfang 2019 vom Acker und ließ sich nach Suhl eingemeinden. 

Vorher war lange nicht klar, ob das Kunstgebilde Ilm-Kreis sein 30. Jubiläum überhaupt erreichen würde. Ab 2014 hatte sich die rot-rot-grüne Landesregierung unter Bodo Ramelow eine neue Gebietsreform auf die Fahnen geschrieben, die Zahl der Landkreise sollte drastisch reduziert werden. Für den Ilm-Kreis war eine Fusion mit dem Kreis Gotha oder mit Saalfeld-Rudolstadt im Gespräch.  Doch dann platzte das Projekt, die Widerstände waren zu groß und das Durchsetzungsvermögen der Koalitionäre zu klein. Alles blieb, wie es war. Bis zur nächsten Gebietsreform. 

Aber nur fast. 

Denn 2018 beschlossen die beiden Kunstgebilde-Verwaltungen Ilm-Kreis und Kreis Gotha, sich noch ein weiteres gemeinsames Kunst-Gebilde  zu schaffen: den „Thüringer Bogen“. Der Grund war ganz einfach: Es war Geld da. Nicht im eigenen Haushalt, sondern in diversen Fördertöpfen von oben, die man aber nur anzapfen konnte, wenn man etwas ganz Neues machte. Eine gemeinsame Vermarktungsstrategie der beiden Kreise zum Beispiel, die sich zwar auch schon vorher zu vermarkten suchten, aber eben noch nicht zusammen. 

Doch was verbindet die beiden Kunst-Kreise, das sich für eine gemeinsame Kunst-Dachmarke eignen könnte? Auf diese Frage wurde leider keine zufriedenstellende Antwort gefunden. Also griff man am Ende eine Idee auf, die man wohl einem Marketing-Lehrling in der ersten Ausbildungswoche bei Vorlage umgehend um die Ohren hauen würde: Man nimmt die zwei größten Städte jedes Kreises, verbindet Waltershausen, Gotha, Arnstadt und Ilmenau mit einer gekrümmten Linie und nennt das ganze „Thüringer Bogen“

Eigentlich kann man das mit allen Orten der Welt machen. Auch zwischen Ottendorf-Okrilla, Gräfinau-Angstedt, Bietigheim-Bissingen und Niefern-Öschelbronn ließe sich eine solche Linie ziehen, es wäre dann halt der „Doppelnamen-Bogen“

Ein echter Bogen (wie zum Beispiel der Saale-Bogen) wird im Bereich des „Thüringer Bogens“ schwer zu finden sein, was die Verantwortlichen aber nicht davon abhält, den Unsinn mit dem Thüringer Bogen in alle möglichen Broschüren, auf Werbestelen, Briefköpfe und Internetseiten zu schreiben, mehrere Menschen für das Projekt zu beschäftigen und dafür viel Geld auszugeben. Es ist ja nicht ihres. Auch wenn es am Ende unseres ist.  

Aktuell werden gerade die Berliner mit dem „Thüringer Bogen“ belästigt, auf der 100. „Grünen Woche“ sind die beiden Kreisverwaltungen aus Arnstadt und Gotha  mit der Kunst-Idee  präsent. Den Gästen dürfte es egal sein, unter welchem Logo sie in die Bratwurst beißen. Die ist schließlich der einzig wahre Thüringer Bogen. Nur schmackhafter.
 
Merken muss man sich die neue Dachmarke auf jeden Fall nicht. Das „Regionalmanagement“, aus dem die ganze Sache bezahlt wird, gibt es immer nur für einige Jahre. Die aktuelle Förderperiode geht bis 2028. Und selbst, wenn die Förderung noch einmal verlängert wird, irgendwann versiegt die Geldquelle für den „Thüringer Bogen“. Und dann dürfte ihn das gleiche Schicksal ereilen wie Wolfsberg und andere Kunstgebilde. 

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