Seuchenalarm

Die Angst vor der Schweinegrippe fordert gelegentlich Überreaktionen heraus. Das musste eine Arnstädter Familie jetzt auf der Heimreise aus dem Urlaub am eigenen Leibe erleben.

Es war heiß in diesem Sommer in Griechenland. Auch auf der Halbinsel Athos, dem Urlaubsdomizil von Familie M.*. Doch zum Glück hatten die Hotelzimmer Klimaanlage, die sich allerdings nicht nur als segensreich erwies. Denn Peter, der jüngste Sohn, schlief in der Zugrichtung und holte sich prompt eine Erkältung: Fieber bis 39, Mattigkeit, kein Appetit, eben das ganze Programm. Zum Arzt wollte die Familie nicht mehr, der Rückflug stand ohnehin vor der Tür. Und so gab es nur etwas Paracetamol und die Absicht, mit dem Zehnjährigen zu Hause gleich zum Kinderarzt zu gehen.

Im Flugzeug von Thessaloniki nach Nürnberg saß Peter zwischen seinen Brüdern. Gehustet oder geniest hat er ( im Gegensatz zu vielen anderen Passagieren ( nicht, sagt seine Mutter. Aber als die nette Stewardess mit dem Essen kam, lehnte er ab. Der ist krank, sagte sein Bruder. Ab da nahm die Geschichte eine unerwartete Wendung.
Was hat er denn?, fragte die Stewardess mit sichtlich gewachsenem Interesse. Und der Bruder erzählte bereitwillig die Symptome. Die Stewardess erstarrte förmlich zur Salzsäule, und dann kam die Suggestivfrage an die Mutter: Wissen Sie eigentlich, dass wir hier alle im Flugzeug die gleiche Luft atmen müssen?. Frau M. wusste das natürlich. Die Stewardess holte ein Fieberthermometer.
Das Ergebnis: 37,7. Nicht bedrohlich, aber Grund für die Stewardess, dem Jungen eine weitere Paracetamol zu verabreichen und den Kapitän zu verständigen. Kurz danach gab es eine Durchsage: Ist zufällig ein Arzt an Bord? Der Familie wurde die Geschichte immer peinlicher. Aber es war kein Arzt an Bord. Dafür wurde die medizinische Abteilung des Zielflughafens Nürnberg in Kenntnis gesetzt. Worüber, konnte sich Frau M. mittlerweile denken: Verdacht auf Schweinegrippe.
Nach der Landung wollten alle schon aufstehen, da kam eine neue Durchsage. Bitte sitzenbleiben, es sei ein krankes Kind an Bord, das erst versorgt werden müsse. Wegen Verdachts auf eine Infektion. Umgehend betrat der Flughafenarzt mit orangefarbener Notfallkleidung und Maske das Flugzeug und rief laut: Wo ist das Kind? Das Kind saß unmittelbar neben ihm, es war mit seiner Mutter vorher schon zum Ausgang gelaufen. Der Arzt ließ sich die Symptome schildern, auf eine Untersuchung wurde zunächst verzichtet. Und dann sprach der Mediziner einen Satz, den auch der letzte der etwa 300 Passagiere hören musste: Das Flugzeug wird geschlossen.
Es ging ein Raunen durch den Flieger, als Kind, Mutter und Arzt verschwanden. Der Vater blieb mit den beiden Söhnen im Flugzeug zurück. Irgendwie müssen sie sich ein wenig wie Geiseln gefühlt haben.
Derweil kündigte der Arzt an, einen Test auf Schweinegrippe sofort zu veranlassen. Allerdings nicht auf dem Flughafen, das ginge nur im Klinikum in Erlangen. Also wurde das Kind zum Krankenwagen gebracht, ihm eine Maske aufgesetzt, und es wurde schließlich noch an den Tropf angeschlossen. Das alles ohne vorherige Untersuchung. Mit Blaulicht und Martinshorn ging es dann in die Universitätsklinik Erlangen.
Dort wurde Peter von seuchengerecht verkleideten Medizinern in Empfang genommen und endlich untersucht. Wann denn das Ergebnis vorliege, fragte Frau M. vorsichtig. Es sei jetzt 16 Uhr, wurde ihr freundlich mitgeteilt, da habe das Labor schon geschlossen. Also ginge das mit der Analyse auf Schweinegrippe erst am nächsten Morgen.

Frau M. sah schon 300 Menschen wegen ihres Sohnes im Flugzeug übernachten, von der eigenen Heimkehr ganz zu schweigen. Dann kam es doch anders: Ein Schnelltest, sagte der Arzt, tue es zunächst auch. Der sei zwar nicht ganz anerkannt, treffe aber meistens zu. Der Schnelltest besagte nach einer dreiviertel Stunde: keine Schweinegrippe. Das mittlerweile eingeschaltete Gesundheitsamt Erlangen willigte ein, Frau M. konnte mit Peter die Klinik verlassen. Zwar stünde die Familie noch unter Quarantäne, aber nach Hause fahren könne man. Nur nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Aber wie dann von Erlangen nach Nürnberg kommen? Die Rest-Familie war nach dem Schnelltest, wie alle anderen Passagiere, nach Feststellung der Personalien aus dem Flugzeug entlassen worden, aber Frau M. hatte in der Hektik Papiere und EC-Karte mitgenommen. Ohne diese Unterlagen konnte Herr M. keinen Mietwagen bekommen ( und am Klinikum Erlangen gab es keinen. Die einzige Lösung war ein Taxi. Es gab noch eine Bescheinigung von der Klinik, mit der die Fahrtkosten hätten übernommen werden sollen.

Der Taxifahrer schaute zunächst etwas skeptisch, als ein Junge mit Mundschutz (das Tragen war verordnet worden) in den Wagen stieg, ließ sich dann aber alles erklären. Bei der Ankunft sagte der Taxifahrer allerdings, das mit der Bescheinigung aus der Klinik gelte doch nur für Leute mit Behindertenausweis. Frau M. hatte keinen. So bezahlte sie die 30 Euro. Und dann konnte die Familie nach Hause fahren.
Es war übrigens bei Peter wirklich keine Schweinegrippe. Aber am Ende wurde es dann noch eine veritable Stirnhöhlenvereiterung.
* Die Namen wurden auf Wunsch der Familie geändert.

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