Was für ein Leben

Ein damals 25-Jähriger hat im September 1989 die Wende in Arnstadt ausgelöst. Günther Sattler brachte mit einem Flugblatt die Arnstädter dazu, auf die Straße zu gehen. 20 Jahre danach habe ich ihn besucht.  Günther Sattler  denkt noch heute mit gemischten Gefühlen an diese Tage zurück. Ein Held will er nicht gewesen sein. Aber er hat zur richtigen Zeit etwas getan, auf das alle gewartet haben.

Der Birkenhof in Plaue ist nicht nur ein wunderschönes altes Haus, sondern auch eine Baustelle. Das Geld, um scharenweise Bauarbeiter zu beschäftigen, hat Günther Sattler nicht. Also macht er es allein, mit Baumaterial, das andere wegwerfen. „Ich kann ja nicht einmal sagen, einer allein könne nichts bewegen. Schließlich hab ich ja schon mal das Gegenteil bewiesen“, sagt der 45-Jährige. Es klingt nicht stolz, eher wie schwarzer Humor. Der liegt ihm. Dass er aus dem Birkenhof eine Begegnungsstätte machen will, hat auch mit Erfahrungen zu tun, die er vor 20 Jahren gemacht hat: Leute müssen miteinander reden. Auf dem Birkenhof soll man sich begegnen können. Anderen und auch sich selbst.

Günther Sattler hat die Wende in Arnstadt eingeleitet. Ganz allein, ohne Kirche oder Neues Forum. Alle, die sich heute als Mütter und Väter des Wandels feiern, waren noch still, als er anfing zu handeln. Eigentlich wollte er nicht einmal die Welt retten, sondern er hat es nur für sich getan. Vielleicht ist das der Grund, warum er noch heute gar nicht so gern über damals redet.

Aufgewachsen ist er in Verhältnissen, wie es sie häufig gab in der DDR, aber offiziell nicht geben durfte. Der Vater Volkspolizist, was dem kleinen Günther schon in der Schule immer vorgehalten wurde: Er müsse auch ein Vorbild sein – so wie sein Vater.

Der Vater aber war kein Vorbild. Und er trank.

Darüber reden konnte Günther kaum mit jemandem, also machte er, was ihn aus seiner Sicht befreien konnte aus der Vorbildrolle. „Alles, was man als Blödsinn machen konnte als Jugendlicher, hab ich gemacht“, sagt er heute. Von der Schule geht er nach der neunten Klasse ab, er musste sie zwei Mal machen. Das einzige Fach, das ihn interessiert hatte, war Geschichte. Das wird später noch eine Rolle spielen.

Trotzdem gelingt es ihm nicht, auszubrechen. Nach der Fleischerlehre und einem Ausflug in den Stahlbau ist Günthers Zukunft von seinem Vater schon wieder verplant: Er vermittelt ihn für ein Handgeld zum Armeedienst an die Erfurter Bereitschaftspolizei. Danach wartet eine Stelle als Küchenhilfe bei der Bezirksbehörde der Volkspolizei. Was für ein Leben.

Also doch werden wie der Vater? Oder wie die Offiziere, die er kennenlernen musste in seiner Zeit bei der „Bepo“? Als er schon vor dem eigentlichen Termin der Kommunalwahl 1989 seine Stimme abgeben soll, bevor sein Wehrdienst zu Ende geht, begehrt er auf und verweigert sich. Mit Folgen. „Da lernte ich, Toiletten mit der Zahnbürste sauber zu machen. Und schob Dienst ohne Ende.“ Das einzige Positive: Mit seiner Verweigerung war die Zukunft bei der Polizei gestorben. Günther wird Heizer im Lederwerk in Arnstadt und zieht daheim in die Waschküche im Keller. Oben, beim Vater, hielt er es nicht mehr aus.

Klar, konnte man mit Freunden darüber diskutieren. Aber er hörte immer wieder diesen einen Satz: Daran kannst Du sowieso alleine nichts ändern.

Doch er wollte nicht so weiterleben – aber auch nicht weg über Ungarn, wie so viele. Was macht man, wenn man wissen möchte, ob andere vielleicht ähnlich denken? Früher, so hatte Günther in Geschichte gelernt, wurden in solchen Fällen Flugblätter verteilt. Manchmal mit Zeichnungen oder Karikaturen – aber das scheiterte nicht nur am fehlenden Talent zum Zeichnen, sondern auch an der Vervielfältigungs-Frage. Also borgte sich Günther von einem Kumpel eine Schreibmaschine, angeblich, um sich für die „Trasse“ zu bewerben, jenem Jugendobjekt zum Bau einer Erdgasleitung in der Sowjetunion, für das in der DDR immer Leute gesucht wurden.

Auf der geborgten Schreibmaschine  beginnt er am 17. September 1989 ein Gedicht zu schreiben. Jeden Tag ein, zwei Stunden. Nach drei Tagen ist es fertig. „Was für ein Leben?“, fragt er, „wo die Wahrheit zur Lüge wird, wo der Falsche das Zepter führt“. Am Ende des Gedichts steht eine Einladung an alle Arnstädter, sich am 30. September auf dem Holzmarkt zu treffen.

Immer wieder spannt er neue Bögen in die Schreibmaschine ein, mit Blaupapier dazwischen. Er schreibt alles voll, was ihm unter die Finger kommt: Schulhefte, Blocks, die er in einem Schreibwarengeschäft ergattert. Manchmal schleichen sich Fehler ein, es ist das erste Mal, dass er überhaupt an einer Schreibmaschine sitzt.

Am Anfang sind es  es ungefähr 80 Flugblätter, genau weiß er das heute nicht mehr, „ich war total emotional daneben“. An einem Abend überrascht ihn seine Freundin dabei. „Wenn du das machst, dann ist Schluss“, sagt sie. Er versteht das, er weiß, was auf Mitwisserschaft steht. Aber an diesem Abend setzt er sich aufs Fahrrad und klebt die ersten Flugblätter. In der ganzen Stadt.

Als er von der ersten Tour zurückkommt, sieht er schon überall Polizei, die  versucht, seine Flugblätter zu entfernen. „Da bin ich heim, hab neue geschrieben und bin wieder los. Ich verstehe heute noch nicht, dass mich keiner erwischt hat“.

Nach den ersten Aktionen hat er zwei Tage frei. Zu  Hause zuckt er bei jedem Geräusch zusammen. Aber es kommt keiner. Die Stasi versucht zwar, den Schreiber zu identifizieren, macht Schriftproben von Schreibmaschinen aller Arnstädter, die schon mal aufgefallen sind. Auf Günther Sattler aber kommt keiner.

Dann kommt der 30. September, der Tag an dem er die Menschen auf den Holzmarkt eingeladen hat. Günther Sattler schaut zunächst von oben zu, aus der Wohnung eines Freundes am Holzmarkt. Es ist der Einzige, den er eingeweiht hat. Als die beiden sehen, wie viele Leute gekommen sind, gehen sie hinunter. „Da hatte ich plötzlich Bedenken. Die ganzen Schlipsträger mit den Kameras – und die vielen Leute.“

Während seiner Armeezeit hatte Günther Sattler erlebt, wie die Polizei darauf trainiert worden war, solche Demonstrationen gewaltsam aufzulösen. Doch nichts dergleichen passiert. Es gibt keine Transparente, keine Reden. Aber die Leute gehen über den Holzmarkt und reden miteinander. Sie verabreden sich sogar für eine weitere Demonstration am 7. Oktober an der gleichen Stelle. Der 7. Oktober war der „Republikgeburtstag“.

Günther Sattler gibt sich als Urheber der Aktion an diesem 30. September nicht zu erkennen. Aber es ist der Anfang der Wende in Arnstadt. „Auch wenn ich gewollt hätte, ich hätte nichts mehr tun können. Das war dann ein Selbstläufer“.

Eine Woche später, am 7. Oktober, gibt es wirklich eine weitere Demonstration, die von der Polizei mit brachialer Gewalt aufgelöst wird. Günther ist, erneut unerkannt, wieder dabei. Wird sogar verhaftet und verhört. Die Polizei kommt ihm nicht auf die Schliche. Aber er muss mit ansehen, wie friedliche Demonstranten zusammengeknüppelt werden. Und er hat das Gefühl, daran schuld zu sein. Ein Gefühl, mit dem er auch heute noch nicht fertig wird.

Die Stasi bekommt, so lange sie existiert, nie heraus, wer das Flugblatt geschrieben hat. Ihr Ende kommt schneller, als Günther Sattler je gedacht hätte. Anfangs nimmt er noch Teil an der Aufarbeitung des DDR-Unrechts, auch in Zusammenhang mit der Demonstration am 7. Oktober. Die Initiative jedoch überlässt er anderen.

Er macht sich nach der Wende selbstständig, aber der Versuch geht schief. Heute ist er ehrenamtlich für die Arnstädter Tafel tätig – und kümmert sich um seinen Birkenhof in Plaue. Klagen will er nicht. „Ich hätte die Chance gehabt, mich mehr politisch einzubringen und Karriere zu machen“, sagt er und frozzelt: „Aber vielleicht hätte ich doch nach der Wende auf eine einsame Insel auswandern sollen“. Es ist wohl wieder der geliebte schwarze Humor. So, wie auch sein Kommentar zur damaligen Flugblatt-Aktion: „Vielleicht ist es eine der wenigen Sachen in meinem Leben, die ich richtig gemacht habe.“

2 Gedanken zu „Was für ein Leben“

  1. Ein interessanter, aufschlussreicher Beitrag. Leider fehlt mir nur der Text des Gedichtes.

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