Der Spruch auf dem Betttuch

Heute vor 20 Jahren gingen die Arnstädter zum zweiten Mal auf die Straße, um für Veränderungen zu demonstrieren – diesmal nicht so leise wie eine Woche zuvor und mit einem gewaltsamen Ende. Eine, die damals dabei war und dafür sogar ins Gefängnis ging, ist Beate Nagel. Erst jetzt, nach 20 Jahren, wurde sie für ihren Mut geehrt. Vor genau einer Woche erhielt sie als Heldin des Alltags in Berlin eine Goldene Henne.

Die Goldene Henne steht bei Nagels noch auf dem Wohnzimmertisch. Und die Bäckersfrau Beate kann es immer noch nicht richtig fassen, dass sie diese Auszeichnung bekommen hat. Ringsum saßen all die Promis. Und bei den meisten war schon vorher klar, dass sie die ‚Henne‘ bekommen würden. Nur ich hatte keinen Schimmer.

Der Abend im Berliner Friedrichstadtpalast ist genau eine Woche her. „Als ich aufgerufen wurde, bekam ich weiche Knie“, sagt die Bäckersfrau, die sonst wirklich nur schwer aus der Fassung zu bringen ist, „und ich weiß nicht einmal mehr richtig, was ich eigentlich auf der Bühne gesagt habe“.

Beate Nagel hat ihre Goldene Henne bekommen, weil sie eine Heldin des Alltags ist. 20 Jahre hat es gedauert, bis eine solche Anerkennung kam. Nicht, dass Frau Nagel darauf gewartet hätte, dazu fühlt sie sich selbst viel zu wenig als Heldin. Aber verdient hätte sie es schon früher.

Damals, am 7. Oktober 1989, ist sie zur Demonstration auf den Holzmarkt gegangen. Wie schon eine Woche zuvor, als Günther Sattlers Flugblatt etwa 150 bis 200 Menschen dort zusammengebracht hatte. Aber es sollte nicht so still bleiben wie am 30. September. Und deshalb hatte Beate Nagel auf ein Betttuch von ihrer Schwiegermutter einen Spruch gemalt: Wir wollen Reformen. Und dieses Betttuch wurde nicht nur auf dem Holzmarkt an einen Laden gehängt, sondern später, als sich die Demonstranten ohne vorherige Absprache in Bewegung setzten, als Transparent mitgenommen.

Beate Nagel ist für dieses Transparent ins Gefängnis gegangen. Für einen Spruch, der sich völlig deckte mit der Politik des damaligen sowjetischen Partei- und Staatschefs Michael Gorbatschow, dessen Kosename auch von den Demonstranten immer wieder gerufen wurde: Gorbi, Gorbi!. Es ist eine der unglaublichen Geschichten dieser stürmischen Tage, dass man plötzlich zum Staatsfeind werden konnte, wenn man in der DDR von der Sowjetunion lernen wollte. So wie es Honecker und seine Genossen immer verlangt hatten. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum es schließlich so schnell ging mit dem Ende dieses Staates.

Die Demonstration am 7. Oktober 1989 in Arnstadt, dem 40. Jahrestag der DDR, hatte keine Organisatoren, ebenso wie die erste eine Woche zuvor. Damals war es Günther Sattlers Flugblatt gewesen, das den Termin bestimmte. Und man hatte sich verabredet, eine Woche später wiederzukommen. Und noch jemanden mitzubringen.

Dass sich aus der Stand-Kundgebung plötzlich ein Marsch durch die Innenstadt entwickelte, war spontan. Man zog die Erfurter Straße entlang und plötzlich kamen Stimmen auf, der Marsch könne doch ein Ziel haben: Die Kauffbergstraße. Dort war die Kreisdienststelle der Stasi.

Doch so weit kamen die Demonstranten nicht. Hinter der Straßburg-Kreuzung, ungefähr am Merkur-Kino, war Schluss. Die Staatsmacht schlug zu, anders als eine Woche zuvor. Mit einem großen Aufgebot an Polizei, martialisch ausgerüstet mit Helmen, Schilden, Hunden und Schlagstöcken, wurden die Demonstranten nicht nur zurückgedrängt, sondern regelrecht verfolgt und zum Teil verprügelt. Den ganzen Nachmittag zogen Polizisten durch die Stadt und verhafteten alle, die ihnen verdächtig erschienen. Eine der ersten, die das erleben mussten, war Beate Nagel. Zwar war das Betttuch mit dem Spruch längst in andere Hände übergegangen und schließlich verschwunden. Aber die Stasi hatte sie als Urheberin offenbar ausgemacht – und suchte außerdem noch immer nach dem Verfasser der Flugblätter vom 30.September. Beate Nagel war hochgradig verdächtig.

Am 7. Oktober wurde die Bäckersfrau nach dem Verhör wieder nach Hause geschickt. Aber am nächsten Tag holte man sie mittags wieder ab, mit Haftbefehl. Die Wohnung wird durchsucht und ihre Schreibmaschine mitgenommen. Es folgten schlimme fünf Tage im Stasi-Knast in Erfurt.

Darüber zu reden, fällt ihr noch heute schwer. Demütigung war Prinzip. Sie musste sich nackt ausziehen, nachts wurde alle zwei Stunden das Licht angemacht und die Zelle kontrolliert. Auf Befehl musste sie mit dem Gesicht zur Wand verharren und durfte sich nicht umdrehen. Und die Verhörmethoden waren so, dass man wohl alles erzählt hätte nach einer gewissen Zeit. Sieben Jahre Knast hatte man ihr vorausgesagt. Als Rädelsführerin.

Doch dann plötzlich, am fünften Tag, darf sie wieder nach Hause. Man hatte ihr nichts nachweisen können. Aber es hatte wohl auch damit zu tun, dass es langsam zu Ende ging mit dem System.

In die Politik ist sie nicht gegangen zur und nach der Wende. Sie könne ihren Mund doch nicht halten, sagt sie zur Begründung. Eine Entschädigung für den Gefängnisaufenthalt hat sie nicht bekommen, fünf Tage seien nicht genug, hieß es. Und den Mann, der damals die Flugblätter tatsächlich verfasst hat, deren Autorenschaft sie verdächtigt worden war, hat sie erst viele Jahre später kennengelernt. Bei einer Filmpräsentation des mdr in Erfurt traf sie erstmals Günther Sattler.

Irgendwie sind sich beide ähnlich. Sie haben, ohne es zu wollen, Geschichte gemacht. Und beide sehen sich deshalb nicht als Helden.

Aber die Goldene Henne hat Beate Nagel natürlich angenommen. Und alle haben gesagt, dass sie sie verdient hat.

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