Gagarins Lächeln

Vor 50 Jahren flog ein Mensch ins All, der für mich mehr war als der erste Kosmonaut. Es war ein Mann, der unvergleichlich lächeln konnte. Ein Lächeln, das entwaffnend war und weise zugleich.  Dieses Lächeln war nur für mich bestimmt. Denn mit Gagarin hatten die Guten gewonnen.  Und ich war auf ihrer Seite.

Ein eigenes Fahrrad hatte ich noch nicht. Ein Fernseher war auch noch nicht im Haus, denn wir waren – in meiner Erinnerung – so ziemlich die letzen, die einen kauften. Es gab einfach noch so viel anderes anzuschaffen vorher. Und reich waren wir nun mal nicht.

Doch, ich war reich. Ich hatte einen Vater, der mir im Frühling aus Ästen Flöten schnitzen konnte und eine Mutter, auf deren Schoß immer für mich Platz war. Mein Klassenlehrer Klaus Kästner brachte mir bei, wie die Urmenschen Pfeile und Bögen bauten und zeigte mir die Muschel-Abdrücke oben auf der Alteburg. Da, wo ganz früher mal ein Meer war. Es verändert sich alles und immerzu auf der Welt, hat er gesagt und dazu gelächelt.

Es veränderte sich viel damals in meiner kleinen Welt, die doch eine große war.  Sie reichte bis nach Afrika und sogar Amerika.  Fidel Castro und Che Guevara hatten schon gewonnen, das konnte auch die Sache in der Schweinebucht nicht zurückdrehen, die nicht lange  nach Gagarins Flug gestartet wurde. Und auch nicht der Mord an Lumumba,  dem klugen Präsidenten des Kongo, da war ich mir sicher. Die Lumumbas und Ches würden sie verdrängen, die Francos und Salazars dieser Welt.

Ulbricht mochte ich nicht besonders, schon als Kind.  Aber die Alternativen hießen damals Adenauer, Lübke oder Globke. Dann schon lieber einen etwas peinlichen Typen im Stimmbruch. Und der war nirgendwo einmarschiert, um eine Revolution zu verhindern. Er machte sogar selber eine, mit uns, das war versprochen.  Auch wenn wir dabei nicht reich wurden.

Das Gute war auf dem Vormarsch, überall. Und nun flog dieses Lächeln durchs Weltall und machte allen klar, dass wir schon so gut wie gewonnen hatten. Es war alles nur noch eine Frage der Zeit.

Ich hatte im Leben nie wieder so viel Zukunft wie damals in Gagarins Frühling. Bevor im Sommer die Mauer gebaut wurde.

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