Wenn der Konsul kommt

Manchmal wird ein Journalist zu Terminen eingeladen, über die es eigentlich nichts zu berichten gibt. Höchstens, dass Leute ihre Arbeit machen, für die sie bezahlt werden. Das ist besonders langweilig für Leser, die jeden Tag ihre Arbeit machen, ohne dass über sie berichtet wird. Manchmal schreibe ich deshalb gar nicht über solche Null-Nummern. Aber manchmal doch. Weil es einfach zu skurril ist, um es wegzulassen.

Im Saal des evangelischen Gemeindehauses in Arnstadt wurde kürzlich nur russisch gesprochen. Mit kleinen Ausnahmen, Landrat Benno Kaufhold und der Arnstädter ehrenamtliche Beigeordnete Horst Höhne (beide CDU) durften ein paar Worte auf Deutsch sagen. Das wurde dann übersetzt. Man hätte es aber auch nicht zu übersetzen brauchen, denn zu sagen hatten sie wenig. Sie wussten eigentlich auch nicht, warum sie da waren. Es hatte Anrufe ganz kurzfristig im Rathaus gegeben, sagt Horst Höhne, und dabei waren mehrfach die Worte „wichtig“ und „Konsul“ gefallen.  Und nun sei er auch gespannt, was passieren würde.

Die über 100 russisch sprechenden Menschen wussten offenbar, warum sie gekommen waren.  Aus einem rein formalen Grund, versicherte einer von ihnen. Vertreter des russischen Generalkonsulats aus Leipzig wollten kommen, um  in Arnstadt eine Art Pass- und Visa-Sprechstunde abzuhalten. Das gibt es regelmäßig, damit die Betroffenen nicht extra nach Leipzig fahren müssen. Man konnte also in Arnstadt Anträge stellen, Formulare abgeben und ein junger, aber sehr wichtig dreinblickender Mensch verglich die Fotos in den Dokumenten mit der Wirklichkeit, eher er die Lizenz zum Stempeln erteilte. Er blickte wohl auch deshalb diesmal besonders wichtig, weil auch Wahlunterlagen ausgeteilt wurden: Der Herr Putin will sich ja jetzt wieder wählen lassen. Man weiß zwar als Außenstehender nicht immer so genau, ob nun als Regierungschef oder Staatspräsident, aber das macht Putin mit seinem Double Medwedjew wahrscheinlich auch erst hinterher aus.

Der junge Mann, der da mit Gefolge etwas verspätet aus Leipzig gekommen war, heißt Dmitri Jeshow und wurde mal als Konsul, mal als Attaché vorgestellt, auf seiner Visitenkarte steht „Referent“. Es soll, sagen Kenner der diplomatischen Szene, alles zutreffend sein. Natürlich klingt „Konsul“ am besten.  Ein Attaché hätte wohl auch nicht so ängstlich geguckt, als Landrat Kaufhold aus seinem obligatorischen Ilmkreis-Beutel eine Flasche Wodka herausholte und überreichen wollte.  Und für einen Referenten hat der Herr Jeshow mit dem glänzenden Anzug  auch einfach zu wenig referiert.

Um es genauer zu sagen:  Gesagt hat Herr Jeshow offiziell eigentlich gar nichts. Immerhin erfuhr man, wenn auch nicht von ihm, dass es viele russische Menschen in der Region gibt, die keine Aussiedler sind und deshalb einen russischen Pass haben. In Arnstadt sollen es 80, im Ilmkreis 500 sein. Zum Teil werden sie wohl als „Kontingentflüchtlinge“ geführt, aber man traf gestern auch Menschen, die hier normal arbeiten, aber ihre russische Staatsbürgerschaft nicht ablegen wollen.

Erfahren hat man das von Leander Lutz vom Verein „Freunde der Stadt St. Petersburg“. Dem war es im Vorfeld offenbar auch gelungen, mit der etwas irreführenden Nachricht „Konsul besucht Arnstadt“ die Kommunalpolitiker von der weltpolitischen Bedeutung der Pass-Sprechstunde zu überzeugen. Landrat Kaufhold stand zwar etwas verloren herum, es gelang ihm aber später, mit auf einige Fotos zu kommen.

Und so wurde es für den Landrat  doch noch ein sinnvoller Termin. Wenigstens ein bisschen.

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