Ende einer Ära

Heidrun Wagner
Heidrun Wagner am letzten Tag hinter ihrem Tresen.

Nach 45 Jahren ist ein Stück Arnstädter Seele verschwunden: Heidrun Wagner hat aufgehört. Sie lässt uns mit der Erinnerung an einen „Südbahnhof“ zurück, der eigentlich längst aus der Zeit gefallen schien. Oder doch nicht?

Das Jägerschnitzel war legendär. Am letzten Tag der Ära Wagner in der Bahnhofsgaststätte Arnstadt-Süd servierte es die Chefin sogar gratis, als Dank an alle, die ihr über so viele Jahre die Treue hielten.

Zum Glück waren nicht alle gekommen, denn da hätte wohl die Stadthalle nicht gereicht. Gewöhnlich war schon am Morgen gegen 8 Uhr der Parklatz vor dem Bahnhof voll, gefühlt frühstückten alle Handwerker des Ilmkreises in dieser Gaststätte. Dass manche gleich bis Mittag sitzen blieben, ist natürlich eine böse Unterstellung.

1-IMG_4435Wahr ist hingegen, dass sich zum Mittagessen die Struktur des Publikums veränderte. Da kamen auch Mitarbeiter von Landratsamt und Amtsgericht – und trafen nicht selten ihre Kundschaft vom Vormittag wieder. Viele, die früher ganz wichtige Menschen in dieser Stadt waren und sich nun des Ruhestands erfreuen, zählten zu den Stammkunden – vom Beigeordneten bis zum Kirchenmusikdirektor. Nur raushängen ließ seinen Status keiner: Bei Heidrun Wagner waren alle gleich. Nur wer öfter kam, wurde persönlich begrüßt.

Nachmittags ließ das Geschäft langsam nach, denn der „Südbahnhof“ war keine Kneipe. Wenn in anderen Etablissements der Bierhahn geöffnet wurde, machte Heidrun Wagner zu. Und keinen störte es. Ursprünglich, als es sich tatächlich noch um eine Bahnhofsgaststätte handelte, war das dem Fahrplan geschuldet. Heute entspricht es einfach dem Lebensrhythmus des gemeinen Arnstädters. Der steht früh auf und abends kaum noch aus dem Haus. Das ist halt so in Arnstadt, man will es nur manchmal nicht so richtig wahrhaben.

Es gab überhaupt viele typisch Arnschter Eigenschaften, die der „Südbahnhof“ in sich vereinigte. Da wehte immer noch ein Stück alte DDR durch die Räume. Aber nur der Teil der DDR, der so schön kuschelig war. Und im „Südbahnhof“ wurde viel geknetscht, wenn der Tag lang war. Nicht unbedingt zielführend und auch nicht immer politisch korrekt, man erwartete auch nicht zwingend, dass der Gesprächspartner auf die eigene Meinung eingeht. Aber man konnte sich mal alles von der Seele reden.

Der Arnstädter Stadtrat müht sich seit Jahren, dieses Modell zu kopieren. Mit dem ewigen Geknetsche klappt es schon ganz gut, aber zwei Komponenten fehlen zum Erfolg: Das Speisen- und Getränkeangebot aus dem Südbahnhof und eine Respektsperson wie Heidrun Wagner. Ich habe sie nie laut werden hören – aber ich kenne auch keinen, der es darauf angelegt hätte.

Nun hat sie aufgehört. Verdient natürlich, nach 45 Jahren. Aber es muss erlaubt sein, das schade zu finden. Egal, wie es mit dem Südbahnhof weiter geht, es ist eine harte Zäsur. Nicht nur des Jägerschnitzels wegen.

Ein Gedanke zu „Ende einer Ära“

  1. Schön geschrieben. Schade, dass es nötig war. Aber Dinge ändern sich. Heidrun Wagner die besten Grüße, und dem Südbahnhof eine gedeihliche Zukunft. Mit Jägerschnitzel. Muss doch noch was Vertrautes vorfinden, wenn ich mal wieder heim komme.

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