Und ewig grüßt das Jonastal


Als kürzlich ein paar Heimatforscher mit der Nachricht aufwarteten, in einem Hohlraum unter dem Jonastal könnten noch ein paar deutsche Atombomben aus dem zweiten Weltkrieg herumliegen, gab es zwar ein paar bemühte Dementis, aber so richtig regte sich keiner auf. Man hat sich schon gewöhnt an solche Meldungen aus der Region zwischen Ohrdruf, Crawinkel und Arnstadt, für die sich der Begriff „Jonastal“ eingebürgert hat. Denn die Stollen, die in den letzten Kriegsmonaten in die Muschelkalkhänge des Jonastals getrieben wurden, kann man heute noch sehen, während vieles andere verschwunden oder verborgen ist.


Geschichten darüber, was sich zum Ende des Zweiten Weltkrieges hier zugetragen haben könnte, füllen zahlreiche Bücher. Die guten erkennt man am eher leisen und zurückhaltenden Ton, die schlechten sind laut und selbstbewusst und enden oft mit dem Versprechen, die endgültigen Beweise für die verkündete Sensation würden im nächsten Buch präsentiert. Gekauft werden sie trotzdem. Viele Behauptungen beziehen sich auf Aussagen von Zeugen, die dummerweise vor der Veröffentlichung verstorben sind. Andere Mutmaßungen fußen auf Messungen, die sich kaum überprüfen lassen, weil die genauen Daten nicht preisgegeben werden. Und manches ist schlicht gefälscht.

Das Jonastal regt die Fantasie an und übt eine magische Anziehungskraft auf alle aus, die Geheimnisse lieben. Denn das Gelände wurde von offiziellen Stellen nie systematisch untersucht. Die alten Akten darüber sind zum Teil schwer oder auch gar nicht zugänglich. Und das, was man mittlerweile über die Aktivitäten der Nazis in der Region um den Truppenübungsplatz Ohrdruf weiß, ist spannend genug, um weiteren Spekulationen einen fruchtbaren Boden zu bieten: Da muss doch einfach noch mehr sein.

Dass es überhaupt gesicherte Erkenntnisse über die Vorgänge in der Region gibt, ist hauptsächlich engagierten und seriösen Heimatforschern zu verdanken. Als Diskussionsplattform dient dabei die 2001 gegründete „Geschichts- und Technologiegesellschaft Großraum Jonastal“, die mit dem Aufbau eines Dokumentationszentrums, regelmäßigen Veranstaltungen und Veröffentlichungen nicht nur wichtige Forschungsergebnisse zugänglich gemacht hat, sondern auch entscheidend zur Versachlichung der Debatten beitragen konnte. Gerade das Dokumentationszentrum, dass sich heute im alten Arnstädter Bahnbetriebswerk (am Lokschuppen) befindet, bietet eine guten und anschaulichen Überblick über das gesicherte Wissen. Und das ist eine ganze Menge.

Hier ein kleiner Überblick über die gesicherten Fakten:

Der Truppenübungsplatz
Die „Ohrdrufer Platte“, eine Hochebene zwischen Crawinkel im Süden, Arnstadt im Norden, Ohrdruf im Westen und dem Jonastal im Osten, ist der geografische Mittelpunkt aller Geschichten, die es um das Jonastal gibt. Seit 1906 befindet sich dort ein Truppenübungsplatz (TÜP), das Gelände war seitdem für die Öffentlichkeit nie zugänglich. Zudem waren wichtige Bauvorhaben der Nazis rings um den TÜP angeordnet: Zwei große Nachrichtenämter, die Stollen im Jonastal, die Munitionsanstalt Crawinkel. Das lässt Raum für Spekulationen, ob diese Bauwerke vielleicht unterirdisch verbunden waren und sich unter dem TÜP etwas ganz Großes, aber bisher Unbekanntes befand. Gefunden oder nachgewiesen wurde aber bisher nichts.

Die Nachrichtenämter
Schautafel im Dokuzentrum
Die größte (und fertiggestellte) Telefonvermittlungszentrale war das Amt 10, eine zweistöckige unterirdische Anlage auf der Ohrdrufer Seite des Truppenübungsplatzes. Sie wurde nach dem Krieg zugesprengt.
Amt 800“ am Eulenberg zwischen Arnstadt und Bittstädt sollte ebenfalls eine zweistöckige unterirdische Vermittlungszentrale werden, der Bau wurden aber nach einem Wassereinbruch eingestellt. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass die abgesoffene Baustelle nur Tarnung für weitere unterirdische Arbeiten gewesen sein könnten – Beweise dafür gibt es bisher nicht.
Mitten in Arnstadt befand sich ebenfalls ein geheimes Nachrichtenamt: Das „Amt 8“ im Keller des Schlossmuseums. Es sollte für den Fall, dass zentrale Reichsbehörden aus Berlin nach Arnstadt evakuiert würden, den Informationsfluss sicherstellen. Und tatsächlich wurde zum Ende des Krieges der Versuch unternommen, ein Reichsministerium nach Arnstadt in die benachbarte Fürst-Günther-Schule zu evakuieren. Allerdings versackten die Pläne in den Wirren des Kriegsendes, es kamen aus Berlin nur ein paar Sekretärinnen und ein paar Akten. Dann kamen schon die Amerikaner.

Die „Muna“ Crawinkel
Bei Crawinkel wurde bereits ab 1934/35 eine Anlage für Luftmunition und Bomben eingerichtet. Etwa 100 unterirdische Bunker mit eigenem Gleisanschluss entstanden in unmittelbarer Nähe des Truppenübungsplatzes. Doch Ende 1944, als die SS den gesamten Truppenübungsplatz übernahm, wurde die „Muna“ zum Konzentrationslager. Tausende Häftlinge wurden in den ehemaligen Bombensilos unter menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht und mussten an den Bauprojekten der Umgebung und im Jonastal arbeiten.

Die Konzentrationslager
Schautafel im Dokuzentrum
Insgesamt gab es ab 1944 drei Konzentrationslager um den Truppenübungsplatz: In Ohrdruf, Crawinkel und Espenfeld. Nach den Unterlagen der Gedenkstätte Buchenwald wurden bis zum Kriegsende insgesamt 20217 Häftlinge in diese Lager gebracht. Sie mussten unter unmenschlichen Bedingungen an den zahlreichen Bauvorhaben der Nazis in der Region arbeiten. Obwohl es in den vergangenen Jahren intensive Forschungen dazu gab, liegen genaue Zahlen über die Todesopfer nicht vor. Aber es waren Tausende, die für die wahnwitzigen Projekte der Nazis ihr Leben lassen mussten.

Der Atomkeller von Stadtilm
Für einige Monate experimentierte ab Sommer 1944 eine Gruppe um den Physiker Kurt Diebner im Keller der Mittelschule Stadtilm mit Uranwürfeln und schwerem Wasser. Die Diebner-Gruppe in Stadtilm im Auftrag des Heereswaffenamtes konkurrierte dabei mit Forschern um Werner Heisenberg vom „Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik“ in Gottow bei Berlin um die knappen Ressourcen. Verbürgt ist eine Auseinandersetzung im Februar 1945 zwischen Heisenberg und Diebner im Stadtilmer Atomkeller, in deren Ergebnis die vorhandenen Materialien auf beide Gruppen aufgeteilt wurden. Das führte dazu, dass keine der beiden Gruppen zu einem Ergebnis kam. Diebners Gruppe soll auch Sprengversuche bei Röhrensee und Ohrdruf mit hochexplosivem Sondersprengstoff durchgeführt haben.

Die Stollen im Jonastal
Modell ,der Stollen im Dokuzentrum
Im November 1944 wurde damit begonnen, mit großem Aufwand etwa 25 Stollen vom Jonastal aus in die Muschelkalkfelsen zu treiben. Es gibt bisher keinen Beweis, dass diese Anlage ein Ausweich-Führerhauptquartier oder eine andere wichtige Kommandostelle der Nazis werden sollte, aber viele Indizien und Zeugenaussagen sprechen dafür. Wegen der Lage und der Zugänge der Stollen ist eine geplante Nutzung als Produktionsanlage für Raketen oder andere „Wunderwaffen“ ziemlich sicher auszuschließen.

Der Salonwagen von Compiègne
Der geschichtsträchtige Eisenbahnwaggon, im dem 1918 Deutschland und 1940 Frankreich ihre jeweilige Niederlage durch Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens dokumentieren mussten, wurde von den Nazis 1945 nach Thüringen gebracht und stand bei seiner Zerstörung zum Kriegsende bei Crawinkel. Das deutet auf eine herausragende Bedeutung der Region für die NS-Führung hin.

Das „Wunderflugzeug“ Horten Go 229
Schautafel im Dokuzentrum
Die Gothaer Waggonfabrik war der geplante Produktionsstandort eines weitgehend für Radaranlagen unsichtbaren Nurflüglers, dessen Erstflug im Februar 1945 bei Gotha stattfand. Zur Serienproduktion kam es nicht mehr.

Die Rüstungsbetriebe
Im Verlauf des Krieges wurden fast alle Betriebe in Deutschland für die Produktion kriegswichtiger Güter umgerüstet. Um die Jonastal-Region gab es aber zahlreiche Firmen, die bei der Rüstungsproduktion eine ganz besondere Rolle spielten. Darunter waren neben der Waggonfabrik Gotha auch die Mitteldeutschen Werke und die Firmen Polte Metawerk und Siemens im Raum Arnstadt. Dort wurden unter anderem Flugzeug- und Raketenteile hergestellt.

Die Zusammenstellung ist unvollständig, aber reicht schon, um sich auszumalen, was die Nazis noch alles in der Gegend geplant haben könnten – oder vielleicht heimlich schon realisiert haben. Hinzu kommt: Nach Kriegsende waren erst die Amerikaner hier und dann die Russen. Was haben sie damals vorgefunden? Was haben sie mitgenommen? Und warum sind die meisten Akten darüber nicht auffindbar?

Man muss nicht Anhänger der Verschwörungstheorie sein, dass alle Beteiligten bis heute unter einer Decke stecken, um solche Fragen legitim zu finden. Und sich zu wundern, dass außer der Gedenkstätte Buchenwald offenbar keine deutsche Behörde oder Forschungseinrichtung den Versuch unternommen hat, die offenen Fragen aufzuklären. Das ist auch einer der Gründe, warum sich das Gerücht von den „gesperrten Akten“ der Amerikaner bis heute gehalten hat: Es hat noch niemand richtig gesucht. Tatsächlich sind zumindest in den USA offenbar keine Akten mehr gesperrt, aber es gibt auch keine zentrale Stelle, wo man alles über das Jonastal erfahren könnte. Es bedürfte eines hohen Aufwands, alle möglichen Archive nach Informationen zu durchforsten. Aber dazu gab es bisher kein groß angelegtes wissenschaftliches Forschungsprojekt – warum auch immer.

Das historisch hochinteressante Feld wird nach wie vor fast ausschließlich Hobbyforschern überlassen. Mit dem zweifelhaften Ergebnis, dass in der öffentlichen Wahrnehmung die Graswurzelarbeit der vielen seriösen und um Wahrheitsfindung bemühten Jonastal-Enthusiasten kaum eine Rolle spielt. Dagegen findet eine gemeinsame Suche bei Google von „Jonastal“ und „Atombombe“ über 5000 Einträge, obwohl es für eine Beziehung zwischen beiden Begriffen keine belastbaren Beweise gibt.

Die These, die Nazis hätten entgegen der offiziellen Geschichtsschreibung doch über funktionsfähige Atombomben verfügt, geistert seit langem nicht nur durch die Jonastal-Literatur. Denn die Grundlagen der Technologie wurden tatsächlich in Deutschland entdeckt und Versuche, sie für Kriegszwecke nutzbar zu machen, sind nachgewiesen. Wie weit die Nazis dabei kamen, ist strittig. Man kann jedoch sicher sagen: Zum Glück kamen sie nicht weit genug, um die Bombe einsetzen zu können – obwohl sie für diese Projekte Tausende von Menschenleben opferten. Denn die entsprechenden Anlagen in ganz Deutschland wurden von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern errichtet. Und die Bedingungen waren überall genau so unmenschlich wie im Jonastal.

Dieser Aspekt wird bei der Suche nach „Hitlers Bombe“ leider oft ausgeblendet. Auch die Tatsache, dass die Entwicklung der Nukleartechnik auf große Physiker wie Albert Einstein oder Lise Meitner zurückgeht, die so gar nicht den Rassenidealen der Nationalsozialisten entsprachen und wahrscheinlich im KZ gelandet wären, hätten sie Deutschland nicht rechtzeitig verlassen.

Es wird wohl weiter nach der deutschen Atombombe gesucht werden, auch im Jonastal. Die jüngste Geschichte von den Bomben, die noch irgendwo im Tal im Boden lagern, wird jetzt durch weitere amtliche Messungen überprüft. Es ist gut, dass auch solche Geschichten von den Behörden endlich ernst genommen werden, auch wenn sie zunächst verrückt erscheinen. Man sollte nicht über jedes Stöckchen von Verschwörungstheoretikern springen, aber ihnen auch nicht die Deutungshoheit über die Geschichte überlassen.

Deshalb machen die Heimatforscher um den „Jonastalverein“ in aller Stille weiter, bereiten die nächsten Publikationen vor und pflegen den Geschichts- und Naturlehrpfad im Tal. Es lohnt sich, die Ergebnisse ihrer Forschungen im Dokumentationszentrum in Arnstadt wieder einmal anzuschauen. Denn das, was der Region bereits an Geheimnissen abgerungen wurde, ist spannend genug.

Das Dokumentationszentrum im Rehestädter Weg 4 (Lokschuppen) in Arnstadt ist Mittwoch bis Freitag von 10 bis 15 Uhr und samstags/sonntags von 10 bis 16 Uhr geöffnet.

4 Gedanken zu „Und ewig grüßt das Jonastal“

  1. Warum, soll es keine belastbaren Beweise geben, für eine Atomwaffenforschung? Dazu im Raum Arnstadt!?
    Dieses Thema sollte man ernster nehmen. Denn in der Nähe von Paris gab es eine Zyklotronanlage, 1940. Dies, ist Fakt. DIese Anlage wurde auch von den Deutschen besichtigt und womöglich im Deutschem Reich vergrößert neu aufgebaut.
    Um Atombomben und Atomwaffen herzustellen gibt es 2 Wege. Man darf nur nicht den Fehler machen, das man die Atombomben die über Japan abgeworfen worden sind, mit denen vom Dritten Reich vergleichen.
    Das Deutsche Reich war in einigen Bereichen führend. Es gab einmal die Gruppe von Weizsäcker und Heisenberg und es gab die Gruppe DIebner die in Stadtilm, 1945 gewesen war.
    Warum, wurde auf dem Plateu bei Gossel gebohrt? Wenn nichts weiter an Untergrundbauten vorhanden sein soll?
    In der Archäologie, gibt es Techniken um ehem. Siedlungen zu entdecken, per Lufbildaufnahmen.
    Vielleicht, könnte man mit dieser Technologie, die an einer Drohne befestigt ist, auch Bunkeranlagen sichtbar machen, die bislang unbekannt sind…….

  2. Bis jetzt wurden keine belastbaren Beweise gefunden. Und ich sags nochmal: Es wird Zeit, dass sich die Wissenschaft und Forschung da mal richtig reinhängt. Solange das nicht passiert, müssen wir mit immer neuen Vermutungen leben.

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