Kein Bock aus Arnscht

Woher kommt eigentlich „Bock Arnscht“?  Es gibt viele Erklärungsversuche. Die geläufigste Geschichte allerdings dürfte falsch sein: Die vom Abgeordneten oder Bürgermeister Bock aus Arnstadt, der sich am Telefon mit „Bock, Arnscht“ meldete.

Wenn der Ruf, gefolgt von einem donnernden Helau,  zwischen dem 11. 11. und Aschermittwoch von Bühnen und Festwagen herabschallt, klingt er stolz und selbstbewusst.  Aber es gibt „Bock Arnscht“ auch als spitze Bemerkung eines Auswärtigen: Was,  Du bist aus Bockarnscht? Den abfälligen Ton überhört der Arnstädter geflissentlich. Auf sein Bockarnscht lässt er nichts kommen.

Auch ich wurde im Ferienlager von einem aus Ilmenau als „Bockarnschter“ gehänselt und ertrug es mannhaft. Als ich meinen Vater fragte, was das bedeute, erzählte er mir die Geschichte von einem berühmten Arnstädter Abgeordneten, der Bock hieß. Im Parlament gab es noch andere Abgeordnete gleichen Namens, deshalb meldete er sich am Telefon immer mit „Bock, Arnscht!“, um Verwechslungen auszuschließen. Weil er so berühmt war, riefen viele Leute bei ihm an. Und so wurde „Bock Arnscht“ zu einem geflügelten Wort und sogar zum Karnevalsruf.

Die Geschichte gibt es in verschiedenen Varianten. Mal mit einem Landtags,- mal mit einem Reichstagsabgeordneten, gelegentlich auch mit einem Arnstädter Bürgermeister. Nicht nur mein Vater hat sie erzählt, man hört sie auch heute von vielen Arnstädtern. Sie klingt gut, denn sie nimmt „Bock Arnscht“ alles Abfällige und gibt den Eingeborenen das Gefühl, ein Teil der großen, weiten Welt zu sein. Aber wahr ist die Geschichte wohl nicht.

Ein Arnstädter Bürgermeister kann es unmöglich gewesen sein, der sich mit „Bock, Arnscht“ gemeldet hat. Wie man in einem sehr empfehlenswerten Buch von Andrea Kirchschlager nachlesen kann, gab es nie einen Arnstädter Bürgermeister Bock. Auch unter den ebenfalls im Buch aufgeführten Stadtratsmitgliedern ist keiner, der Bock heißt. War es also ein Thüringer Landtagsabgeordneter?

Ebenfalls Fehlanzeige. Im Thüringer Landtag saß seit seiner Konstituierung 1919 in Weimar bis zur Auflösung 1933 kein Mensch namens Bock, ebenso in den beiden Wahlperioden von 1946 bis 1952. Um die Zeit nach der Wende brauchen wir uns nicht zu kümmern, da schallte „Bock Arnscht“ längst aus jeder Bütt.

Bleibt noch der Reichstag. Und da wird’s endlich spannend: Es gab tatsächlich mehrere Reichstagsabgeordnete, die Bock hießen und zur gleichen Zeit im Parlament saßen. Und einer von ihnen hatte sogar etwas mit Arnstadt zu tun. Wilhelm Bock hieß der gute Mann, der von 1860 bis 1864 in Arnstadt das Schuhmacherhandwerk erlernte und ab 1884 mit Unterbrechungen bis 1918 für die Sozialdemokraten im Reichstag saß. Mit ihm zogen 1884 die beiden Gutsbesitzer Adam Bock aus Eupen und Carl Bock aus Minden in den Reichstag ein. Man kann sich fast bildlich vorstellen, wie oft der gute Wilhelm in dieser Zeit „Bock, Arnscht“ ins Telefon sagen musste, weil er ständig verwechselt wurde.

Doch die Sache hat mehrere Haken. Zum einen wurden die ersten Telefone damals gerade erst eingerichtet (in Arnstadt gab es die erste Fernsprechzentrale 1893, wie man in der Stadtchronik auf Seite auf Seite 389 nachlesen kann), zum anderen war die Beziehung von Wilhelm Bock zu Arnstadt nicht besonders innig.

Wilhelm Bock um 1900.

Geboren wurde der bekannte Sozialdemokrat 1846 in Großbreitenbach, er war also gerade mal 14 Jahre alt, als er nach Arnstadt kam. In seiner Autobiografie widmet Bock dieser Zeit nur einen kurzen Abschnitt: „Endlich fanden wir in Arnstadt einen Schuhmachermeister, bei dem ich in vier Jahren, von 1860 bis 1864, das Schuhmacherhandwerk erlernte. Vier Jahre sollte ich ausharren, während von anderen Lehrlingen nur eine dreijährige Lehrzeit verlangt wurde.“
Er erwähnt noch, dass sein Lehrmeister und ein benachbarter Schmied beim Frühstück regelmäßig politische Debatten führten: „Mein Lehrmeister, der öfter als Delegierter auf Handwerkerkongressen gewesen war, trat für Schulze-Delitzsch ein, während der Schlossermeister sich zu Lassalles Lehren bekannte und deswegen meinte, daß das Handwerk keine Zukunft habe.“

Leider erfährt man von Bock nicht, bei welchem der damals über 80 Arnstädter Schuster (Adressbuch von 1864) er in die Lehre ging.  In einem im Thüringer Staatsarchiv erhaltenen Dossier über ihn aus der Zeit der Sozialistengesetze heißt es nur:
„Nachdem er 1864 seine Lehrzeit beendigt, hat er zunächst noch bei seinem bisherigen Meister und dann bei dem Schuhmachermeister Ernst Schreiber kürzere Zeit als Geselle gearbeitet, worauf er Arnstadt verlassen, sich nach Gotha und später nach Hamburg gewendet und dortselbst als Schuhmacher gearbeitet hat.“

Und das war’s schon mit Wilhelm Bock und Arnstadt. Er kam mit 14, ging mit 18 und kehrte später nur für einige politische Veranstaltungen hierher zurück. Den Rest des Lebens verbrachte er in Gotha, Berlin und der weiten Welt.

Wilhelm Bock hatte also gerade so viel mit Arnstadt zu tun wie Johann Sebastian Bach. Beide wurden nicht hier geboren, verbrachten in der Jugend vier Jahre in Arnstadt und zogen dann weiter. Bekannt wurde Bock als Gothaer, dort wird sogar jährlich ein nach ihm benannter Preis vergeben.  Und in seinen eigenen Erinnerungen stellt Bock die Arnstädter Zeit nur als kurze Episode in der Jugend dar. Dass sich dieser Mann  mit „Bock, Arnscht“ gemeldet haben soll, ob nun am Telefon oder im Reichstag, ist zwar nicht völlig ausgeschlossen, aber doch ziemlich unwahrscheinlich.

Aber wo kommt denn dann „Bock Arnscht“ her?

Manche Arnstädter Heimatforscher wie Peter Unger oder der Wilhelm-Bock-Kenner Matthias Wenzel aus Gotha vermuten, es könnte das „gute alte Arnstädter Bockbier“ dahinterstecken – das ja traditionell in der Faschingszeit ausgeschenkt wird. Aber Michael Schenk von der Arnstädter Stadtbrauerei, als „Bierrufer“ bekannt, ist da skeptisch: „Ich bin der Meinung, dass das Ganze weniger mit Bier zu tun gehabt hat“.

Aber es gibt es ja auch noch zwei Eigenschaften, die man mit einem Bock (ob Mensch oder Tier) verbindet. Ob nun stur oder geil, beide Bock-Arten gab es zu allen Zeiten in Arnstadt. Die Muhmengasse oder den „Halben Mond“ auf dem Markt kannte man früher weit über die Stadtgrenzen hinaus.

Ich finde jedenfalls, man kann mit allen drei Deutungen leben. Ob nun Bockbier, eine gewisse Sturheit oder der Ruf einer gesunden Potenz – alles Dinge, derer man sich nicht schämen muss. Das würde ich wohl heute auch dem Ilmenauer Jungen aus dem Ferienlager sagen. Denn die Ilmenauer sollen mal ganz ruhig sein. Die bringt man sogar mit einem Ziegen-Bock in Verbindung.

Für die Unterstützung bei der Recherche bedanke ich mich bei Andrea Kirchschlager, Ilka Zacher, Michael Schenk und Peter Unger sowie Rainer Aschenbrenner und Matthias Wenzel aus Gotha

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