Fragen nach dem Weg

Es ist gefühlt die 98. Studie über den Rechtsextremismus im Osten. Aber auch diese bleibt an der Oberfläche. Ein bisschen ist die DDR schuld, ein bisschen die Gesamtsituation. Man müsste wohl dringend mal was machen. Wahrscheinlich eine neue Studie.

Die Wissenschaftler haben sich Mühe gegeben mit ihrem Werk über den Erfurter Herrenberg. Viel Zeitung gelesen, im Jahrbuch für Statistik und den Verfassungsschutzberichten geblättert. Und sie haben sogar das Gespräch mit richtigen Menschen gesucht, für eine „Fokusgruppe“, wie der Fachmann das nennt. Fokusgruppen bildet man übrigens nicht, Fokusgruppen führt man durch. Wahrscheinlich durch den Herrenberg.

In so einer Fokusgruppe sind bestimmt viele Menschen drin, möchte man denken. Ist schließlich ziemlich groß, der Herrenberg. Und es waren tatsächlich mehr als drei. Es waren sechs bis acht:
Es gelang also leider nur „weitgehend“, die Bevölkerung und ihre politischen Präferenzen repräsentativ zu erfassen, geben die Forscher zu.  Das finde ich ehrlich.  Mit acht Leuten, die sich auch noch selber gemeldet haben, einen repräsentativen Bevölkerungsquerschmtt darstellen zu wollen, wäre doch ein wenig sehr sportlich.

Um was es bei den zweistündigen Gesprächen mit den echten, wenn auch wenigen Menschen in Erfurt so ging, steht zum Beispiel hier:
Da blitzt ein wenig auf, warum es einfach ist, am Herrenberg mit scheinbar einfachen Lösungen zu den Leuten vorzudringen. Man möchte sich dazusetzen und weiter fragen: Was könnte man selber dagegen machen? Was machen die von der AfD dagegen? Wie rechts sind die Leute, die sich in der „Kammwegklause“ treffen, wirklich? Und was ist mit den Linken, die früher hier die Kümmerer-Funktion hatten? Gibt’s die hier nicht mehr – oder hören die Leute nur nicht mehr so auf sie?

Das sind alles Fragen, die nicht gestellt wurden.

Wo haben die Forscher außerdem ihre Weisheiten her?  Vor allem aus anderen Studien, die umfangreich zitiert werden. 236 Seiten wollen schließlich vollgeschrieben sein. Aber auch mit politischen Akteuren aus Thüringen wurde geredet. Zum Beispiel mit dem Ministerpräsidenten. Von der CDU wurde wohl auch ein Erfurter Stadtrat interviewt, alles hab ich nicht gelesen. Aber hauptsächlich kamen die Gesprächspartner aus einem anderen politischen Spektrum, wie diese Quellenangabe exemplarisch zeigt:
Sogar mit den Rechtsextremen am Herrenberg sind die Forscher fast ins Gespräch gekommen. Leider nur fast. Obwohl sie sogar schon einen Fuß in der Tür der „Kammwegklause“ und eine besonders raffinierte Fragetechnik hatten: Sie haben nach dem Weg gefragt! Interviewer und Heiratsschwindler lernen schon im Grundkurs, dass dies eine wunderbare Einstiegsfrage ist, um das Herz des Gegenübers aufzuschließen. Ich lege mich ungern fest, aber die Beschreibung dieser Szene ist ein Höhepunkt der Studie:

Im letzten Satz ist zugleich das traurige Schicksal dieser Studie zusammengefasst. Der Herrenberg blieb dem Blick von außen verschlossen. Was die Tätowierung hoch bis zum Hals des Mannes mittleren Alters, bekleidet mit einem weißen T-Shirt, schmalen ausgebleichten Jeans und Hosenträgern sowie silberfarbener Brille  bedeutet, werden wir wohl erst in der nächsten Studie erfahren.

2 Gedanken zu „Fragen nach dem Weg“

  1. Wenn das ganze nicht so traurig wäre, könnte man sich totlachen.
    Wieder ein pointierter Bericht zu einem sehr ernsten Problem.

  2. Ein sehr guter und pointierter Artikel. Man kann kaum glauben, wie öffentliche Gelder verschleudert werden.
    Wenn das Ganze nicht so traurig wäre, könnte man sich kaputt lachen.

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