Frischer Wind aus Gossel – Torinos und Passat

Wer an Gossel denkt, dem fällt nicht sofort Popmusik ein. Aber in dem kleinen Ort oberhalb des Jonastals zwischen Espenfeld und Crawinkel fanden sich schon in der 2. Hälfte der 60er Jahre ein paar Jungs zum Musikmachen zusammen. Nicht für andere, sondern einfach nur für sich. Dann kam die Armeezeit – und als sie sich 1970 in Gossel wiedertrafen, beschlossen sie eine Band zu gründen.

Jürgen Graf spielte Akkordeon, sein Cousin Friedel Saxofon. Jürgen Köllmer, bei dessen Großvater in der guter Stube die ersten Proben stattfanden, saß am Klavier, Siegfried Linde am Schlagzeug und Rainer „Heino“ Körner sang und spielte Gitarre. Bei der Namenssuche half eine Flasche auf dem Tisch: Das Getränk hieß Torino – so wie die norditalienische Großstadt. Also nannten sie sich „Torinos“ und spielten am 19. Dezember 1970 erstmals öffentlich im Arnstädter „Hedan“.

Von da an ging es Schlag auf Schlag, es folgten Auftritte in Kettmannshausen, Gräfenroda, Osthausen, Witzleben, Reinsfeld und immer wieder in Gossel. „Es gab kaum einen Ort in der Gegend, wo wir nicht gespielt haben“, erzählt Jürgen Graf. Als Tanzmusikformation mit einem Repertoire, das vom Beat bis zum Hochzeitsständchen reichte, waren die Torinos gut im Geschäft. “Wir waren Förderband”, sagt Jürgen Graf, “und von der Musikvermittlung kamen jede Woche neue Termine”.

Sie probten nun in der Gaststätte „Thüringer Wald“ in Gossel. Die Band hatte allerdings ein Problem: Es fehlte ein Bassist. Das wurde nicht nur bei der Einstufung bemängelt, es schränkte auch das Repertoire ein. Diese Lücke füllte ab 1972 Klaus Maiwald (ehemals Eins plus fünf und Club-Band), der aber nur ein Jahr bei den „Torinos“ blieb. Seinen Platz nahm anschließend Harald John ein, der später an die Melodiegitarre wechselte. Auch am Schlagzeug gab es später eine Veränderung, Bernd Koch (ehemals Vulkans und RFT-Ensemble) kam für Siegfried Linse in die Band. „Wir hatten einige personelle Wechsel“, sagt Jürgen Graf, „aber jedes Mal ging es weiter aufwärts“.

Die entscheidendsten Veränderungen gab es Mitte der 70-er Jahre, als nacheinander Horst Renziehausen (Bass), Klaus Müller (Gitarre) und Gerd Walther (Saxofon) in die Band einstiegen. Äußerlich dokumentierte sich diese Veränderung in einem neuen Namen, der mehr dem Zeitgeschmack angepasst war. Aber „Passat“ war mehr als ein neues Etikett. Spielfreude und Erfahrung ihrer Mitglieder machten die Band zu einem einmaligen Erfolgsmodell. Die Stammbesetzung Horst Renziehausen, Jürgen Graf, Bernd Koch, Klaus Müller und Gerd Walther, immer wieder ergänzt durch andere Musiker, hatten ein Gespür dafür, was ankam – und hatten sichtbaren Spaß daran.

Passat 1979: Jürgen Graf, Horst Renziehausen, Bernd Koch, Klaus Müller

Sie spielten anspruchsvolle Eigenkompositionen und aktuelle Hits in interessanten Arrangements, bewiesen aber auch immer wieder ihre Anpassungsfähigkeit an die Bedürfnisse des jeweiligen Publikums.

Passat-Plakat von Hans-Jürgen Starke

Passat war die Band für jede Gelegenheit. Im Repertoire hatte die Gruppe nicht nur Hits zum Tanzen wie die der gerade aktuellen Neuen Deutsche Welle. „Wir spielten Beatles, Stones, CCR – eigentlich alles“, erinnert sich Klaus Müller. „Und weil nicht nur Gerd Walther, sondern auch Horst Renziehausen Saxofon spielte, konnten wir auch Ständchen machen und Kirmesmusik“. Jürgen Graf erinnert sich an Titel von Elvis, Dave Dee, Joe Cocker und später auch Udo Lindenberg, aber auch an volkstümliche Medleys, Heino-Titel und das „Kufsteinlied“: „Wir haben auch Herbert Roth gespielt, wenn es gewünscht war.“ Aber

Jugendkonzert mit Passat

Passat beeindruckte auch durch eine Reihe von Eigenkompositionen und sogar eine eigene Titelmelodie. Die Band machte Rundfunkaufnahmen beim „Sender Weimar“, spielte bei Jugendkonzerten in und tourte durch die gesamte DDR, aber vor allem natürlich in der Region. Die Auftritte waren fast immer ausverkauft, die Karten waren so begehrt, dass sie sogar auf dem Schwarzmarkt gehandelt wurden.

Passat 1983

Geprobt wurde im RFT-Kulturhaus, Passat war dort „Hausband“. Über 100 Veranstaltungen haben sie über die Jahre dort bestritten – vom Jugendtanz bis zur Betriebsfeier. Weil das RFT in diesen Städten Partnerbetriebe hatte, kam es auch zu mehreren Auftritten in Neustadt-Glewe in Mecklenburg und Rochlitz in Sachsen. Passat war in dieser Zeit die beste und erfolgreichste Band der Region. Die Musiker erreichten – wie einst schon die Teddys – die Einstufung in die Sonderklasse, die höchste, die im Amateurbereich in der DDR zu haben war. “Wir waren Vorband von Frank Schöbel, Vorband von Electra und die beste Gruppe des damaligen Bezirkes Erfurt im zentralen Leistungsvergleich“, erzählt Bernd Koch.

1984 stieg Klaus Müller wegen Krankheit aus der Band aus, aber Passat machte weiter, nun mit Rainer Bär an der Gitarre. 1987 aber gab es einen Schnitt, die Gruppe war mit sieben Musikern zu groß geworden und man beschloss, als „Passat“ aufzuhören. Am 2. Juli 1987 spielte Passat zum letzten Mal unter diesem Namen zusammen. Jürgen Graf hat Buch geführt: Es war der 929. Auftritt der Band seit der Gründung der Torinos im Jahr 1970.

Horst Renziehausen, Bernd Koch und Gerd Walther machten als „Spielhaus“ weiter, Jürgen Graf ging zu den „Lustigen Geratalern“. aber die Zeit von „Passat“ war vorbei.

Was damals keiner ahnte: Nur zwei Jahre später kam die Wende. In der Silvesternacht 1989 wurde mit Freunden aus der Partnerstadt Kassel auf dem Arnstädter Marktplatz die nahe Einheit gefeiert. Dort trafen sich auch Arnstädter Musiker aus verschiedenen Generationen zu einem Konzert. Klaus Müller war dabei, aber auch Gerd Walther, Hans-Jürgen Starke und Arnd Effenberger. Jene drei, mit denen es damals bei den Arnstädter Teddys angefangen hatte.

Jam-Session Silvester 1989 auf dem Arnstädter Markt

Ein guter Zeitpunkt, mit den alten Arnstädter Bandgeschichten aufzuhören. Sicher gab es noch viele andere – und täglich werden neue geschrieben. Arnstadt war und ist einfach ein gutes Pflaster für Musikanten. Zu allen Zeiten.

Es hat Spaß gemacht, daran zu erinnern.

Aufnahmen von Passat:

„Hallo Leute“ – Auftaktsong mit Vorstellung der Bandmitglieder

Instrumental (Komposition: Gerd Walther)

zum Anhang: Überblick und Besetzungen

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