Das Geheimnis der jung gebliebenen Mamsell

Ohne Uta Kessel hätte die Marlitt im vergangenen Jahr keinen Geburtstag gehabt. Naja, Geburtstag schon, den hat nun mal jeder einmal im Jahr. Aber dass es der 200. gewesen ist, hätte ohne Uta Kessel keiner gemerkt. Nun wird sie selbst 80 Jahre alt. Weil sie natürlich kein Gewese drum macht, will ich es gerne für sie tun.

Schon ein paar Jahre vorher hatte sie begonnen, das Jubiläum der Marlitt vorzubereiten. Eine Ausstellung müsste sein, fand sie, und unbedingt eine Filmvorführung eines der berühmtesten Werke der Marlitt im Theater. Bei denen, die sowas eigentlich von Amts wegen organisieren müssten, lief sie zunächst nicht unbedingt offene Türen ein. Wer kennt schon heute noch die Marlitt, diesen Satz hörte sie oft. Aber sie lächelte ihn weg.

Das ist überhaupt einer ihrer größten Vorzüge: Sie kann Dinge weglächeln. Es ist ein ganz besonderes Lächeln, das manchmal sogar etwas streng aussieht, aber dem Gegenüber kaum eine Chance lässt, etwas nicht zu tun, was man eigentlich lieber lassen wollte. Und so gab es am 5. Dezember 2025 nicht nur eine Maritt-Ausstellung im Schlossmuseum, sondern auch eine Filmvorführung vom „ Geheimnis der alten Mamsell“ im Theater und eine  berühmten Kesselschen Marlitt-Plaudereien im Marlittstübchen mit weitgereisten Gästen. Sogar der Bürgermeister kam.

Als Marlitt konnte man Uta Kessel seit 1992 erleben. In einem prächtigen Kleid, das extra für Sie angefertigt worden war und 2025 sogar im Mittelpunkt der Ausstellung im Schlossmuseum stand. Wenn Uta Kessel darin durch Arnstadt wandelte, schien die Erfolgsschriftstellerin wieder auferstanden zu sein. Die Verse, die Uta Kessel dazu vortrug, stammten aus ihrer eigenen Feder. Und ihre Botschaft war immer: Schätzt die Marlitt bloß nicht gering. Sie war zu ihrer Zeit die erfolgreichste Schriftstellerin überhaupt, eine tolle Frau obendrein, und Arnstadt kann auf sie stolz sein. Das erzählte Uta Kessel allen, die ihr über den Weg liefen. Und das waren zum Beispiel die Wildecker Herzbuben, Täve Schur, Waldemar Cierpinski und unzählige Arnstädter.

Stadtführungen mit Uta Kessel gab es nicht nur im Marlitt-Kostüm. Schon 1987 machte sie den entsprechenden Lehrgang, für 18 Ostmark und mit 16 Stunden Marxismus-Leninismus-Ausbildung. Aber sie hat dabei auch viel Nützliches gelernt. Ihre Motivation damals: Es muss doch neben der Arbeit als Leitende Schwester im Arnstädter Krankenhaus noch etwas anderes geben. Bis zur Wende hatte sie schon 100 Stadtführungen absolviert, dann hörte sie auf zu zählen.

Manche Besucher aus dem Westen waren etwas überheblich. Da kamen Bemerkungen wie: Ihr habt ja sogar Gardinen an den Fenstern, kennt ihr auch Wasserspülungstoiletten? Sie hat dann immer geantwortet: „Wir kennen sogar die Uhr.“ Aber solche Gäste waren die Ausnahme. Die Mehrzahl hat einfach gestaunt, was ihnen Uta Kessel alles zeigen und erzählen konnte von ihrem schönen Arnstadt.

Arnstadt ist für sie mehr als eine Freizeitbeschäftigung, es ist eine Passion. Deshalb ist sie auch im Altstadtkreis, dem wohl unauffälligsten, aber effektivsten Interessenverband der Arnstadt-Liebhaber. Auf dessen Initiative gehen zum Beispiel die informativen blauen Schilder an vielen alten Häusern zurück. Die Stadt verdankt dem Altstadtkreis das Glockenspiel im Jakobsturm, den Flügel im Rathaussaal oder die Restaurierung der Figuren an seiner Fassade. Und er betreut das Bachhaus in der Kohlgasse, wo man auch Uta Kessel häufig antrifft.

Bleibt bei alldem überhaupt noch Zeit zum Entspannen? Natürlich. Aber Entspannen heißt bei ihr nicht untätig sein, sondern falten. „Origami“ sagen Fachleute dazu – und mittlerweile ist Uta Kessel eine von ihnen. Sie faltet aus Notenblättern, Landkarten oder Fehldrucken geometrische Figuren von hervorstechender Symmetrie, aber auch mit Gebrauchswert. Bei ihren Schachteln passen Ober- und Unterteil perfekt ineinander, das muss man erstmal hinkriegen. Wer so ein Kesselsches Einzelstück besitzt, kann sich glücklich schätzen. Denn sowas gibt es nicht zu kaufen, man muss es geschenkt bekommen. Mittlerweile hat Uta Kessel schon so viel gefaltet, dass es sogar für eine Ausstellung reichte: Im Herbst 2022 stellte sie ihre Werke in der Mühlberger Kulturscheune aus.

Wenn man auf so vielen Gebieten erfolgreich unterwegs ist, bleiben Ehrungen nicht aus. Uta Kessel hat es 2024 zwar nicht zur „Arnstädterin des Jahres“ geschafft, aber immerhin eine Ehrenurkunde für den Bereich Kultur erhalten. Und 2018 gab es die „Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“. Sie hat sich mächtig darüber gefreut und bei der Übergabe sogar etwas weniger streng gelächelt.

Als es langsam auf den 80. Geburtstag zuging, hat sich Uta Kessel vorgenommen, etwas kürzer zu treten. Für die Stadtführungen als Marlitt hat sie gleich zwei Nachfolgerinnen gefunden: Birgit Brey-Trefflich und Kati Christof. Ihre Marlitt-Plaudereien will sie aber weiterführen, das Papierfalten wohl auch. Denn das ist das Geheimnis der jung gebliebenen Mamsell Uta: „Das Steckenpferd ist das einzige Pferd, das dich über jeden Abgrund trägt“. Uta Kessel hat gleich einen ganzen Stall davon.

Glückwunsch an Uta Kessel zum runden Jubiläum. Und Glückwunsch an Arnstadt zu Uta Kessel.

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