
Wenn um das Schicksal der Arnstädter Marktlinden gestritten wird, geht es immer auch um den Bismarckbrunnen. Das war 2009 so und ist es heute. Auch, wenn das Thema offiziell ausgeklammert wird, in den gegensätzlichen Petitionen, die man im Netz unterschreiben kann, wird der Brunnen mit keinem Wort erwähnt. Dafür reden in Arnstadt fast alle drüber.
Man kann im Internet zwei Petitionen zu den Linden auf dem Arnstädter Marktplatz unterschreiben, eine dafür und eine dagegen. Die Unterschriften sind für die Unterzeichnenden und den Gegenstand der Petition folgenlos, solche Petitionen dienen nur dazu, Stimmungsbilder wiederzugeben. Da im Netz heftig um die geplante Marktsanierung gestritten wird, könnte man erwarten, dass sich sehr viele Arnstädter für die eine oder die andere Variante engagieren. Machen sie aber nicht. Die von beiden Seiten verbreitete Behauptung, für eine große Mehrheit der Bevölkerung zu sprechen, ist einfach nicht wahr.
Die ältere der beiden Petitionen zählt Ende Mai 2026 etwa 2600 Unterschriften, die deutlich jüngere um die 1500. Selbst wenn alle geleisteten Unterschriften von Arnstädtern stammen würden (was nicht der Fall ist), hätten sich bisher lediglich knapp 15 Prozent der Einwohner an der Abstimmung beteiligt. Die anderen 85 Prozent stehen schulterzuckend am Spielfeldrand.
Dafür kann es viele Gründe geben. Aber ich bin überzeugt: ein wichtiger ist der Bismarckbrunnen.
Er ist der Elefant im Raum, sein Name wird in keiner der beiden Petitionen erwähnt, aber er fällt in so gut wie jeder mündlichen Debatte, die sich um die Marktsanierung dreht.
Die Aufstellung des Brunnens an der Spitze des Marktes ist Teil des städtischen Sanierungskonzepts. Es ist allen Beteiligten klar: Die geplante Marktsanierung mit viel Fördergeld vom Land ist vorläufig die letzte Chance, den Bismarckbrunnen funktionstüchtig auf dem Markt aufzustellen. Ohne Fördermittel ist das von Arnstadt nicht zu stemmen. Und das Gerichtsverfahren gegen die Fällung der Marktlinden ist wahrscheinlich die letzte Chance, die Aufstellung des Bismarckbrunnens auf dem Markt zu verhindern. Denn wenn der Prozess vor dem Verwaltungsgericht nicht wäre oder wider Erwarten zügig von der Stadt gewonnen würde, stünde der Brunnen in zwei Jahren etwa da, wo jetzt eine Litfaßsäule steht.
Das Schicksal des Bismarckbrunnens ist es, was vor Gericht verhandelt wird, ohne den Namen zu nennen. Er ist eine Art Voldemort, dessen Rückkehr die einen fürchten und andere herbeisehnen. Oder vielleicht passt Sauron besser. In dessen Geschichte spielen ja auch Bäume mit, um die Welt vor dem Bösen zu retten. Dauert nur halt alles etwas länger, das ist eben so in Mordor und vor dem Verwaltungsgericht.

Seit seiner Wiederentdeckung nach der Wende ist der Bismarckbrunnen ein Streitthema in Arnstadt. 1909 errichtet und etwa 1943 wieder verschwunden, war er seit seiner Einweihung viel länger weg, als er jemals da war. Deshalb kann er auch nicht wieder dorthin, wo er einst stand, da sind sich weitgehend alle einig. In seiner Abwesenheit hat der junge Bach 1985 die Dominanz auf dem Markt übernommen. Und der will nun mal auf seine Bachkirche gucken – und nicht auf den Brunnen.
Die Auseinandersetzung um den Brunnen hat sowohl ideologische als auch künstlerische Aspekte. Kunst-Experten halten ihn für äußerst interessant und einmalig, es wird in Fachkreisen regelrecht herumjubiliert, was seinen Schöpfer Wrba und dessen Werk betrifft. Viele Arnstädter finden ihn hingegen einfach nur hässlich, er wird schon mal als „Oktopus auf Speed“ beschimpft. Allerdings fanden viele Arnstädter 1985 auch das neue Bachdenkmal hässlich, obszön und abstoßend (obwohl sich heute keiner mehr daran erinnern will). Bei der Gewichtung von Schönheitsidealen sollte man nicht nur in Zusammenhang mit dem Arnstädter Markt also vorsichtig sein.
Die ideologische Auseinandersetzung um den Brunnen ist wohl am schwierigsten zu führen, weil ihr alle ausweichen. Im linken Lager nimmt man Bismarck bis heute übel, dass er 1878 die deutsche Sozialdemokratie verboten hat und hält überhaupt jede Eloge an ein Deutschland in den Grenzen des Kaiserreichs für Verrat an der Demokratie. Der Brunnen leistet aber genau das: zu zeigen, wie groß damals Deutschland war und heute nicht mehr ist. Die Befürworter des Brunnens geben kaum öffentlich zu, dass sie (auch) aus diesem Grund seine Wiederaufstellung an prominenter Stelle wünschen. Und das ist nun mal der Markt.
Darüber spricht niemand öffentlich, stattdessen werden Stellvertreter-Gefechte geführt: dass das Bachdenkmal und der Brunnen nicht zusammen auf den Markt passen, dass man den Brunnen irgendwo einschließen sollte, damit er nicht von Buntmetall-Dieben heimgesucht wird – und dass es nur um die historischen Linden geht oder eben um eine Marktsanierung, die unbedingt jetzt erfolgen muss, weil die Fördermittel gerade da sind und die Versorgungsleitungen alle marode.
Aber eigentlich geht es immer um den Brunnen. Ich finde, er gehört zu Arnstadt, ist Teil der Stadtgeschichte, mit der man sich auseinandersetzen muss, gerade heute. Der Brunnen könnte ein Denkmal sein, das zum Nachdenken anregt, wenn man ihm und der Stadt die Chance dazu gibt. Aber dazu bedürfte es einer offenen Diskussion in der Stadtgesellschaft, die meiner Meinung nach nie richtig geführt wurde. Nicht nur über den Standort, aber auch.
Es gab Ansätze für solche Debatten, gerade im Stadtrat. Aber es gelang nie, sie vernünftig zu führen und abzuschließen. Als Negativbeispiel sei hier nur an die Bürgerbefragung von 2016 erinnert. Auf deren fragwürdiges Ergebnis bezieht sich die Stadt noch heute.
Vor diesem Hintergrund finde ich es nicht verwunderlich, dass sich die große Mehrheit der Arnstädter der Debatte um die geplante Marktsanierung entzieht. Weder die Heiligsprechung aller Linden noch die angeblich bürgernahe und alle Probleme lösende, aber in Wahrheit von der Stadt autistisch geplante Baumaßnahme können die Massen begeistern. Zumal, wenn man auch noch einen alten und umstrittenen Brunnen dabei untergejubelt bekommt.
Auch ich habe keine der beiden Petitionen zum Arnstädter Markt unterschrieben. Ich würde nur eine unterschreiben, in der steht: Wenn schon der Markt saniert werden muss (obwohl es aus meiner Sicht andere Plätze nötiger haben), saniert ihn so schonend wie möglich, aber stellt den Bismarckbrunnen woanders hin. In den Hof des Schlossmuseums zum Beispiel oder auf den Platz der Versöhnung, wie Jan Kobel 2016 vorgeschlagen hat. Und lasst die Leute vorher mitreden, aber richtig. Vielleicht kann man ja beim Bürgerbudget schon mal ein bisschen üben.
Weitere Beiträge zum Thema Marktsanierung:
Bäume, Bach und Bismarck (2010)
Bürgerbefragung BIsmarckbrunnen (2016)
Platz da (2022)
Mein Markt – ein Abgesang (2023)
Schwierige Marktlage (Oktober 2025)
Ruhige Marktdebatte (November 2025)
Der Markt und die Fernwärme (Januar 2026)
Entschieden (Januar 2026)
Bäume pflanzen, Bäume abhaun (Februar 2026)
Zwei Geschichten (Februar 2026)
Ich danke dir für die Analyse zur Arnstädter Bau(m)posse aus einem ganz anderen Blickwinkel. Ich glaube zwar nicht, dass der Brunnen die Baumfreunde umtreibt, aber du bist ein Stückchen näher dran und kannst das besser einschätzen. Für mich ist es jedenfalls sehr spannend zu sehen, dass eins in Deutschland und speziell in Arnstadt immer noch sehr gut funktioniert – Dinge auf die lange Bank zu schieben. Sich jahrelang mit irgendwelchen Vorhaben zu beschäftigen, und dann irgendwann einen bescheidenen Kompromiss zu feiern wie einen großen Sieg. das ist leider in der Bundespolitik nicht anders als im Lokalen.
Übrigens – der Hof des Schlossmuseums war schon immer mein Favorit für den Brunnen. Da gehört Geschichte in Arnstadt hin, wenn sie schon nicht mehr an den originalen Standort kann.
Hallo in die Ferne,
der Brunnen ist – neben der Fernwärme-Trasse – der Hauptgrund, warum man so tief buddeln muss auf dem Markt und damit das Wurzelgeflecht der Linden mindestens stark beeinträchtigt. Insofern hat beides schon miteinander zu tun. Aber ich glaube auch nicht, dass der Brunnen der Hauptgrund für die Klage ist. Das sind wohl auch nicht die Linden, sondern das sture Verhalten der Stadtverwaltung in der gesamten Planungsphase. Dieser „Uns stoppt keiner“-Haltung wurde mit der Klage ein für die Stadt völlig überraschendes „Doch“ entgegengesetzt.
Respekt Herr Pfeiffer! Ich staune ja immer wieder, wie ein Journalist, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat, es schafft, soviel Unterstellung, Verdrehung, Falsches, letztlich Demagogie zu fabrizieren. Aber die größeren Schnitzer Reihe nach:
Zu allererst, der Brunnen ist und war kein Tabu, er war z.B. in Standort, Größe und mangelnder Maßhaltigkeit in den bunten Bildern des Planungsbüros, es gab Einwendungen in der Bürgerfragestunde, Thema in der Veranstaltung in der Bachkirche, er war Thema in der Rede von Alexander Dill im Stadtrat, nachzulesen auf der Website des Bürgerprojekts.
Sie schreiben: „Wenn um das Schicksal der Arnstädter Marktlinden gestritten wird, geht es immer auch um den Bismarckbrunnen. … Er ist der Elefant im Raum. …“ … und etwas später: „Und das Gerichtsverfahren gegen die Fällung der Marktlinden ist wahrscheinlich die letzte Chance, die Aufstellung des Bismarckbrunnens auf dem Markt zu verhindern,“ und noch später steigernd „Das Schicksal des Bismarckbrunnens ist es, was vor Gericht verhandelt wird, ohne den Namen zu nennen“. Was für ein Unsinn! Kläger:innen und Unterstützer:innen geht es um die Bäume und deren ökologischen Leistungen für die Einwohner:innen der Innenstadt und alle Besucher der Stadt. Ein Anliegen, das anderenorts eine Selbstverständlichkeit ist.
Warum ist es Ihnen so wichtig, mit falschen Behauptungen immer wieder emotionalisierend in diese Debatte einzusteigen?
Der erste Satz ist nicht falsch, aber unvollständig und bekommt durch den Zusatz eine unzutreffende Schlagseite, denn diese Redewendung unterstellt, dass das, was der Elefant sein soll, das eigentliche Thema ist – sie beginnen also Ihre Ausführungen damit, dass sie suggerieren, dass es nicht um die Linden ginge.
Zunächst, wieso unvollständig?
Der Arnstädter Markt ist in seiner Gesamtheit ein Denkmal mit allen rechtlichen Konsequenzen. Das gilt auch für die Bäume und die Litfaßsäule. Diese wurden gepflanzt bzw. aufgestellt, VOR der Aufstellung des Bismarckbrunnens. Dessen ursprünglicher Standort nahm also 1909 beider bereits gegebener Existenz Rücksicht.
Eine Rücksicht oder auch Umsicht, die jetzt fehlt:
Dass der von der IG Schattenspender, den Unterstützer:innen und Kläger:innen angestrebte Erhalt der Linden, bei Erfolg den geplanten Standort zur Wiedererstellung des Bismarckbrunnens in Frage stellt, liegt an genau den fehlenden Alternativen der Planung, die den Protest und schließlich das Eilverfahren und die Klage hervorgerufen haben.
Daraus den Schluß zu ziehen, es ginge „eigentlich“ (Elefant im Raum, letzte Chance, die Aufstellung des Brunnens zu verhindern, Schicksals des Brunnens … vor Gericht verhabdelt) um den Brunnen ist unredlich und ignorant.
Sie sollten sich bitte die ausführlich in der Öffentlichkeit vorgebrachten die Argumente (Website Schattenspender, Bürgerfragestunde, Pressemitteilungen, Veranstaltung Bachkirche, fb), die für den dringenden Erhalt der Bäume sprechen, ansehen und sich in Ihren Texten entsprechend darauf beziehen! Da bedarf es keiner „unausgesprochener“ und „eigentlicher “ Beweggründe“. Das ist Grund genug!
Ich staune außerdem, wie schlecht Sie mich, und hier wage ich es jetzt, auch für andere zu sprechen, wie schlecht Sie mich und andere kennen, wenn Sie allen Ernstes glauben, dass ich, hätte ich es auf den Bismarckbrunnen bzw. dessen Verhinderung abgesehen, die Bäume „vorschöbe“, um die „eigentliche“ Debatte nicht zu führen. Ich führe doch jede Debatte, wenn nötig!
Welch ein Unsinn, welch ein Mangel an Menschenkenntnis.
Für diejenigen, die zum Team „Bäume fällen“ gehören, teils mit längst widerlegten Argumenten z. B. Breite der Trasse für die Versorgungsleitungen, sieht das etwas anders aus: Um den Bismarckbrunnen an diesem geplanten Ort aufzustellen MÜSSEN tatsächlich mindestens zwei, vermutlich vier Linden und die Litfaßsäule an der charakteristischen Spitze des Marktes weg. Für diese Gruppe IST die Baumdebatte zwangsläufig auch eine Debatte über DIESEN Standort. Aber auch für diese Gruppe nicht zwangsläufig eine über die grundsätzliche Frage einer Wiederaufstellung.
Das härteste Argument gegen den geplanten Standort des Brunnens liefern im Übrigen Verwaltung, Planer, Stadtrat etc. selber: Die angebliche oder tatsächliche Notwendigkeit eines schützenden Korsetts gegen angeblichen oder tatsächlichen Vandalismus, womit ein an dieser aufsteigenden Stelle ohnehin schon sehr breit und hoch den Markt von Untermarkt trennender Brunnen noch einmal deutlich an Volumen zulegt, die ursprüngliche Optik einschneidend geändert wird.
Ein Eingriff, den die vorliegende Denkmalschützerische Erlaubnis ablehnt. Ein Eingriff, der laut Verwaltung angeblich inzwischen mit den Denkmalbehörden (Kreis/Land) als doch möglich abgestimmt wurde, diese Abstimmung aber von den beiden Behörden nicht bestätigt bzw. von beiden Seiten nicht transparent gemacht wird.
Wenn ein ursprünglich für genau diesen Platz geplanter Brunnen dort nicht mehr in seiner ursprünglichen Form aufgestellt werden kann/soll, dann wäre ja eigentlich der Schluss fällig, dass das der falsche Standort ist – und ein gesicherter Standort, wie z.B. der Garten des Schlossmuseums, der zudem öffentlich einsehbar wäre, die bessere Wahl. Auch und gerade für die Optik des (doch so geschätzten) Brunnens.
Diese Einsicht könnte eine Diskussion anstoßen, die die Frage, wie es gehen könnte, die Bäume zu erhalten und den Markt NICHT für Generationen in eine Hitzeinsel zu verwandeln, deutlich leichter beantworten könnte.
Was den – ach so dominanten #ironieoff – kleinen Bach betrifft: Wohin schaut dieser bitte? Zur Bachkirche? Nein, wirklich nicht.
Nach Westen, nach Lübeck. Und DAS war für seinen Erschaffer Bernd Göbel der Grund zur Auswahl DIESES Standorts für das Denkmal, der aus Gründen des Urheberrechts und aus Gründen des Denkmalschutzes nicht antastbar ist. Der vermeintlich auf die Bachkirche schauende „Bach“ hat also nicht das geringste damit zu tun, dass der Brunnen nicht an seinen „alten“ Platz zurück kann. Beide Standorte beeinträchtigen allerdings – wenn er diese wahrnehmen wollte – mutmaßlich generell die „älteren“ Rechte des Bildhauers.
Dass die Stadt nicht mit dem alten Standort plant liegt ausschließlich an Verkehrs- und Eventnutzungsinteressen.
Tja, der künstlerische Wert des Brunnens? Ich bin da völlig entspannt. Seltsames Teil, aber mit ein bisschen guten Willen ästhetisch irgendwo in der Vielfalt oder auch gelegentlichen Einfalt des Jugendstils zu verorten. Kein Grund für Bilderstürmerei.
Sie schreiben über den Brunnen: „Kunst-Experten halten ihn für äußerst interessant und einmalig, es wird in Fachkreisen regelrecht herumjubiliert, was seinen Schöpfer Wrba und dessen Werk betrifft.“ Quelle(n)?
Zu Zeiten der Aufstellung des Brunnens war das anders, da hat u.a eine Zeitschrift namens „Über Land und Meer“ folgendes zu Wrbas Werk vermeldet:
„Wie die leidige Sucht, in der Kunst etwas noch nie Dagewesenes, ganz Voraussetzungsloses zu schaffen, auch begabte Künstler auf Abwege führen kann, davon ist der Bismarckbrunnen in Arnstadt ein trauriges Beispiel. Was der jetzt in Dresden lebende Professor Wrba sich eigentlich bei diesem Monstrum gedacht hat, was wir bei seinem Anblick empfinden sollen, ist sehr, sehr dunkel.“ (Zitiert nach Arnstädter Chronik).
Und was die politisch-ideologische Auseinandersetzung angeht, die können wir gerne führen, der gehe ich, der gehen andere nicht aus dem Weg. Allerdings auch völlig anders, als sie die vermeintlichen Standpunkte beschreiben.
Wollte man über Bismarck und seine Leistungen, Errungenschaften und Weicheinstellungen für das 20. Jahrhundert reden, so wäre die Bilanz durchmischt. Sie beziehen sich auf die Sozialistengesetze und die damit verbundenen Repressionen. Ja, sehr unschöner Teil der Bismarck’schen Politik.
Doch wegen seiner Widmung und einer noch so kontroversen Einschätzung Bismarck’scher Politik ist dieser Brunnen nicht „problematisch“.
Die politische Problematik des Brunnens ist eine andere. Nämlich das, was dieser 1909 am Vorabend des ersten Weltkriegs geschaffene Brunnen darstellt, Wrbas Position, Bismarck war bereits seit 1890 nicht mehr Reichskanzler und seit 1898 tot – einen völkischen „Reichsbaum“ in den Grenzen des Siebziger Krieges mit den Reichsteilen Elsass/Lothringen und dem Königreich Preußen mit allen heute polnischen Gebieten. Diesen „Reichsbaum“ heutzutage in einem geeinten Europa wieder(!) aufzustellen, ist eine (gewusste und gewollte) Provokation. Verstärkt dadurch, dass die Aufstellung mit europäischen Mitteln erfolgt.
Da stellt sich durchaus die Frage, wie will das ein Bürgermeister, eine Verwaltung, ein Stadtrat zukünftig Gästen, Partnerstädten, letztlich der Allgemeinheit der EU, die das finanziert, erklären? UND: Warum finanziert das die EU?
Da stellt sich zudem für die den Brunnen befürwortende CDU die Frage, wie sie das Adenauer und Kohl erklären würden? Für die SPD die Frage, auch Ostpreußen/Schlesien erst den 2. Weltkrieg betreffen, wie sie das Brandt erklären würden.
Und zuletzt, obwohl das Teil Ihrer Einleitung ist:
Sie schreiben „Man kann im Internet zwei Petitionen zu den Linden auf dem Arnstädter Marktplatz unterschreiben, eine dafür und eine dagegen,“ und stellen die Anzahl der Unterschriften gegenüber.
So als ob das zwei identische oder ähnliche Vorgänge wären.
Von „eine dafür“, also den Erhalt der Linden und „eine dagegen“, also für die Fällung, kann nicht die Rede sein. Die so genannte Petition „dagegen“ befasst sich nicht mit den Linden, sie will erreichen, dass die Kläger:innen ihre Klage zurückziehen.
Sie als Vertreter der Vierten Gewalt sollten es eigentlich besser wissen.
„Grundgesetz Art 17
Jedermann hat das Recht, sich einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen schriftlich mit Bitten oder Beschwerden an die zuständigen Stellen und an die Volksvertretung zu wenden.
Das ist ein Recht das Einwohner:innen gegenüber dem Staat, seinen Vertreter:innen oder seinen „Stellen“, seinen Organen, seinen Institutionen haben und richtet sich an diese.“
Das Recht Bittsteller zu sein, von unten nach oben!
So heißt es dann auch in der Petition gegen die Baumfällung, deren Initiatoren und Unterstützer keineswegs behaupten, sie hätten die Mehrheit der Stadtgesellschaft hinter sich, sondern grundsätzlich nur auf die konkrete Menge der Unterschriften verweisen – die aber für die nun laufende rechtliche Bewertung des Fällbegehrs ebenso unerheblich sind, wie eine immer wieder ins Feld geführte Stadtratsmehrheit:
„Wir fordern die Verantwortlichen in der Stadt Arnstadt auf, bei der Planung und Umsetzung von Bauprojekten den Erhalt der Marktlinden sicherzustellen. Eine Neugestaltung des Marktplatzes muss im Einklang mit der Bewahrung unserer wertvollen Naturschätze erfolgen.“
Bei der Petition von Jens Blume (Pseudonym?), die Fraktionen und Fraktionsvorsitzende aktiv verbreiten und zur Unterstützung aufrufen, also Teile der „Volksvertretung“ und die Mitarbeiter, auch in leitenden Funktionen, der Stadt offenbar unterschrieben haben, also staatliche Stellen, sind die Adressaten die Kläger:innen. Dort heißt es:
„Ich appelliere an alle Beteiligten, ihre Klagen zurückzuziehen, das demokratische Votum des Stadtrats zu akzeptieren und den Weg für eine schnelle und effiziente Umsetzung der Sanierungspläne freizumachen. Die Zukunft Arnstadts liegt in unseren Händen, und es ist Zeit, gemeinsam positiv zu handeln.“
Hier drangsaliert also zunächst eine „Privatperson“ Kläger:innen, die ihr Recht wahrnehmen. Diese so genannte „Petition“ wird zum Instrument des Anprangerns, des Versuchs öffentlichen Druck in der Stadtgesellschaft aufzubauen. (Mit einem Sack fragwürdiger oder falscher Behauptungen, meine Einwendungen dazu ausführlich auf der fb-Site von Pro Arnstadt e.V. unter dem Petionsaufruf.)
Das kann eine Privatperson vielleicht machen, auch wenn das nicht Zweck dieser Petions-Portale ist und deren Richtlinien das auch ausschließen.
Wenn Volksvertreter:innen dies tun, wenn die Presse, in diesem Fall die TA einer solchen „Petition“ via Sebastian Köhler Rückenwind verschafft, so findet hier ein Missbrauch eines vorgeblich rechtsstaatlichen Instrument gegen ein rechtstaatlich und demokratisch legitimiertes Vorgehen von Einwohner:innen statt.
Dabei wäre es für den Erstersteller und die unterschreibenden Petenten ein Leichtes gewesen, eine Petition im Namen einer „schnellen und effizienten Umsetzung der Sanierungspläne“ und um „gemeinsam positiv zu handeln“ an Bürgermeister und Verwaltung zu richten, indem sie DIESE auffordern, die auf Initiative der Kläger:innen bereits aufgenommenen, von der Stadt nicht weiter verfolgten Gespräche, fortzuführen und gemeinsam nach einer baumerhaltenden Lösung zu suchen, die eine Klage obsolet macht.
Richtig muss es heißen:
Zu allererst, der Brunnen ist und war kein Tabu, er war z.B. in Standort, Größe und mangelnder Maßhaltigkeit in den bunten Bildern des Planungsbüros Thema in der Veranstaltung in der Bachkirche, es gab Einwendungen in der Bürgerfragestunde, er war Thema in der Rede von Alexander Dill im Stadtrat, nachzulesen auf der Website des BürgerProjekts.
Liebe Frau Rüber,
danke für Ihre Erläuterungen, ich hoffe, ich schaffe es in den nächsten Wochen, sie bis zum Ende durchzuarbeiten.
Vorläufig nur soviel:
1. Ich würde Ihnen nie unterstellen, dass Sie nicht sagen, was Sie denken. Meine bescheidene Überlegung ist nur, dass sich viele Menschen (nicht Sie) wegen des Bismarckbrunnens nicht am Petitions-Battle beteiligen.
2. Was Bachs Blickrichtung betrifft: Vielleicht guckt er nicht immer auf die Bachkirche. Aber er könnte sie sehen. Im Gegensatz zu Lübeck, das übrigens nur früher mal im Westen lag. Jetzt nicht mehr.
Lieber Herr Pfeiffer,
ja klar, es sind Ihre langen Texte, die es gilt „durchzuarbeiten“.
Gen Lübeck, kompaßtechnisch mehr Norden, als 1985 symbolisch gen Westen, ist jedenfalls nicht gen Bachkirche. Da auch hilft auch keine Retourkutsche. Der alte Standort ist nicht wegen Bach, sondern wegen der heutigen Nutzungsanforderungen (Verkehr, Events) „verbrannt“. Aber das Bach- und Bachstadtbashing ist ja ein beliebter Sport in dieser Stadt.
Liebe Frau Rüber,
wenn Sie in meinem unmaßgeblichen Beitrag nun auch noch Bach-Bashing zu erkennen glauben, streiche ich die Segel und bekenne: Ich verstehe Sie auch an vielen Stellen nicht. Aber ich freue mich immer, wenn Sie so wütend kommentieren und trotzdem das Terrain der guten Sitten nicht verlassen. Das hat heutzutage Seltenheitswert.
Sehr geehrter Heer Pfeiffer, herzlichen Dank für ihre interessante Darstellung zum Marktplatzstreit auf den ich gar nicht weiter eingehen möchte.
Aber etwas zu Bismarck, dem Elefanten im Raum:
Wer den „Schwefelgelben“ (Fontane) nur als Reichsgründer und Sozialistenhasser wahrnimmt bleibt zu sehr an der Oberfläche.
Bismarck war zuerst preussischer Machtpolitiker.
Er war Treiber der Gründung eines Reiches, dessen Monarch, der Kartätschenprinz, die Bezeichnung Kaiser von Deutschland ablehnte, weil er nicht vom Preußenturm lassen wollte.
Einheit war nie sein Ziel, sondern preußische Vormacht. Deshalb die Ausschaltung Schleswigs (Dänemark) 1864, Österreichs, Württembergs, Sachsens, Badens und Hannovers 1866. Bruderkriege gegen Rivalen, statt Einigung. Zuletzt der provozierte Krieg gegen Frankreich. Imperialismus pur.
Die Könige von Bayern, Sachsen, Württemberg stimmten der Gründung erst zu, nachdem er Ihnen ausführliche Sonderrechte gewährte. Ludwig II musste sogar persönlich bestochen werden.
Das Reich Bismarcks war kleindeutsch, weil anders die Macht Preußens nicht zu sichern war.
Dieses Deutschland war nicht das Reich, dass die Deutschen nach der Befreiung von Napoleon herbei gesehnt hatten, für das 1848/49 gestritten und gekämpft wurde. Es wurde von Bismarck den Deutschen aufgepfropft, weder genealogisch noch demokratisch legitimiert.
Der sog. „Reichsgründer“ Bismarck legte mit seinem Handeln zugleich den Keim für den Untergang des Reiches.
Deshalb hat Baerbock sein Portrait im Auswärtigen Amt entfernen und den Sitzungssaal umbenennen lassen. Bismarck ist Geschichte aber nicht traditionswürdig. Der Brunnen gehört in ein Museum, nicht in den Mittelpunkt.