
Kann man ein perfektes Frühstücksei ganz ohne Schale ganz ohne Strom zubereiten? Man kann, wie ein Experiment im Arnstädter Schlossmuseum gezeigt hat. Das „Equipment“ dafür steht dort schon ziemlich lange herum, aber jetzt endlich durfte auch gekocht werden. Es scheint geschmeckt zu haben.
Man nehme ein Pfund Regionalstolz, eine Tube Adelsglanz, eine Prise DDR-Nostalgie und ein gutes Archiv, mische reichlich Tradition darunter und schmecke es mit einem Augenzwinkern ab – schon hat man eine jener Arnstädter Geschichten, denen kein Journalist der Welt widerstehen kann und die Besucher der Stadt zum Staunen bringt. Solche Glückstreffer gibt’s nicht oft, einer war sicher die weltweit erste Bratwurstquittung. Aber auch ein ziemlich alter mobiler Eierkocher, der bislang in den Depots des Arnstädter Schlossmuseums schlummerte, hat das Zeug dazu.
Dass er jetzt im Scheinwerferlicht steht, ist der Arnstädter „Canada-Connection“ zu verdanken, der Partnerschaft zwischen Museumsdirektorin Gabriella Szalay und Köchin Tanya Harding. Beide sind in Kanada geboren und fanden, als Szalay den Posten im Museum übernahm, schnell einen Draht zueinander, es gab mehrere gemeinsame Projekte. Und es gibt seit März eine Sonderausstellung namens „Pracht und Prunk“, die sich mit der Geschichte der Scherholz-Porzellans in der Region beschäftigt. Dort steht der Schierholzsche Eierkocher, bisher weitgehend unbeachtet.
Aber nicht von Tanya Harding. Die hätte als Köchin natürlich gern gewusst, ob dieses vor über 170 Jahren entwickelte Porzellanding, mit dem man angeblich ohne Strom ein perfektes Frühstücksei zubereiten kann, wirklich funktioniert. Doch was im Museum steht, darf man nicht benutzen. Also durfte sie nicht. Bis Gerhard Kelsch in die Ausstellung kam.
Gerhard Kelsch gehört zu den Leuten, die damals bei Schierholz gearbeitet haben. Er hat nicht nur einen solchen Eierkocher zuhause, sondern zwei, die – im Gegensatz zum Museums-Exemplar – sogar bemalt sind. Er war schließlich für Dekoration zuständig und er benutzt den Eierkocher noch regelmäßig. Das durfte – unter seiner Anleitung natürlich – nun auch Tanya Harding. Sie war begeistert vom Ergebnis, die Presse Funk und Fernsehen wurden eigeladen, Tanya hat ein Video bei Instagram eingestellt. Nun spricht alle Welt von dem „chinesischen Eierkocher“, der da in Arnstadt irgendwo in einer Ausstellung steht.
Natürlich sind weder das Exemplar aus dem Museum noch die beiden von Gerhard Kelsch 175 Jahre alt, wie es jetzt in den Schlagzeilen steht. So alt ist nur die Technologie, vor fast 175 Jahren wurde bei Schierholz der erste mobile Eierkocher gefertigt. Damals wurde er mit der Aussicht beworben, dass man selbst im neuen „Dampfwagen“ auf sei geliebtes Frühstücksei nicht zu verzichten brauche, denn die Eisenbahn war gerade erfunden. Die Steckdose übrigens noch nicht.
Wer den nun legendären Eierkocher mit eigenen Augen sehen möchte, hat noch einige Tage Zeit, die Scherholz-Ausstellung läuft noch bis 16. August im Schlossmuseum. Aber so tief wie bisher wird er hoffentlich nicht wieder im Depot verschwinden. Denn wenn Gabrielle Szalay von ihrer „Wunderkammer“ spricht, gehört er ja nun irgendwie dazu.
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Beitrag in der TA (Bezahlschranke)