Das DDR-Spiel

Am Arnstädter Gymnasium tauchten in dieser Woche vier Klassen in die jüngere Vergangenheit ein. Die Stasi saß auch gestern wieder in dem Büro in der ersten Etage, gleich neben dem Sitz der SED-Kreisleitung. Mit beiden Institutionen sowie einer aufmüpfigen Jugendband unter dem Dach der Kirche wurde im Arnstädter Gymnasium die DDR nachgespielt. Eine Projektwoche auf der Suche danach, wie es wirklich war.

Was ihre Eltern von der DDR so erzählen, will Jörg Kaps von den Schülern wissen. Sie antworten schnell: Dass man nicht reisen konnte und dass es vieles nicht gab. Und dass die Notendurchschnitte besser waren, weil die Lehrer im Wettbewerb standen. Ihre Mutter, erzählt eine Schülerin, sei sogar für eine Freundin, die schlechtere Leistungen hatte, in deren Prüfung gegangen. Mit Billigung der Lehrer. Hauptsache, die Note würde besser.

Es verschwimmt vieles nach 20 Jahren. Die Versuchung, Geschichten statt Geschichte zu erzählen, ist menschlich. Der Zeitzeuge, sagt man, sei der Feind des Historikers. Deshalb ist wohl die Zeit der historischen Aufarbeitung der DDR noch fern. Wir leben noch in der Epoche der Zeitzeugen.

Besonders für jene ist das schwer, die kein eigenes Erinnern an die DDR haben können. Und so gebührt der Initiative, der DDR über ein Planspiel näher zu kommen, Hochachtung. Jörg Kaps von der Stadtjugendpflege hat den Kontakt hergestellt, über den Jugendförderplan wird das Geld bereit gestellt. In dieser Woche saßen nun insgesamt vier zehnte Klassen des Arnstädter Gymnasiums je einen Tag in Gruppen zusammen und spielten Stasi, SED und eine Jugendband.

Die Idee dazu kommt aus der Berliner Gedenkstätte in der Normannenstraße, dem ehemaligen Stasi-Hauptsitz, und wird von der FU Berlin unterstützt. Das Grundgerüst: Es gibt eine aufmüpfige Band unter dem Dach der Kirche, die von Stasi und SED kaltgestellt werden soll. Dabei sind natürlich Fragen zu klären: Wer hatte eigentlich die wahre Macht damals, Stasi oder SED? Und welche Chance hatten Oppositionelle? Und ganz nebenbei auch: Wie war das denn damals wirklich?

Wahrscheinlich haben sich viele Schüler noch nie so intensiv mit der DDR beschäftigt wie während des Planspiels und danach. Und in manchem Elternhaus dürften Fragen gestellt worden sein, die Eltern in ähnliche Schwierigkeiten bringen wie jene eines Kleinkinds nach der Herkunft der Babys. Zweifelsohne ein Gewinn für alle Beteiligten, wenn sie sich der Tatsache bewusst werden, dass nur ein Modell behandelt wurde, das keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann. Die SED damals wollte immer Recht haben. Man sollte auch heute bei jedem, der das möchte, seine Skepsis bewahren.

Doch es war nicht nur Vergangenheitsbewältigung. Jene Schüler, die in die Rolle der Funktionäre schlüpften, haben erfahren, wie schwer es ist, menschlich zu bleiben. Was darf man anderen Menschen an Unrecht antun, wenn man sich selbst als Anwalt einer gerechten Sache fühlt?

Es gibt keine direkte Verbindung von Hohenschönhausen nach Guantanamo. Aber es gibt gemeinsame Wurzeln, die schon sehr alt sind. Und die wuchern noch immer tief.

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