Bach-Advent: Im Takt der Seele

Es war schon der dritte Bach-Advent in Arnstadt. Aber noch immer  fragen Leute, die nicht dabei waren, was das eigentlich sei, dieser Bach-Advent. Eine allgemein gültige Antwort gibt es wohl nicht, den jeder erlebt ihn anders. Für mich ist es die beste aller Möglichkeiten, sich auf die die Adventszeit einzustimmen. Und einer Stadt, die sonst nicht so genau weiß, was sie von sich halten soll, ihre Möglichkeiten aufzuzeigen.

Am Samstag nach 18 Uhr hat sich der Arnstädter Markt mit fröhlichen Menschen gefüllt. Eben sang noch der Chor vom Rathaus-Balkon Weihnachtslieder, jetzt erklingt Bachs „Bist du bei mir, geh ich mit Freuden“, der „Sound-Track“ zu den Noten-Bommeln, die hinter dem Bach-Denkmal an Seilen zwischen den Bäumen hängen. Gleich werden die „Feuerfünkchen“ aus Jena ihre Feuershow beginnen, die so gar nichts zu tun hat mit den bekannten Feuerspucker-Darbietungen, die man sonst von Volksfesten kennt. Anschließend strömen die Leute dann wieder in die umliegenden Häuser und Höfe, die in dieser Zahl noch nie um den Markt herum geöffnet hatten. Schon ab 19.15 Uhr formiert sich eine disziplinierte Schlange für das Konzert „Bachkirche unplugged“ um 20 Uhr. Sie reicht am Ende nicht nur bis zum Rathaus, sondern schlängelt sich an ihm entlang bis zur Galerie am Markt. Aber alle sind guter Dinge, auch die, die keine Karten mehr bekommen haben. Man kann sich ja die Videoübertragung ansehen draußen, sogar mit Glühwein. „Sowas Schönes hab ich in Arnstadt noch nie erlebt wie diesen Bach-Advent“, sagt eine Frau, mit der ich mal in die Grundschule gegangen bin. Sie ruft mich extra deswegen am Sonntag an, obwohl wir sonst kaum Kontakt haben. „Ich musste das einfach jemandem erzählen“.

Bach-Advent macht jedes Mal ein schlechtes Gewissen. Man nimmt sich viel vor für dieses Wochenende, schafft aber dann doch nicht alles.  Über das sonst nicht gerade höhepunktverwöhnte Arnstadt bricht eine Überdosis an Höhepunkten herein, die eigentlich für viele Wochenenden reichen würde. Und so habe auch ich nur einen kleinen Ausschnitt dessen mitbekommen, was sehens- und hörenswert  gewesen wäre. Aber man sollte sich wirklich nicht vom Programm hetzen lassen, sondern dem Takt der Seele folgen. Sich  treiben lassen in den offenen Höfen und Häusern, deren Zahl erneut gestiegen ist. Und vor allem um den Markt herum. Der ist in diesem Jahr zu einem echten Mittelpunkt des Bach-Advents geworden. In früheren Jahren ging man nur über den Markt, wenn man zu den Veranstaltungsstätten wollte. Das hat sich geändert, dank der Anlieger, der Programmplanung, des Info-Stands und der Bommeln.

Ach ja, die Bommeln. Am Anfang war die Frage:  Was kann man den Arnstädtern an Straßenkunst zumuten? Aber eigentlich war sie schon im vergangenen Jahr durch die bestrickten Poller beantwortet worden. Und so konnten sich die Veranstalter am Ende vor Bommeln kaum retten. Sie wurden nicht nur zu Noten, sondern auch zum dekorativen Baumschmuck. Das wichtigste aber: Die Aktion hat gezeigt, dass Arnstadt hinter dem  Bach-Advent steht. Jede abgegebene Bommel war auch ein Lob für das Gesamtkonzept: Wir vertrauen Euch, macht weiter so. Auch wenn wir noch nicht genau wissen, was.

Aus diesem Grunde dürfte auch die Zahl der beteiligten Häuser und Höfe gestiegen sein. Und alle orientierten sich an der hohen Messlatte vergangener Jahre. Was mich umgehauen hat: Mit welcher Sorgfalt und Liebe die Häuser und Höfe gestaltet waren und wie geschmackvoll die Ergebnisse präsentiert wurden. Da schlummert ein Potenzial in dieser Stadt, das sich erst ganz vorsichtig zeigt. Man muss sorgsam damit umgehen.

Höhepunkt war zweifelsohne wieder das Konzert „Für Paula“ in der Bachkirche. Die Karten hatten sich praktisch von allein verkauft, ohne jegliche Werbung. Wie der gesamte Bach-Advent ist auch die Faszination dieses Konzerts schwer zu erklären. Da spielen und singen über 4 Dutzend Mitglieder Thüringer Bands in einer Kirche bekannte Rock- und Pop-Titel für ein Mädchen, das 2010 bei einem Autounfall ums Leben kam. Es sind tolle Stücke darunter und tolle Arrangements, aber wieso interessieren sich dafür 1000 Leute in und vor der Kirche?

Es ist wohl die Grundidee, die an den Herzen rührt. Paulas Schicksal und das ihrer Familie und Freunde wird jedes Jahr öffentlich gemacht, und das in der Zeit zwischen Totensonntag und Weihnachten.  Es ist eine für viele Menschen ungewohnte Art  zu trauern, die aber allen gut tut: Sie schweißt die Lebenden zusammen. Und so hat die Atmosphäre etwas von der eines  großen Gospel-Gottesdienstes. Ein Gewinn für  die Stadt  und die Kirchgemeinde, die nach den ersten beiden Konzerten wohl nicht so richtig wusste, wie sie mit diesem Erfolg umgehen sollte. Dass diesmal Kirchenmusikdirektor Gottfried  Preller persönlich Bachs „Toccata und Fuge d-Moll“ zum Beginn auf der Orgel intonierte, lässt auf eine hoffentlich stabile Partnerschaft für weitere Konzerte hoffen.

Auch beim dritten Konzert mit dem gleichen Musikerstamm wurde nichts langweilig. Dafür sorgten nicht nur neue Gesichter und Stimmen wie die der beiden Mädels von „junge, junge“, denen ich noch stundenlang hätte zuhören können. Es war auch die Titelauswahl mit einigen Experimenten, die man in dieser Liga kaum vermutet hätte: „Stairway To Heaven“ von Led Zeppelin zum Beispiel. Das muss man sich erst einmal trauen.  Und es gelang.

Das kann man wohl, auch wenn das Angebot wieder viel zu umfangreich war, vom gesamten Bach-Advent sagen. Anderes war jedenfalls von den Besuchern nicht zu hören. Das kleine, ehrenamtliche Team vom Stadtkern-Verein hat wiederum gezeigt, wozu die Arnstädter in der Lage sind, wenn man ihnen eine gute Vorlage und die Gelegenheit gibt, sich daran kreativ zu beteiligen. Denn eigentlich ist der Bach-Advent ein großes Bürger-Fest. Und das macht Hoffnung. Auch für Zeiten außerhalb des Advents.

3 Gedanken zu „Bach-Advent: Im Takt der Seele“

  1. Liebe Petra,

    Du hast es genau getroffen: Auch wir vom Stadtkern e.V., die vor lauter Rennerei und Organisationsstress kaum Zeit haben zu lauschen, sind zutiefst berührt von der Stimmung und der Resonnanz der Arnstädter. Es ist schön, in einer solchen Stadt zu wohnen und hier mitzuwirken. Schauen wir nach vorne.

    Liebe Grüsse

    Christoph Hodgson

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