Der zehnte Bachadvent

Man kann sich kaum noch erinnern, dass es einmal anders war: Am ersten Advent ist Arnstädter Bachadvent. In diesem Jahr schon zum zehnten Mal. Die meisten fanden es wieder schön, ich auch. Aber die Veranstaltung wird immer größer. Und darauf muss man reagieren.

Bachadvent ist, wenn man von der Bach-Schule durch das Steinerne Haus zum Pfarrhof und dann durch die Oberkirche bis zur Neuen Gasse gehen kann. Bachadvent ist, wenn man eigentlich nur mal gucken wollte und plötzlich ein Kunsterlebnis hat, das noch lange nachwirkt. Und Bachadvent sind die Leute, die miteinander ins Gespräch kommen. Die Besucher untereinander oder mit den Besitzern, die ihre Häuser und Höfe und Höfe liebevoll dekoriert und für dieses Wochenende geöffnet haben.

„Maschinenwesen“ auf dem Markt

Das alles hat auch diesmal wieder bestens funktioniert, manches Detail sogar besser als in den Jahren zuvor. Ich fand es wunderbar, dass vor der ehemaligen Schokoladenfabrik in der Kirchgasse feine Pralinen und in der ehemaligen Handschuhfabrik am Pfarrhof feine Handschuhe verkauft wurden. Die aus Fahrradteilen zusammengebauten Maschinenwesen waren mit den Klangtüren auf dem Markt eine echte Bereicherung der Streetart-Abteilung, es waren mehr Straßenmusiker unterwegs und sogar auf dem Bachdenkmal wurde musiziert.

Wunderbar adventlich: Die Krippenausstellung am Markt 10

Bei solchen Erlebnissen blitzt auf, was den Bachadvent so einmalig macht: Hingehen und nicht wissen, wie der Besuch ausgeht. Aber wissen, dass es immer toll wird. Natürlich gibt es Fixpunkte wie die „Unplugged“-Konzerte am Samstag in der Bachkirche oder die Show der Feuerfünkchen auf dem Markt, aber an sich will man sich lieber treiben lassen, der restliche Advent wird noch hektisch genug. Wir zum Beispiel haben irgendwann beschlossen, uns die „Unplugged“-Show lieber im Sommer auf dem Neideck-Gelände anzusehen: Bachadvent und Schlangestehen passt für mich irgendwie nicht so richtig zusammen.

Unsere musikalischen Favoriten: „The Two Romans“

Genau das aber könnte langsam zu einem echten Problem werden. Denn der Bachadvent ist  mittlerweile zu beliebt geworden. Am Samstagabend, als die erste Bachkirchenrunde von „Unplugged“ schon vorbei war und die zweite noch nicht begonnen hatte, konnte man zwischen Bach-Schule, Pfarrhof und Markt kaum noch treten. „Da hätte ich auch auf den Erfurter Weihnachtsmarkt gehen können“, sagte eine etwas enttäuscht wirkende  Frau. Ich habe ihr die Zimmerstraße, die Weiße, das Ried oder das Schlossmuseum empfohlen, dort war es auch um diese Zeit noch recht gemütlich. Von allein wäre sie wohl nicht draufgekommen, denn leider waren die Programmhefte nicht rechtzeitig fertig geworden. Und die App fürs Handy ist auch nicht jedermanns Sache.

Wenn ein Kind zehn Jahre alt ist, muss es alle Nasen lang den blöden Satz hören: Du bist aber groß geworden. Genau so geht es nun dem Bachadvent. Leider ist mit seinem Wachstum nicht auch die Zahl der Menschen größer geworden, die ihn vorbereiten. Natürlich sind da die vielen fleißigen Helfer in den Häusern und Höfen, aber ums Rahmenprogramm und die Organisation kümmern sich nur ein paar Mitglieder des Vereins „Stadtkern“ um  Christoph Hodgson und Rainer Pense. Es ist eigentlich ein Wunder, dass (außer bei den Programmheften) so gut wie alles geklappt hat und mit dem Weihnachtskonzert von Jethro Tull am Freitag sogar noch ein echter Höhepunkt organisiert werden konnte, der weit über die Stadt ausgestrahlt hat.

Aber gerade das Jethro-Tull-Konzert offenbart für mich zugleich ein Problem des Bachadvents: Er muss sich entscheiden, in welche Richtung er sich entwickeln will. Noch mehr solche „Mega-Konzerte“? Oder lieber wieder etwas abrüsten?

Dass er sich entwickeln muss, steht außer Frage, denn seit dem Wochenende ist klar: Das „Unplugged“-Konzert, bisher immer eines der Herzstücke des Wochenendes, wird im kommenden Jahr zum letzten Mal zum Bachadvent stattfinden. Das Verhältnis zwischen dem Stadtkern-Verein und den Unplugged-Organisatoren war schon in der Vergangenheit nicht unproblematisch, aber in diesem Jahr besonders angespannt. Zunächst wegen dem Jethro-Tull-Konzert am Freitag, das die Vorbereitungszeit für die zwei ausverkauften Samstags-Veranstaltungen ziemlich zusammenstutzte – und dann wegen des Verbots der üblichen Außenübertragung der abendlichen „Unplugged“-Show vor die Bachkirche. Egal, ob man das alles anders hätte lösen können: „Unplugged“ wird es ab 2021 nicht mehr zum Bachadvent geben.

Ich halte das weniger für eine Katastrophe als eine Chance. Denn das „Unplugged“-Konzert wurde 2010 auch als Kernstück des Bachadvents erfunden, weil dieser als unbekanntes Event einen Halt brauchte. Zehn Jahre später sind beide Veranstaltungen so gewachsen, dass sie sich eher im Wege stehen. Und wenn „Unplugged“ künftig am zweiten Adventswochenende in der Bachkirche stattfände, würden viele der Fans auch hingehen. Ich fände es sogar noch besser. Da verpasst man nicht so viel vom Bachadvent.

Die leere Oberkirche am Samstag Nachmittag

Es gibt noch eine Baustelle des Bachadvents, über die man reden muss: der Kunst- und Handwerkermarkt in der Oberkirche. Er ist älter als der Bachadvent, konnte aber in den vergangenen Jahren nicht oder nur sehr zusammengeschrumpft stattfinden, weil die Oberkirche saniert wurde. In diesem Jahr hätte er eigentlich wieder stattfinden können, aber die Kirchgemeinde wollte wohl nicht so recht. Und so war auf dem eingangs beschriebenen schönen Weg von der Bach-Schule durch die Häuser bis zur neuen Gasse eine echte Leerstelle: die toll sanierte Oberkirche. Aus meiner Sicht eine vertane Chance, den angereisten Gästen und auch den Arnstädtern diese wieder erstandene Perle nahezubringen. Eine angemessenere Nutzungsmöglichkeit als den Kunst- und Handwerkermarkt ist meines Wissens bisher noch niemandem für die Oberkirche eingefallen.

Der Bachadvent steht nach der zehnten Auflage vor einigen wichtigen Entscheidungen. Zum Beispiel auch, wie lange er eigentlich dauert. Der diesjährige, durch das Jethro-Tull-Konzert bedingte Vorzug der Eröffnung auf den Donnerstag hat sich sicher nicht bewährt. Überhaupt sollte man die Frage stellen, ob solche Veranstaltungen wie der Bachadvent oder das Stadtfest überhaupt eine Eröffnung brauchen. Eigentlich sind solche Termine nur für die Veranstalter wichtig. Die anderen gehen einfach hin, wenn offen ist.

Mein Vorschlag wäre, den Freitagabend unbedingt aufzuwerten, indem noch mehr Höfe öffnen. Dafür könnte man am Samstag etwas später anfangen (wer mag) und am Sonntag nur noch zum Ausklang die Sache auf kleiner Flamme kochen lassen. Einen Abschluss braucht es eigentlich auch nicht. Schon gar nicht mit Heavy Metal. Aber das ist sicher Geschmackssache.

Nach einem Nachfolge-Event für die Bachkirche würde ich übrigens nicht suchen. Ich habe schon 2010, als noch um den künftigen Charakter der „Bach:Weihnacht“  ging, geschrieben: „In der Bachkirche würde mir übrigens ein übender Orgelspieler völlig als Programm genügen. Ich habe es schon oft an Nachmittagen vor Abendkonzerten dort so erlebt, es ist die Bach-Atmosphäre, die ich mir für diese karge Kirche wünsche“. Die Bachkirche könnte ein echter Ruhepol im Bachadvent werden. Und vor allem könnte sie die ganze Zeit offen sein. Auch das hatten wir in den zehn Jahren noch nie.

Schön wäre, wenn auch für Oberkirche und Liebfrauenkirche Formen gefunden werden könnten, die sie noch sinnvoller in den Bachadvent einbeziehen. Der Kunstmarkt ist schon eine sehr gute Idee, allerdings sollte man ihn nicht nur an einem Tag machen. In der Liebfrauenkirche habe ich am Samstag eine Probe zu einer Aufführung von „Sister Act“ gesehen, das passte so mittel zu der Kirche. Irgendwie hat sie noch nicht wieder ihre richtige Bestimmung gefunden.

Die Frage der Nutzung aller drei Kirchen halte ich nicht nur deshalb für sehr wichtig, um die Veranstaltung zu „entzerren“. Sondern das „Kirchendreieck“ der völlig unterschiedlichen Geschwister ist ein Alleinstellungsmerkmal Arnstadts, das noch viel zu wenig genutzt wird (Jörg Reddin hat mit seinen „Wandelkonzerten“ dabei schon gute Arbeit geleistet).

Es wird also einiges zu besprechen sein nach diesem Bachadvent. Aber vorher sollte erst einmal Zeit sein zum Bedanken. Bei Christoph Hodgson, Rainer Pense, dem ganzen Stadtkern-Verein, den vielen Haus- und Hofbesitzern samt ihren Helfern. Aber da es ein Jubiläum ist, sollte man auch an Judith Rüber denken, die 2009 die Idee, im Advent etwas Schönes mit Häusern und Kirchen in Arnstadt zu machen, erfunden hat. Und an Ilka Langenhan, die damals noch Siegmund hieß und den Bach-Advent einschließlich „Unplugged“ damals so richtig auf die Schiene gesetzt hat.

DANKE!!!!!

Der Bachadvent ist etwas einmaliges. Er wurde von Leuten aus dieser Stadt ohne viel Unterstützung aus der Administration zu dem gemacht, was er heute ist. Wir sollten ihn uns bewahren. Jetzt, wo er so groß geworden ist, wäre ein bisschen mehr administrative Unterstützung eigentlich auch nicht schlecht.

Ich jedenfalls freue mich schon auf den nächsten Bachadvent.

3 Gedanken zu „Der zehnte Bachadvent“

  1. Hallo Herr Pfeiffer… eine Anmerkung möchte ich anfügen : die nun wieder ein Stück weiter sanierte Oberkirche mit ihren Kunstwerken ist für mich ein echter ‚Hingucker‘ und lohnt neu entdeckt zu werden …. und besonders in der Vorweihnachtszeit gehören aus meiner Sicht auch ruhigere Aufenthalts- und Entdeckungsorte zu einem stimmigen Gesamtkonzept

  2. Ich bin auch für ruhige Orte, siehe mein Vorschlag zur Bachkirche. Aber ich fände es schade, wenn es den Kunst-und Handwerkermarkt nicht mehr gäbe. Und ich finde, er passt zur Oberkirche. Aber natürlich kann man das auch anders sehen.

  3. Danke, Herr Pfeiffer, für diesen sehr schönen Rückblick. Ich würde nur hinzufügen, dass der Bach-Advent schon ein hochkarätiges Bach-Konzert braucht, und das schon auch in einer der Kirchen. Mit dem Konzert des Thüringer Bach Collegiums am Donnerstag war ein Anfang gemacht, aber der Termin ist unglücklich, es sollte schon am Samstag sein, und auch in einer der Kirchen.
    Ich erinnere mich noch an einen, der schrieb: Wo Bach drauf steht, sollte auch Bach drin sein.

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