Bäume pflanzen, Bäume abhaun

Das Verhältnis des Menschen zu seinem angeblichen Freund, dem Baum, ist schon immer schizophren gewesen. Wohl auch, weil der Baum im Gegensatz zum Menschen mehrere Leben hat. Allerdings ist es selten, dass sich Menschen wegen 15 Bäumen so zerstreiten wie gegenwärtig in Arnstadt.

Früher waren eigentlich überall Bäume. Davon künden Ortsnamen, die auf „-roda“ enden oder gleich auf „-wald“. Wobei „Frauenwald“ wohl gar nicht von Damen gerodet wurde, sondern einer Sage nach von Graf Poppo von Henneberg, was erklären würde, warum ziemlich vielen Leuten die gegenwärtigen Arnstädter Baum-Debatten ziemlich auf den Geist oder wenigstens am Allerwertesten vorbei gehen.

Später packte die Menschen, nachdem sie alles Grüne mit der Wurzel ausgerottet und auf der freien Fläche ihre Behausungen und Felder errichtet hatten, die Reue und sie pflanzten in der Mitte ihrer Siedlungen einen Baum, meist eine Linde, die man umtanzen, hegen, pflegen und verehren konnte, als wäre sie heilig oder sogar Menschen. Manchmal waren es auch mehrere wie auf dem Arnstädter Markt. Einige Jahrhunderte später bekam diese Spezies selektiver Grünanbeter im Westen des Landes von der dunkelstimmigen Sängerin Alexandra sogar eine eigene Hymne geschenkt: „Mein Freund, der Baum“. Im Osten zog später die Gruppe 4 PS mit „Vor unserem Hause“ nach. Das Baumumarmen war also schon vor der Wende ein gesamtdeutsches Kulturgut.

Ich bin eher Fraktion Puhdys. Musikalisch nicht so sehr, und es hat auch nichts mit dem Ohrwurm  „Alt wie ein Baum“ zu tun. Denn die Frage, wie alt so ein Baum werden kann oder soll, ist „umstritten“, würde jeder als umstritten geltende Schlagzeilenmacher sagen.  Während ich marktlindenmäßig mit 130 schon echt zufrieden wäre, werden Mitbürger, die als Riesenschildkröte gelesen werden möchten, bei dieser Aussicht nur müde lächeln. Bäume können viel, viel älter werden, weiß jeder Arnstädter Hobby-Baumgutachter. Davon gibt es nach einem Dutzend Jahren im Marktlinden-Vakuum mehr als Borkenkäfer im Thüringer Wald. Jedes Mal, wenn irgendwo bei einer Diskussionsrunde ein gelernter Baum-Fachmann auftritt, steht hinterher ein Arnstädter auf und erklärt, dass in Wirklichkeit alles ganz anders ist. Weibliche Hobby-Baumgutachter sind ausdrücklich mitgemeint.

Aber warum bin ich denn nun im Team Puhdys?

Meines Vaters wegen. Mit dem streifte ich oft durch den Wald, er zeigte mir, wie man Bäume an Laub und Rinde erkennt und welche Vögel welche Bäume lieben. Genau so oft aber durfte ich ihm an seiner Hobelbank zuschauen, wenn er aus dem Holz abgeschlagener Bäume wunderbare Dinge zauberte. Ich lernte den Duft frischen Schnittholzes lieben und begriff, dass ein Baum mehrere Leben hat. Nachwachsender Rohstoff nannte man das früher, als Bäume noch nicht heilig waren. Wir alle leben in unseren Wohnungen inmitten von Bäumen, die irgendjemand umgebracht hat. 

Und da kommen die Puhdys mit ihren wunderbaren Textzeilen aus „Wenn ein Mensch lebt“ ins Spiel:

Jegliches hat seine Zeit
Steine sammeln, Steine zestreun
Bäume pflanzen, Bäume abhaun
leben und sterben und Streit.

Sie stammen von dem großen Ulrich Plenzdorf, der sie in der Bibel gefunden und für Paul und Paula ein wenig abgewandelt hat. Was uns der weise Textdichter allerdings nicht sagt: Was denn nun gerade in Arnstadt auf dem Markt seine Zeit hat, das Bäume pflanzen oder das Abhauen. Ich fürchte: keines von beiden. 

Gerade rüsten die „Schattenspender“ für eine weitere Aktion auf. Sie sammeln Geld für ein neues Gerichtsverfahren, das zum Ziel hat, die Baumfällung doch noch zu verbieten.

Wenn das klappen sollte, wäre vorerst Sense mit der ganzen Marktsanierung. Das einzige jegliche, das nach Plenzdorf in Arnstadt gerade seine Zeit hätte, wäre: anhaltender Streit.

Vor drei Jahren habe ich mir auch gewünscht, dass der Markt noch ein paar Jahre so bliebe wie er ist. Mittlerweile denke ich: Gebt denen, die die Umgestaltung wollen und dafür Mehrheiten gefunden haben, ihre Chance. Vielleicht wird es ja  gut. Und wenn es in die Hose geht, haben wir wenigstens was zu nölen, das macht der Arnstädter ohnehin am liebsten.

Ich kann alle verstehen, die angesichts der Lage gerade erwägen, in die Tischkante zu beißen. Die besteht übrigens in den meisten Fällen aus einem Baum, den irgendwann jemand gefällt  hat. Auch bei jenen aus dem Team Alexandra.

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