Ich weiß nicht viel über die Magnolie am Schlossplatz und darüber, wie die Stadt und die Investoren mit ihr und miteinander umgegangen sind. Aber es ist genug, um sagen zu können: Leute, das war nix. Wie Ihr mit dem Baum und der Bürgermeinung umgegangen seid, ist eine Schande.
Es scheint, als wäre sie für viele schon immer dagewesen. In der „Thüringer Allgemeinen“ ist wiederholt von einer „hundertjährigen Magnolie“ die Rede – was wohl um etwa 70 Jahre zu hoch gegriffen ist. Stadtrat Sebastian Köhler jedenfalls erinnert sich in einem Kommentar auf Facebook daran, als Schulkind „das Areal noch bebaut erlebt zu haben“. Er schreibt weiter: „Da ich jünger als hundert bin, würde ich mich interessieren, wann die Magnolie eigentlich gepflanzt wurde.“ Mich auch. Thomas Monhart schreibt – ebenfalls auf Facebook – im Film vom ersten Stadtfest sei die Magnolie „in klein zu sehen“. Beides bestärkt meine Ansicht, dass ungefähr bis 1987 dort, wo jetzt die Magnolie der Welt entrissen wurde, das alte Betriebsgebäude von „Waagen-Brömel“ stand.
Aber wer hat offenbar nicht lange nach dem Abriss dort eine Magnolie hingepflanzt? Wem hat die Fläche überhaupt damals gehört? War es schon die Firma Stabernack, die maßgeblich an der Rettung der „Wellpappe“ beteiligt gewesen war und heute als „Investor“ genannt wird? Oder hat einfach irgendjemand gemeint, dass auf der Ecke etwas fehlte, obwohl sie ihm gar nicht gehörte?
Alldas sind Fragen, die ich nicht beantworten kann. Vielleicht weiß der eine oder andere Leser etwas mehr darüber.
Jedenfalls stand die Magnolie all die Nachwendejahre dort und erfreute die Arnstädter zu ihrer Blütezeit. Aber nicht nur dann – und nicht nur mit Blüten. Manchmal mit Ostereiern, manchmal sogar mit Weihnachtsschmuck, jeweils weit über die übliche Zeit hinaus. Wer waren die edlen Schmücker? Jene, die sie gepflanzt haben? Einfach freundliche Menschen? Ich erinnere mich dunkel, dazu mal etwas gelesen oder gehört haben. Aber es ist weg, ungreifbar. So wie die Magnolie.
Ungreifbar ist ein gutes Wort für diese Pflanze. Vielleicht stand sie nicht einmal in einem Baumkataster, weil sie niemandem gehörte. Aber sie machte all die Jahre über gute Laune, wenn man über den Schlossplatz ging. Und es gab viele Gründe, am Schlossplatz schlechte Laune zu bekommen. Das Museum wurde ewig nicht fertig, das wunderbare Gymnasium durfte keines mehr sein, der Schwerlastverkehr donnert nach wie vor dort um die Ecke. Gut, dass wenigstens die Magnolie verlässlich jedes Jahr blühte.
Als vor einigen Jahren klar wurde, dass wieder gebaut werden würde am Schlossplatz, spielte die Magnolie zunächst keine Rolle. Vielleicht könnte sie ja stehenbleiben und der Bauherr würde sich etwas einfallen lassen. Schließlich war es eine Firma, die sich schon am Wasserturm oder am Wacholderbaum einiges hatte einfallen lassen, um Arnstadts Charakter zu bewahren. Dann aber beschäftigte sich im März 2024 der Bauausschuss mit dem Projekt, die TA berichtete und zeigte eine Zeichnung, wie es dort aussehen könnte:

Eine Magnolie war darauf nicht zu sehen.
Da kamen Fragen auf. Was denn aus dem Baum würde, ob er wirklich verschwinden müsse und ob das, was da hingebaut werden solle, der Weisheit letzter Schluss sei. Letztere Frage wurde zwar in der Bürgerschaft ziemlich laut gestellt, aber nie ausdiskutiert. Es überwog wohl die in der DDR geprägte Resignationsmeinung: Die Genossen werden sich schon etwas dabei gedacht haben. Diese Meinung entsprach sowohl in der DDR als auch später in Arnstadt nur sehr bedingt der Wahrheit.
Anders lief die Sache mit der Magnolie. Deren Rettung erreichte irgendwie die Stadtratsebene, wie genau, kann ich nicht sagen. Es soll sogar einen richtigen Stadtratsbeschluss zur Umsetzung der Magnolie in den Schlossgarten gegeben haben, aber den habe ich im Recherchesystem der Stadtverwaltung nicht gefunden. Doch dafür folgenden Protokollauszug einer Stadtratssitzung von 2024:
Da steht eigentlich alles drin. Der Bürgermeister hat alles bedacht und die Verwaltung setzt es um. Damit war es nicht mehr irgendeine Magnolie, um die es ging, sondern die Magnolie des Bürgermeisters.
Nur war es nicht seine. Die Besitzverhältnisse um die Wende herum mögen im Dunkeln liegen, 2024 waren sie klar: Alles gehörte den Investoren. Auch die Magnolie. Wenn der Bürgermeister versprach, die Magnolie umzusetzen, war das so, als würde Donald Trump den Grönländern sagen wollen, wo es langgehen solle. Naja, das ist vielleicht nicht der treffendste Vergleich, aber über das Schicksal der Magnolie durfte die Stadt schon damals nicht allein, sondern nur im Einvernehmen mit den Investoren reden und handeln. Es hätte also Gespräche geben müssen, wie die Magnolie wann am besten wohin versetzt werden könnte. Und am Ende eine Vereinbarung, die alles rechtssicher in die richtige Form bringt. Und das alles möglichst öffentlichkeitswirksam. Auch, wenn Gründe aufgetaucht wären, die einer Rettung im Wege stehen.
Von Gesprächen oder gar Vereinbarungen zwischen Stadt und Investoren über die Magnolie aus den vergangenen Jahren ist nichts bekannt. Nur eines scheint gewiss: Es gab schon zu dem Zeitpunkt, als Bürgermeister Spilling sich im Stadtrat für die Magnolie aus dem Fenster lehnte, eine Abholzgenehmigung für den Baum. Wobei, ganz sicher bin ich mir da nicht, ob sie damals wirklich schon vorlag. Aber es ist die Variante, bei der alle Beteiligten noch am besten wegkommen. Der andere Fall ist nahezu undenkbar: Der Investor hätte die Abholzgenehmigung erst beantragt, nachdem sich der Bürgermeister für die Magnolie eingesetzt hat. Das wäre ein echter Affront. Und wenn ein Mitarbeiter der Stadt Arnstadt diese Abholzgenehmigung auch noch nach dem Bekenntnis seines Bürgermeisters zum Baum unterschrieben hätte, wäre das dreist bis unerträglich.
Egal, wie es war: Es gab schon lange eine Abholzgenehmigung für die Magnolie. Falls nicht noch gegenteilige Dokumente präsentiert werden können, gab es aber keinen ernsthaften Versuch zwischen Stadtverwaltung und Investor, sie irgendwie zu retten. Der Investor brauchte das nicht, er hatte ja eine Abholzgenehmigung. Und der Stadtverwaltung war es offenbar egal, was der Bürgermeister irgendwann mal im Stadtrat versprochen hatte.
So gab es am Schluss nur ein paar Nebelkerzen aus dem Rathaus, die suggerieren sollten, man habe ja doch etwas zur Rettung unternommen. In Wahrheit hat der Investor die Magnolie einfach beseitigt. Ganz legal. Mit Abholzgenehmigung.
Und jedem Arnstädter wird spätestens an dieser Stelle klar, dass es im Rathaus und anderswo einflussreiche Menschen gibt, denen solche Sachen wie die mit der schönen Magnolie scheißegal sind. Und dass der Bürgermeister seinen Laden nicht im Griff hat.
