Der Elefant im Raum

Der Bismarckbrunnen 2013 probeweise auf dem Markt.

Wenn um das Schicksal der Arnstädter Marktlinden gestritten wird, geht es immer auch um den Bismarckbrunnen. Das war 2009 so und ist es heute. Auch, wenn das Thema offiziell  ausgeklammert wird, in den gegensätzlichen  Petitionen, die man im Netz unterschreiben kann, wird der Brunnen mit keinem Wort erwähnt. Dafür reden in Arnstadt fast alle drüber.

Man kann im Internet zwei Petitionen zu den Linden auf dem Arnstädter Marktplatz unterschreiben, eine dafür und eine dagegen. Die Unterschriften sind für die Unterzeichnenden und den Gegenstand der Petition folgenlos, solche Petitionen dienen nur dazu, Stimmungsbilder wiederzugeben.  Da im Netz heftig um die geplante Marktsanierung gestritten wird, könnte man erwarten, dass sich sehr viele Arnstädter für die eine oder die andere Variante engagieren. Machen sie aber nicht. Die von beiden Seiten verbreitete Behauptung, für eine große Mehrheit der Bevölkerung zu sprechen, ist einfach nicht wahr.

Die ältere der beiden Petitionen zählt Ende Mai 2026 etwa 2600 Unterschriften, die deutlich jüngere um die 1500. Selbst wenn alle geleisteten Unterschriften von Arnstädtern stammen würden (was nicht der Fall ist), hätten sich bisher lediglich knapp 15 Prozent der Einwohner an der Abstimmung beteiligt. Die anderen 85 Prozent stehen schulterzuckend am Spielfeldrand.

Dafür kann es viele Gründe geben. Aber ich bin überzeugt: ein wichtiger ist der Bismarckbrunnen.

Er ist der Elefant im Raum, sein Name wird in keiner der beiden Petitionen erwähnt, aber er fällt in so gut wie jeder mündlichen Debatte, die sich um die Marktsanierung dreht.

Die Aufstellung des Brunnens an der Spitze des Marktes ist Teil des städtischen Sanierungskonzepts. Es ist allen Beteiligten klar: Die geplante Marktsanierung mit viel Fördergeld vom Land ist vorläufig die letzte Chance, den Bismarckbrunnen funktionstüchtig auf dem Markt aufzustellen. Ohne Fördermittel ist das von Arnstadt nicht zu stemmen. Und das Gerichtsverfahren gegen die Fällung der Marktlinden  ist wahrscheinlich die letzte Chance, die Aufstellung des Bismarckbrunnens auf dem Markt zu verhindern. Denn wenn der Prozess vor dem Verwaltungsgericht nicht wäre oder wider Erwarten zügig von der Stadt gewonnen würde, stünde der Brunnen in zwei Jahren etwa da, wo jetzt eine Litfaßsäule steht.

Das Schicksal des Bismarckbrunnens ist es, was vor Gericht verhandelt wird, ohne den Namen zu nennen. Er ist eine Art Voldemort, dessen Rückkehr  die einen fürchten und andere herbeisehnen. Oder vielleicht passt Sauron besser. In dessen Geschichte spielen ja auch Bäume mit, um die Welt vor dem Bösen zu retten. Dauert nur halt alles etwas länger, das ist eben so in Mordor und vor dem Verwaltungsgericht.

Mein Arnstadt-Kalender zeigt in diesem Monat, wo der Bismarckbrunnen einst stand (rechts).

Seit seiner Wiederentdeckung nach der Wende ist der Bismarckbrunnen ein Streitthema in Arnstadt. 1909 errichtet und etwa 1943 wieder verschwunden, war er seit seiner Einweihung viel länger weg, als er jemals da war. Deshalb kann er auch nicht wieder dorthin, wo er einst stand, da sind sich weitgehend alle einig. In seiner Abwesenheit hat der junge Bach 1985 die Dominanz auf dem Markt übernommen. Und der will nun mal auf seine Bachkirche gucken – und nicht auf den Brunnen.

Die Auseinandersetzung um den Brunnen hat sowohl ideologische als auch künstlerische Aspekte.  Kunst-Experten halten ihn für äußerst interessant und einmalig, es wird in Fachkreisen regelrecht herumjubiliert, was seinen Schöpfer Wrba und dessen Werk betrifft. Viele Arnstädter finden ihn hingegen einfach nur hässlich,  er wird schon mal als „Oktopus auf Speed“ beschimpft. Allerdings fanden viele Arnstädter 1985 auch das neue Bachdenkmal hässlich, obszön und abstoßend (obwohl sich heute keiner mehr daran erinnern will). Bei der Gewichtung von Schönheitsidealen sollte man nicht nur in Zusammenhang mit dem Arnstädter Markt also vorsichtig sein.

Die ideologische Auseinandersetzung um den Brunnen ist wohl am schwierigsten zu führen, weil ihr alle ausweichen. Im linken Lager nimmt man Bismarck bis heute übel, dass er 1878 die deutsche Sozialdemokratie verboten hat und hält überhaupt jede Eloge an ein Deutschland in den Grenzen des Kaiserreichs für Verrat an der Demokratie. Der Brunnen leistet aber genau das: zu zeigen, wie groß damals Deutschland war und heute nicht mehr ist. Die Befürworter des Brunnens geben kaum öffentlich zu, dass sie (auch) aus diesem Grund seine Wiederaufstellung an prominenter Stelle wünschen. Und das ist nun mal der Markt.

Darüber spricht niemand öffentlich, stattdessen werden Stellvertreter-Gefechte geführt: dass das Bachdenkmal und der Brunnen nicht zusammen auf den Markt passen,  dass man den Brunnen irgendwo einschließen sollte, damit er nicht von Buntmetall-Dieben heimgesucht wird – und dass es nur um die historischen Linden geht oder eben um eine Marktsanierung, die unbedingt jetzt erfolgen muss, weil die Fördermittel gerade da sind und die Versorgungsleitungen alle marode.

Aber eigentlich geht es immer um den Brunnen. Ich finde, er gehört zu Arnstadt, ist Teil der Stadtgeschichte, mit der man sich auseinandersetzen muss, gerade heute. Der Brunnen könnte ein Denkmal sein, das zum Nachdenken anregt, wenn man ihm und der Stadt die Chance dazu gibt. Aber dazu bedürfte es einer offenen Diskussion in der Stadtgesellschaft, die meiner Meinung nach nie richtig geführt wurde. Nicht nur über den Standort, aber auch.

Es gab Ansätze für solche Debatten, gerade im Stadtrat. Aber es gelang nie, sie vernünftig zu führen und abzuschließen. Als Negativbeispiel sei hier nur an die Bürgerbefragung von 2016 erinnert. Auf deren fragwürdiges Ergebnis bezieht sich die Stadt noch heute.

Vor diesem Hintergrund finde ich es nicht verwunderlich, dass sich die große Mehrheit der Arnstädter der Debatte um die geplante Marktsanierung entzieht.  Weder die Heiligsprechung aller Linden noch die angeblich bürgernahe und alle Probleme lösende, aber in Wahrheit von der Stadt autistisch geplante Baumaßnahme können die Massen begeistern. Zumal, wenn man auch noch einen alten und umstrittenen Brunnen dabei untergejubelt bekommt.

Auch ich habe keine der beiden Petitionen zum Arnstädter Markt unterschrieben. Ich würde nur eine unterschreiben, in der steht: Wenn schon der Markt saniert werden muss (obwohl es aus meiner Sicht andere Plätze nötiger haben), saniert ihn so schonend wie möglich, aber stellt den Bismarckbrunnen woanders hin. In den Hof des Schlossmuseums zum Beispiel oder auf den Platz der Versöhnung, wie Jan Kobel 2016 vorgeschlagen hat. Und lasst die Leute vorher mitreden, aber richtig. Vielleicht kann man ja beim Bürgerbudget schon mal ein bisschen üben.


Weitere Beiträge zum Thema Marktsanierung:
Bäume, Bach und Bismarck (2010)
Bürgerbefragung BIsmarckbrunnen (2016)
Platz da (2022)
Mein Markt – ein Abgesang (2023)
Schwierige Marktlage  (Oktober 2025)
Ruhige Marktdebatte (November 2025)
Der Markt und die Fernwärme (Januar 2026)
Entschieden (Januar 2026)
Bäume pflanzen, Bäume abhaun (Februar 2026)
Zwei Geschichten (Februar 2026)

2 Kommentare zu „Der Elefant im Raum“

  1. Ich danke dir für die Analyse zur Arnstädter Bau(m)posse aus einem ganz anderen Blickwinkel. Ich glaube zwar nicht, dass der Brunnen die Baumfreunde umtreibt, aber du bist ein Stückchen näher dran und kannst das besser einschätzen. Für mich ist es jedenfalls sehr spannend zu sehen, dass eins in Deutschland und speziell in Arnstadt immer noch sehr gut funktioniert – Dinge auf die lange Bank zu schieben. Sich jahrelang mit irgendwelchen Vorhaben zu beschäftigen, und dann irgendwann einen bescheidenen Kompromiss zu feiern wie einen großen Sieg. das ist leider in der Bundespolitik nicht anders als im Lokalen.

    Übrigens – der Hof des Schlossmuseums war schon immer mein Favorit für den Brunnen. Da gehört Geschichte in Arnstadt hin, wenn sie schon nicht mehr an den originalen Standort kann.

  2. Hallo in die Ferne,
    der Brunnen ist – neben der Fernwärme-Trasse – der Hauptgrund, warum man so tief buddeln muss auf dem Markt und damit das Wurzelgeflecht der Linden mindestens stark beeinträchtigt. Insofern hat beides schon miteinander zu tun. Aber ich glaube auch nicht, dass der Brunnen der Hauptgrund für die Klage ist. Das sind wohl auch nicht die Linden, sondern das sture Verhalten der Stadtverwaltung in der gesamten Planungsphase. Dieser „Uns stoppt keiner“-Haltung wurde mit der Klage ein für die Stadt völlig überraschendes „Doch“ entgegengesetzt.

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