Fünf Stunden Sex

Zum 50. Geburtstag von Sting

Mancher hat es nötig, dass man wenigstens zum 50. an seine lange zurückliegenden Lebenshöhepunkte erinnert. Gordon Matthew Sumner nicht.

Gerade hat er für „Brand New Day“ zwei Grammys eingefahren, darunter einen für das beste Album. Er wird beim „Live Aid 2“-Konzert im Oktober in New York als Star gefeiert werden und im November erscheint schon die nächste CD. Sting ist reich, erfolgreich, introvertiert und kreativ wie nie. Er braucht den Geburtstag einfach nicht.

Gefeiert wurde trotzdem. Sting traf in Marrakesch in Marokko ein paar alte Freunde zum gemeinsamen Musizieren. Die Band hiess, einige der Älteren werden sich erinnern, Police. Es war ein Anfang, dessen er sich jetzt mit fünfzig nicht zu schämen braucht. Auch, wenn er hinterher beschloss, alles anders zu machen.

Police war der Weg zu Sting, wie man ihn heute kennt. Jazzig, aber genau. Rockig, aber mit Gefühl. Die herausragenden Titel sind nicht das Besondere an ihm. Sondern die Platten und Konzerte. Er ist ein Meister des Gesamtkunstwerks, das er penibel zu inszenieren versteht. So penibel, dass der Zuhörer davon nichts mitbekommt.

Der Sohn eines Milchmanns und einer Friseuse hat sich seine Millionen hart erarbeitet und gibt sie für den Regenwald und soziale Projekte gern wieder aus. Musikalisch möchte er ebenfalls die Welt verbessern: Auch die Russen lieben ihre Kinder, sang er damals in der Zeit der Hochrüstung. Und seine Lieder gegen das Pinochet-Regime gehören zu den anrührendsten seiner gesamten Laufbahn.

Sich selbst gönnt er ein paar Marotten. Kein Deo zu benutzen, täglich Yoga zu betreiben. Was nach eigener Aussage dazu führen soll, dass er fünf Stunden lang ohne Pause Sex haben kann.

Glückwunsch.

Stimme der 68er

Joan Baez, der Mutter aller Liedermacher, zum 60. Geburtstag

Wenn sie die Stimme erhebt, ist alles so klar: Wir werden es schaffen, auch wenn es gerade jetzt nicht danach aussieht. Das war ihre Weihnachts-Botschaft 1972 in den Luftschutzkellern von Hanoi wie 1993 im Kriegsgebiet von Bosnien-Herzegowina.

Joan Baez wird heute 60, das Einmischen hat sie sich nicht abgewöhnen können. Ihre Helden sind die Verlierer. Sacco und Vanzetti (Ennio Morricone schrieb die Musik zu diesem Baez-Text) oder dem alten Dixie verhalf sie zu weltweiter Popularität, die Titel wiederum machten den Namen Joan Baez bis in den letzten Winkel des Planeten bekannt. Und auch bei jenen, die Folk nicht mochten, starb wenigstens noch ein gewisser Conny Kramer.

Eine ungewöhnliche Karriere für die Tochter eines mexikanischen Physikers und einer schottischen Lehrerin, die 1941 in Staten Island zur Welt kam. Doch als ihr Vater einen gut bezahlten Rüstungsjob aus Gewissensgründen aufgab, war die Pazifistin Joan geboren.

Sie hat eine Menschenrechtsorganisation gegründet, trat an nahezu allen Brennpunkten dieser Welt auf und mischte sich ein. Sie tut es noch heute, wenn auch etwas weniger und etwas leiser. Nur Ideologien, auch linke, sind ihr fremd geworden. In all den Aktionen habe sie sich selbst oft nicht mehr wiedergefunden, sagte sie. Also macht Joan Baez nicht mehr Weltrevolution, sondern singt gegen Kindesmissbrauch oder über das Schicksal illegaler Einwanderer. Und über Liebe.

Joan Baez war immer mehr als eine Sängerin, seit sie 1959 zum ersten Mal beim Newport-Festival auf die Bühne kletterte. Ihr verdankt Bob Dylan seinen Karriere-Durchbruch, sie machte Pete Seegers We Shall Overcome zur Hymne. Sie ist ein Stück Woodstock und das Symbol für die 68er überhaupt.

Aber erst, wenn sie die Stimme erhebt, ist alles so klar.

Alles blieb anders

Vor zehn Jahren erschien das Album Februar von Silly

Es war Februar 1989 und es hätte wohl ein Aufschrei durchs Land gehen müssen damals. Das SOS war unüberhörbar. Doch es gab keinen Aufschrei. Weder bei denen, die da bloßgestellt wurden, noch im Volke. Die LP Februar von Silly erschien, wurde mehr oder weniger nett besprochen und gespielt. Als sei nichts weiter gewesen in der DDR. Das Gespenst ging nur in der Mitropa um.

Das, was heute die Revolution genannt wird, begann leise. Das wohl wichtigste und beste Album von Silly (der frühe Tod von Tamara Danz läßt leider diese absolute Beurteilung zu) ist auch zehn Jahre danach ein Phänomen geblieben.

Februar entstand in einer Zeit der Entscheidungen. Und der Scheidungen. Der Texter Werner Karma, dem Silly maßgeblich den Wandel von der Pop-Kapelle zur Botschafts-Band verdankt, steuerte nur noch zwei Lieder bei. Es ging nicht mehr, eine gereifte Tamara Danz wollte mitreden bei dem, was sie sang, Karma niemanden mitreden lassen. So sprang Baggerfahrer und Liedermacher Gundermann ein. Er ließ mit sich reden. Und Tamara als Co-Autor auch etwas mitverdienen. Amiga zahlte nur für Autoren gut, Interpreten wurden mit einem Butterbrot abgespeist.

Auch privat war es für Tamara die Zeit des schwierigen Wechsels zwischen zwei Männern innerhalb der Band. Die Zeit mit Ritchie Barton war abgelaufen, die Liebe zu Uwe Haßbecker stärker als die Vernunft, daß man so etwas nicht macht in einer Kapelle. Es soll, beteuern alle, einigermaßen gutgegangen sein. Aber es führte auch künstlerisch dazu, daß ein Riß durch die Familie ging. Danz, Barton und Hasbecker machten die Titel, Fritzsching und Junck spielten mit. Jäcki Reznicek stand wohl irgendwo dazwischen.

Die wichtigste Veränderung war aber wohl die formale Ankunft der Band in der Marktwirtschaft. Die Aufnahmen wurden in den Westberliner Preußen-Ton-Studios gemacht, Februar war eine Co-Produktion von Amiga und BMG Ariola. Und da Ariola zahlte, hatte Amiga nur wenig zu bestellen. Die Technik war vom Feinsten, die Lieder aber waren ungefilterte DDR-Realität. Dieses glückliche Zusammenfinden gab es nur, solange es die DDR gab. Danach wollte Ariola Silly zwar weiterproduzieren, aber mit Matthias-Reim-Texten, wie die Band erfahren mußte.

Wie die Platte wurde, darauf hatten die DDR-Macher damals nur wenig Einfluß. Zu entscheiden blieb eigentlich nur, ob sie auch in der DDR erscheinen durfte. Warum das mit diesen Texten ging, läßt sich nur spekulieren. Eine Variante ist das mit der Perestroika einsetzende Tauwetter, gepaart mit Zivilcourage einiger Funktionäre. Die andere Möglichkeit: Die Platte wurde einfach mißverstanden. Schon der erste Song, die Verlorenen Kinder, läßt sich gut und gern auch als Kritik am untergehenden Kapitalismus interpretieren, Obdachlose und Streuner waren im Osten offiziell unbekannt. Und „Alles wird besser, aber nichts wird gut“ ist mit seiner Absage an die Überflußgesellschaft kein drängendes Problem des DDR-Bürgers gewesen, der froh war, wenn er überhaupt etwas Nettes zu kaufen bekam.

Wer wollte, konnte Februar also auch als Westplatte hören. Als Sillys Beitrag zum ideologischen Klassenkampf. Schließlich hatte sich die Band auch beim Rock für den Frieden engagiert, schließlich gab es dieses Foto von der freundlichen Begegnung zwischen Tamara Danz und Erich Honecker. Doch die Fans im Osten hörten anders. Wer wollte, wußte um die eingestampfte Platte „Zwischen unbefahr’nen Gleisen“ und den Ausreiseantrag der Sängerin und fand die Botschaften wie gewohnt zwischen den Zeilen. Daß auch in den Zeilen offene Kritik zu finden war, machte das Album zum absoluten Renner bei allen, die unzufrieden waren. Nicht nur unzufrieden mit der DDR, sondern auch den möglichen Alternativen vor der Haustür.

Februar wurde nicht nur durch die Texte groß. Auch heute noch hält das Album Vergleichen mit aktuellen Produktionen stand. Trotz der verführerischen technischen Möglichkeiten wurden die Musiken von Barton und Haßbecker nicht zugekleistert, sondern am richtigen Leben gelassen. Wenn der Begriff stilistisch nicht so festgelegt wäre, könnte man es Blues nennen. Tamara Danz gab nicht nur ihre eigene Stimme, sondern arrangierte auch die Background-Chöre zu überraschenden Farben. Und die trockenen Trommeln von Herbert Junck gehen noch immer bis ins Mark.

Februar ist auch heute noch ein Phänomen. Offiziell geredet wird darüber kaum, auch vom nach dem Tod von Tamara Danz einsetzenden Verkaufsboom für Silly-Platten profitierten eher die Best-Of-CDs. Doch auf den Homepages nicht nur im Osten findet sich das Werk zunehmend bei den aufgezählten Lieblingsalben wieder. Und verschiedene alternative Jugendgruppen im Westen haben sich als Motto für ihre Kritik am (jetzt) bestehenden System die Titelzeile von Werner Karma ausgeborgt: Alles wird anders, aber nichts wird gut.

Es ist wieder Februar.

6.2.99

Einmal bleiben meine Schuhe leer

Zum Tod des Liedermachers Gerhard Gundermann

Manchmal handelten seine Lieder auch vom Tod. Einmal, so sang er kurz nach der Wende in einem Duett mit Tamara Danz, bleiben meine Schuhe leer. Nun sind sie leergeblieben. Gerhard Gundermann starb in der Nacht zum Sonntag überraschend an Herzversagen. Er war gerade 42 Jahre alt.

Tamara Danz, der er damals versprach, als schwarze Katze durch die offene Kellertür zurückzukommen, ging schon vor ihm. Vielleicht waren es die kurzen heftigen Jahre der Zusammenarbeit zwischen der schönen Frau des Rocks und dem fast unscheinbaren Baggerfahrer im Fleischerhemd, die Gerhard Gundermann heraushoben aus der Masse der weltverbessernden Liedermacher. Denn Gundi – keiner seiner Fans nannte ihn anders – schrieb die Texte zum Silly-Album »Februar«. Erschienen 1989, war es das Wende-Werk ansich nicht nur für DDR-Intellektuelle: Alles wird besser, aber nichts wird gut. Das Gespenst, dem auch Gundermann sein Leben verschrieben hatte, ging nur noch in der Mitropa um.

Er fing an wie viele andere: in einem Singeklub. Sang Lieder über den Aufbau, aber auch schon »Papa hat Geburtstag«. Es war der Beatles-Song »Birthday« in seiner ganz eigenen Fassung. Das paßte nicht so gut zum Singeklub, also gründete er 1978 die »Brigade Feuerstein«.
Tagsüber oder in der Nachtschicht saß er auf einem Bagger im Tagebau bei Hoyerswerda und holte Braunkohle aus der Erde, Feuersteine eben. Und auch, als sich ein gewisser Erfolg einstellte für den Sänger, wollte er das Baggerfahren nie lassen. Dort, lächelte Gundi, hätte er die besten Ideen und auch Zeit dafür.

Er verließ als einer der letzten seine Grube, als sie dichtmachte. Der Bagger sorgte dafür, daß er nie abhob. Trotz unverkennbarem Hang zum Philosophen in sich, sollten die Leute aus dem Tagebau verstehen, was er da sang. Und er erfand Bilder, die hängenblieben. Die grüne Armee, den siebenten Samurai. Dazwischen liegt das Spannungsfeld des Pazifisten, der gegen Geyers schwarzen Haufen kämpfen wollte bis zum Umfallen.

Robin Hood und Jesus tauchen in den Texten auf und die kleine Mücke, die er nicht erschlägt, wenn sie es ihren Kumpels nicht weitersagt. Das bißchen Blut ist doch locker mit Rotwein aufzufüllen.

Nach der Wende war es nicht lange ruhig um den gebürtigen Weimarer. Als bekannt wurde, daß von ihm nicht nur eine eigene Stasi-Akte existierte, sondern auch Freunde und Bekannte seinen Namen unter alten Berichten fanden, machte er ein Lied daraus. Und die Fans kamen weiter in die Konzerte.

Singen konnte er eigentlich nicht. Seine Stimme wäre eine Herausforderung für jeden Musikpädagogen gewesen. Aber wenn er so dastand im Fleischerhemd und sang, war es einmalig. Denn seine ruhige Unzufriedenheit tat vielen gut.

Man muss wohl jetzt die Kellertür immer einen Spalt offen lassen.

Die Wühlkiste – nicht nur für Eingeborene